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Profil / Archiv | Beitrag vom 13.05.2009

Abgebrühte Romantikerin

Porträt der Schriftstellerin Susanne Heinrich

Von Mirko Heinemann

Susanne Heinrich hat nahezu keine Erinnerungen mehr an die Zeit vor der Wiedervereinigung. Dennoch betrachtet sie sich als ein Kind der DDR.  (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Susanne Heinrich hat nahezu keine Erinnerungen mehr an die Zeit vor der Wiedervereinigung. Dennoch betrachtet sie sich als ein Kind der DDR. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Susanne Heinrich glaubt zwar nicht an die Liebe, und wenn, dann nur in einem pragmatischen Sinn. Trotzdem sind tiefgründige Beziehungsgeschichten ihr Thema und geheiratet hat sie in weiß. Mit gerade 23 Jahren hat sie bereits drei Bücher veröffentlicht und versucht sich jetzt auch als Musikerin.

Susanne Heinrich liest in einer Berliner Buchhandlung; der Besucherandrang ist enorm. Die Geschichte spielt auf einem Polterabend vor der Hochzeit. Alte Freunde kommen zusammen. Geheime Sehnsüchte brechen auf. Ein schicksalhaftes Beziehungsgeflecht entsteht, in dem die Liebe keinen Platz hat. Es geht nur um persönliche Interessen – und um Sex.

Susanne Heinrich ist eine verwirrende Person. Da sitzt sie mit kurz geschnittenen, derzeit dunkelblonden Haaren, in schreiend bunten Leggins und mit einem Handtäschchen, und man glaubt, ein verträumtes Mädchen zu sehen. Aber dann sagt sie Sätze wie diese:

"Ich stelle fest, dass es heute wieder eine große Sehnsucht nach Romantik gibt: also die unerfüllte Liebe als Idealform der Liebe, weil sie quasi nie enttäuscht werden kann und weil die Projektion niemals abgeglichen werden muss mit der Wirklichkeit. Das finde ich sehr feige, aber ich glaube, dass es tatsächlich fast die einzige Möglichkeit ist, romantische Liebe für sich noch zu hüten. Aber es ist eben eine Illusion."

Mit Illusionen hält sich Susanne Heinrich nicht auf. Mit nur 23 Jahren hat sie jetzt ihr drittes Buch veröffentlicht. Aufgewachsen ist die Pfarrerstochter in einem kleinen Dorf in Sachsen. Es gab Kühe statt Kino, das wahre Leben spielte sich woanders ab. Bis der Vater nach Leipzig versetzt wurde.

"Ich war ein Kind, das sehr oft einfach alleine in den Wald gefahren ist und da stundenlang rumgelegen hat und Wolken angeguckt hat. Als ich dann in die Stadt gekommen bin mit 13, habe ich in zwei Jahren alles nachgeholt, von dem ich plötzlich dachte: Das hat mir unendlich gefehlt. Und ich habe nichts davon gewusst, dass es mir so gefehlt hat."

Ab sofort führt Susanne Heinrich ein Leben im Zeitraffer. Sie verbringt die Nächte in den Programmkinos. Manchmal sieht sie sich drei Filme hintereinander an, einen Chabrol, einen Tati, einen Godard. Sie nimmt Gesangsunterricht, lernt tanzen, spielt Theater. Die Schule bricht sie ab und beginnt zu schreiben. Sie gewinnt Preise und bekommt einen Studienplatz am Literaturinstitut Leipzig. Ein Literaturkritiker schreibt, ihre Protagonistinnen seien "junge Frauen mit alten Seelen". So wie Susanne Heinrich?

"Ich denke, dass es vielleicht damit zu tun hat, dass ich mich immer schon mit Älteren umgeben habe. Mein Mann ist Jahrgang 1970, meine Freunde sind alle wesentlich älter als ich. Zum letzten Mal hatte ich mit Gleichaltrigen zu tun in der Schule. Ich habe in der Schule immer sehr große Schwierigkeiten gehabt, mich irgendwo einzufügen. Deswegen fällt es mir auch immer so ein bisschen schwer, was über die Befindlichkeiten meiner Generation zu sagen."

Susanne Heinrich hatte nie das Gefühl, irgendwo dazu zu gehören. Mit einer Ausnahme: Obwohl sie keinerlei Erinnerung an die Zeit vor der Wiedervereinigung hat, sieht sie sich als Kind der DDR.

"Es gibt immer noch so eine Solidarität der Untergegangenen, die in einem Staat aufgewachsen sind, den es nicht mehr gibt. Und die genau darum immer so darauf beharren müssen, dass es ihn mal gegeben hat, weil er anders sonst gar nicht mehr existieren würde, als in eben dieser Erinnerung."

Deshalb muss sie mit ihrem Ehemann, einem Bayern, immer noch Ost-West-Konflikte austragen. Deshalb trinkt sie gerne Brüderschaft mit Ostdeutschen, deshalb mag sie das Unfertige des Ostens lieber als die Perfektion des Westens. Susanne Heinrich liebt die Veränderung. Sie möchte lernen, über alles Bescheid wissen, ob es um atomare Teilchen geht oder um die Liebe.

"Alles, was wir über Sexualität wissen, über die biologischen Programme, die in uns ablaufen, auf was Hirnforscher Liebe reduzieren - wenn man diese Fakten zusammennimmt, ist es ein klarer Beweis dafür, dass es keine Liebe geben kann. Ich denke, es gibt zumindest die Möglichkeit, jemanden zu finden, der einen so gut kennt wie man selbst oder besser, mit dem man trotz alledem, was man weiß, seltsamerweise aus unerfindlichen Gründen zusammenbleibt."

Wie pragmatisch. Und wie erstaunlich, dass ausgerechnet Susanne Heinrich in Weiß geheiratet hat, im Schloss, mit Kutsche und Aufgebot. Vielleicht findet man die Wahrheit über sie weniger in ihren Büchern, sondern in der Musik ihrer Band, die "Watching me fall" heißt und demnächst ihre erste CD veröffentlichen will.

"Musik machen mit anderen zusammen – das macht mir im Moment mehr Freude, weil ich glaube, dass Musik unmittelbarer berühren kann als Literatur und nicht so einen weiten Weg zurücklegen muss bis zum Inneren des Zuhörers."

Hier offenbart sich eine andere Susanne Heinrich. Die Musik trägt sie fort von allen Naturgesetzen und öffnet ihr den Weg zu einer neuen Freiheit. Uns bringt sie zur Erkenntnis, dass die junge Frau im Grunde doch eine Romantikerin ist.

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