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Studio 9 | Beitrag vom 23.04.2018

Ab in die ZelleEine Büchersafari durch Berlin

Von Benjamin Dierks

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BücherboXX in Charlottenburg-Nord in Berlin (picture alliance / dpa / Sonja Marzoner)
Eine BücherboXX in Charlottenburg-Nord in Berlin soll zum Lesen einladen. (picture alliance / dpa / Sonja Marzoner)

Ein Buch rein, ein Buch raus. Beim Projekt "Bücherboxx" fungieren alte Telefonzellen als Bibliotheken. Anwohnerinnen finden dort kostenlos Lesestoff und kommen miteinander in Kontakt. Wir haben zwei begeisterte Büchertauscherinnen in Berlin begleitet.

"Oh, das ist ja übersichtlich."

"Das ist ja wirklich sehr übersichtlich, was ist denn da?"

Tanja Hemme stemmt die schwergängige Tür einer gelben Telefonzelle auf und kann ihre Enttäuschung nicht verbergen. Ihre Freundin Birgit Kahle blickt ihr über die Schulter. Sie taxieren die Buchrücken, die an der Wand der Zelle in einem Regal aufgereiht stehen, wo einst ein Münztelefon hing. Das Angebot hier finden die beiden Frauen etwas dürftig.

"Es ist auf jeden Fall nicht allzu viel hier, ich bin ganz überrascht. Ich kenne nur volle Bücherboxen."
 "Aber guck mal hier, Hemingway, 'Wem die Stunde schlägt', es gibt zumindest ein paar Klassiker." "Das ist auch eine ziemlich alte Ausgabe."

Tanja Hemme hat einst Literaturwissenschaft studiert und wohnt am gutbürgerlichen Rüdesheimer Platz im Südwesten Berlins. Die Bücherboxx in ihrer Nachbarschaft nutzt sie eifrig. Birgit Kahle wohnt in Prenzlauer Berg. In ihrem Kiez werden gebrauchte Bücher an einem umfunktionierten Baum zum Tausch angeboten. Die beiden Frauen sind begeistert vom Büchertausch und sind beeindruckt, wie hochwertig die Literatur ist, die dort mitunter steht.

"Das Spannende ist tatsächlich, dass man nicht weiß, was einen erwartet: Was steht da drin, sind das Kinderbücher, sind das Romane? Ich habe auch schon mal…, ich glaube, eine zehnbändige Thomas-Mann-Ausgabe stand darin."

Aber sie fragten sich, wie es in anderen Teilen der Stadt aussieht. Deshalb haben sie sich verabredet, um ein paar der Bücher-Telefonzellen aufzusuchen. Den Anfang machen sie in der Osloer Straße in Gesundbrunnen. Der Ortsteil grenzt an die beliebten und teuren Viertel Prenzlauer Berg und Mitte. Aber hier sieht die Sozialstruktur etwas anders aus. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und viele Jugendliche sind von staatlicher Hilfe abhängig. Auch die Bücherboxx entspricht nicht dem, was die beiden Frauen gewohnt sind.

Birgit Kahle und Tanja Hemme mit Bücherbeute (Deutschlandradio / Benjamin Dierks)Birgit Kahle und Tanja Hemme mit Bücherbeute (Deutschlandradio / Benjamin Dierks)
"Also, wenn ich das mal vergleiche mit der Bücherboxx am Rüdesheimer Platz, die ist wesentlich voller und da ist auch ein reger Austausch, also da sind immer Bücher, die reingestellt werden, die rausgenommen werden. Hier könnte man eigentlich viel mehr daraus machen. Hier ist noch viel Potenzial."

Im Wedding ist ordentlich was los

Im benachbarten Wedding bietet sich den beiden Frauen ein anderes Bild. Laufend kommen Anwohner vorbei, um Bücher in die Telefonzelle zu stellen. Tanja Hemme und Birgit Kahle kommen sofort mit ihnen ins Gespräch.

"Hier ist ja ordentlich was los."
"Hier immer."

"Hier ist immer was los."

"Ist immer richtig schön, weil man größere Auswahl hier hat, die Leute bringen was, am laufenden Band ist da was."

Ein Mann aus der Nachbarschaft sucht die Telefonzelle regelmäßig nach einem bestimmten Autor ab.

"Haben Sie auch was von Ludwig Ganghofer? Ich suche nämlich ein paar Bücher von ihm noch."

Ganghofer wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Bayern mit Heimatromanen berühmt. Der BücherboXXen-Nutzer aus dem Wedding berichtet, dass er eine besondere Verbindung zu ihm entdeckt habe.

"Wie viele Ganghofer-Bücher haben Sie denn schon?"
"Etwa 18."
"Und Sie wollen das komplettieren?"
"Ja, das hat einen besonderen Grund, er gehört zu meiner Familie oder ich zu der Familie Ganghofer. Ich bin darauf erst durch Ahnenforschung gestoßen."

Birgit Kahle und Tanja Hemme finden sonst viel französische Literatur. Die ehemalige Telefonzelle – ein französisches Modell – steht neben einer Miniatur des Eiffelturms und wird vom benachbarten Centre Français betrieben, einem französischen Kulturzentrum. Die Freundinnen sind angetan.

"Das scheint wirklich Teil des Kiezes hier zu sein, also das lebt auch wirklich davon."
"Alle sprechen miteinander. Ich finde, das ist eine tolle Sache. Und das konnte die eben, die erste Zelle eben nicht."

Lehrer und Schüler haben Regal gebaut

Mit der U-Bahn machen die beiden Frauen sich auf den Weg Richtung Süden.

Nach der französischen wollen sie die englische Telefonzelle besichtigen, die am Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf steht. Auf einer Holzbank neben der Zelle sitzt ein Anwohner, der sich als Peter vorstellt. Er vergewissert sich regelmäßig, dass mit der Zelle alles in Ordnung ist.

"Wenn ich mit dem Hund vorbeigehe, dann setze ich mich hier hin, je nach Wetter. Im Winter gucke ich hier. Dreimal am Tag bin ich hier."

Peter berichtet, dass ein engagierter Berufsschullehrer für das charakteristische rote Häuschen gemeinsam mit seinen Schülern ein neues Regal geschreinert hat.

"Da hat sich jemand richtig Mühe gegeben. Hier kommen auch gerade regelmäßig Leute her und bringen Bücher. Dieses Mal wie viele Bände von Reader’s Digest? Zwei, vier, sechs, fast 20."

"Ja, das ist so der deutsche Festmeter Kultur."

Tanja Hemme findet eine alte Ausgabe der "Schwarzen Galeere" von Wilhelm Raabe. Sie und Birgit Kahle sind beeindruckt davon, dass Nachbarn wie Peter sich ohne großes Aufhebens um die Bücherboxx kümmern. Und der weiß, was er an der alten Telefonzelle hat.

"Wenn ich überlege, was ich für Bücher ausgegeben habe, wie viel Geld. Und heute kriege ich die umsonst, weil viele Leute dieses Haptische gar nicht mehr brauchen. Die haben ein Kindle oder so eine andere Scheiße."

Tanja Hemme und Birgit Kahle genießen es, Bücher aus Papier in der Hand zu halten. Und sie wollen weiter durch die Stadt ziehen, auf der Suche nach alten Telefonzellen.

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