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Interpretationen / Archiv | Beitrag vom 06.01.2019

"A Pastoral Symphony" von Ralph Vaughan WilliamsDer Soldat als Hirte

Moderation: Jan Brachmann

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Der Komponist Ralph Vaughan Williams (picture alliance / dpa)
Er fühlte sich mehr als englischer denn als britischer Komponist: Ralph Vaughan Williams, fotografiert 1957, ein Jahr vor seinem Tod (picture alliance / dpa)

Beethoven schrieb "die" Pastoralsinfonie – Vaughan Williams "eine" Pastoralsinfonie. Ein gutes Jahrhundert nach der Wiener Klassik wurde das Werk des englischen Komponisten zum Spiegel einer Zeitenwende.

Neben Dmitri Schostakowitsch haben nur wenige Komponisten über einen so langen Zeitraum hinweg Sinfonien komponiert wie der Engländer Ralph Vaughan Williams (1872-1958). Seine Erste, die "Sea Symphony", entstand 1910 noch zu Lebzeiten von Gustav Mahler. Seine Siebte, die "Sinfonia Antartica", reflektierte in den Jahren 1949-52 das Zeitalter des Fortschritts nicht nur als konzertante Filmmusik, sondern auch als Auseinandersetzung mit dem imperialen Wettlauf zu den entlegensten Winkeln der Erde. 1957 schloss er sein sinfonisches Werk standesgemäß mit einer "Neunten" ab, die zu einer Zeit entstand, als die wildesten Jahre der seriellen Musik bereits Geschichte waren und zugleich die ersten Rock’n’Roll-Etablissements von Halbstarken zerlegt wurden.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Blutige Böden

Wer auf diese Weise ein Jahrhundert miterlebt und künstlerisch nachvollzieht, an dessen Schaffen gehen auch die Katastrophen der Zeit nicht spurlos vorüber. Beide Weltkriege hat Vaughan Williams in seinen Sinfonien gespiegelt, am ungewöhnlichsten sicherlich in der Dritten, die er selbst zur "Pastorale" erklärte. Das 1922 uraufgeführte Werk hat seine Wurzeln sechs Jahre früher und in einem wenig idyllischen Umfeld: Der Künstler diente während des Ersten Weltkrieges in Nordfrankreich und erlebte dort die Verwüstungen von Mensch und Natur mit.

Schuld und Sühne

Und so deutet der Autor der Sendung, Jan Brachmann, die Sinfonie dann auch nicht als Stück lieblicher Daseinsbejahung, sondern als Austragungsfeld eines tiefen Durchlebens von Schuld und Vergebung: keine unschuldige Pastorale, sondern eine der inneren und äußeren Verheerung, die dennoch nicht aufhört, zu hoffen. Die Reihe der von ihm verwendeten Aufnahmen beginnt mit dem Uraufführungsdirigenten Adrian Boult und stellt die moderneren Auffassungen von Leonard Slatkin, Kees Bakels und Roger Norrington dagegen. Soldat und Hirt, Schlachtfeld und Idylle: Dass zusammengehen kann, was eigentlich nicht zusammengehört, sich sogar fremd gegenübersteht – das ist eines der Wunder, die vor allem Kunst vermag. In diesem Werk ist es gelungen.

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