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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.09.2007

Abgang ins schwarze Nichts

"Ödipus auf Kolonos" an den Münchner Kammerspielen

Von Christoph Leibold

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Blick in den Zuschauerraum eines Theaters (Stock.XCHNG)
Blick in den Zuschauerraum eines Theaters (Stock.XCHNG)

"Nicht geboren werden übertrifft jedes Glück!" – es ist ein Vers des Chores, der zum zentralen Satz in Jossie Wielers Sophokles-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen wird.

In "Ödipus auf Kolonos" (entstanden um 405 v.Chr.) findet der einstige Herrscher von Theben Zuflucht in einem Vorort Athens. Verbannt aus der Heimat, weil er nicht wissend den Vater getötet und die eigene Mutter geheiratet hat, ist Ödipus zum Bettler geworden, zum gramgebeugten Greis. In Kolonos wird seine ganze Leidensgeschichte nochmals aufgerollt. Doch gleichzeitig geschieht das Überraschende: Ödipus, dem die Götter übel mitgespielt haben, erweist sich als Auserwählter. Das Orakel von Delphi hat geweissagt, dass von Ödipus' Grab segensreiche Kräfte ausgehen werden, und so wird Ödipus in Kolonos freudig aufgenommen, es kommt zur Aussöhnung mit dem Schicksal.

Das ist eine abenteuerliche, kaum nachvollziehbare Wendung, die erklärt, weshalb das Stück selten auf der Bühne zu sehen ist. Auch Jossie Wieler mag nicht recht daran glauben. Er inszeniert nur Ödipus’ Verstörung, nicht aber seine Verklärung.

Wie Hamm in Samuel Becketts "Endspiel" - gleichfalls blind, nichts als Dunkelheit und das Ende vor Augen - sitzt Stephan Bissmeier als Ödipus an den Münchner Kammerspielen fast die ganze Aufführung lang auf einem Stuhl inmitten der Bühne, verzweifelt und selbstgerecht zugleich.

Stephan Bissmeier war immer schon ein Meister im Unterspielen seiner Rollen. Sein monotoner Sprachduktus wäre beinahe langweilig zu nennen, gelänge es ihm nicht immer wieder auf faszinierende Weise mit minimaler Modulation maximale Ausdruckskraft zu erzeugen. Auch seinen Ödipus kennzeichnet dieser unverwechselbare, reduzierte Bissmeier-Ton. Seine Körpersprache aber ist geradezu extrovertiert: Bissmeier spielt Ödipus als gebrochenen Greis, mümmelnd, Nägel kauend, nervös die Hände ringend, zittrig. Ein Beben durchschüttelt den ganzen Körper, wenn er erregt ist. Worte und Sätze spuckt er dann nur noch brockenweise aus. Der ganze lange, hagere Mensch: eine einzige Verrenkung. Ein Wrack. Einer, der sichtbar daran leidet, dass er schuldlos schuldig geworden ist. Und über diese Einsicht kaputt gegangen ist.

Ödipus als Mensch, der ins Leben geworfen und ihm ohnmächtig ausgeliefert ist – das ist die moderne Seite von Sophokles’ Schauspiel, die Jossie Wieler und sein großartiger Hauptdarsteller konsequent herausstellen. Zum Happy End aber, das Sophokles der Tragödie angedichtet hat (Ödipus’ Tochter Ismene zum Vater: "Nun richten dich die Götter auf, die dich gestürzt") führt bei Wieler kein Weg. Er inszeniert sich in die Sackgasse, aus der er sich mit einem Kunstgriff befreit: Als Ödipus zum Sterben abgeht, steigt hinter ihm ein Scheinwerfer auf, der ihn wie einen Heiligenschein umstrahlt und die Zuschauer blendet. Doch die Verklärung ist nur fauler Bühnenzauber. Denn Ödipus geht nicht dem Licht entgegen, sondern tappt durch den Mittelgang in den Zuschauerraum Richtung Dunkelheit. Der Abgang eines Menschen, der besser nicht geboren worden wäre, ins schwarze Nichts.

Sophokles' "Ödipus auf Kolonos"
Münchner Kammerspiele
Premiere am 27.9.2007
Regie: Jossie Wieler
Von Christoph Leibold

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