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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.09.2011

Abenteuer zwischen Fakt und Fiktion

Miguel Syjuco: "Die Erleuchteten", Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2011, 444 Seiten

Syjuco stellt im Roman auch die Frage nach den Möglichkeiten und Aufgaben der Literatur. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Syjuco stellt im Roman auch die Frage nach den Möglichkeiten und Aufgaben der Literatur. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Realität und Fantasie werden vermischt in Miguel Syjucos Roman "Die Erleuchteten": Der Autor selbst geht auf die Suche nach dem verschollenen Manuskript seines ermordeten fiktiven Freundes Salvador. Dabei erzählt er von 180 Jahren philippinischer Geschichte und setzt sich mit seiner eigenen Identität als Migrant auseinander.

Februar 2002: Der angesehene philippinische Exil-Schriftsteller Crispin Salvador wird in New York tot und halbnackt aus dem Hudson River gezogen. War es Selbstmord oder Mord? Feinde hatte Salvador, Abkömmling einer einflussreichen Plantagenbesitzerfamilie, viele: Als Schriftsteller war er umstritten, weil er kein Blatt vor den Mund nahm - und weil er es wagte, sich den Erwartungen nicht allein seiner philippinischen Leser beständig zu entziehen.

Ein Werk allerdings, von jahrelangen Gerüchten umwoben, bleibt mit Salvadors Tod unvollendet: "The Bridges Ablaze", eine geplante Abrechnung mit den politischen und gesellschaftlichen Machenschaften der philippinischen Elite. Salvadors einziger Freund, der talentierte und ebenfalls in New York beheimatete, philippinische Nachwuchsautor Miguel Syjuco, reist daher zurück in die gemeinsame Heimat. Eine Spurensuche beginnt: nach dem verschollenen Manuskript und nach Salvadors Leben, denn Miguel möchte seinen Freund und Mentor mit einer Biographie würdigen.

Schon diese furiose Ausgangsszene der "Erleuchteten" - der Begriff bezeichnet zugleich die wohlhabende Schicht der philippinischen Intelligenzija, die sich im späten 19. Jahrhundert in Europa ausbilden ließ - macht rasch deutlich, dass der 1976 in Manila geborene, in New York beheimatete (reale) Autor Miguel Syjuco seine Leser in ein trickreiches Abenteuer schickt, das Fakt und Fiktion, Fantasie und Wirklichkeit fast unauflöslich miteinander verhakt.

Drei Erzählstränge bilden fortan den Roman: Da ist Salvadors durch und durch erfundenes Leben und Werk (für das sich ein - natürlich gefälschter - Eintrag auf Wikipedia findet); da ist Miguel Syjucos (autobiografisch gefärbte) Auseinandersetzung mit seiner eigenen Identität als Migrant und Schriftsteller; und da sind seine Reiseeindrücke aus dem grellen Manila der Gegenwart.

Zugleich ist der Roman eine aus Bruchstücken gewobene Collage: Zitate aus Salvadors Werken wechseln sich ab mit Witzen, Ausschnitten aus der entstehenden Biografie und den Einwürfen eines rätselhaften allwissenden Erzählers. Doch im Gewand dieses ausgeklügelten postmodernen Spiels liefert Syjuco einen Überblick über rund 180 Jahre philippinische Geschichte, beginnend mit dem Unabhängigkeitskampf im Jahre 1869 zur Zeit der spanischen Besatzung bis hin zu den heutigen Separationsbewegungen im muslimisch geprägten Süden des Landes.

Vor allem aber stellt er die Frage nach den Möglichkeiten und nach der Aufgabe von Literatur: Wie kann die Literatur im 21. Jahrhundert von Geschichte erzählen - nach dem "Ende der Geschichte"? Was muss, was darf ein philippinischer Autor erzählen, damit er ein philippinischer Autor ist? Sprich: Wie definiert sich postkoloniale Literatur heute, im Zeichen einer globalisierten Welt, in der Multikulturalität und Renationalisierung gleichgewichtige Kräfte bilden.

Gewichtige Themen also. Miguel Syjuco, der für "Die Erleuchteten" unter anderem 2008 den Man Asian Literary-Preis erhielt, verhandelt sie mit verblüffender Gewitztheit und einer literarischen Ambition, die nur manchmal zur Selbstgefälligkeit tendiert.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Miguel Syjuco: Die Erleuchteten
Aus dem Englischen von Hannes Riffel
Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2011
444 Seiten, 22,95 Euro

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