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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.06.2015

90 Jahre DAADWeltbürger durch akademischen Austausch

Margret Wintermantel im Gespräch mit Nana Brink

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Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Weltoffenheit und Toleranz: Dafür steht der Deutsche Akademische Austauschdienst, der in diesem Jahr sein 90-jähriges Bestehen feiert. Die Konfrontation mit anderen Perspektiven sei wichtig, sagt Präsidentin Margret Wintermantel.

Die Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Margret Wintermantel, hat die zentrale Bedeutung des internationalen Austausches für den Wissenschaftsbetrieb herausgestellt. Wissenschaft mache vor nationalen Grenzen nicht halt, sagte sie im Deutschlandradio Kultur zum 90-jährigen Bestehen des DAAD. Weiterer Inhalt der Arbeit sei es, die geförderten Studentinnen und Studenten auch zu "Weltbürgern" zu machen:

"Die mit anderen Kulturen umgehen können, die mit anderen diskutieren können und die daran gewöhnt sind, mit anderen Perspektiven konfrontiert zu werden."

Wintermantel betonte, dass die Gesellschaft insgesamt von der Tätigkeit des DAAD profitiere:  

"Dass man weltoffen, tolerant miteinander spricht, miteinander auch auf Augenhöhe diskutiert, das wird weiterhin der Kern unserer Arbeit sein."

Weltweites Netzwerk

Zukünftig müsse man das vorhandene weltweite Netzwerk stärker nutzen, meinte  Wintermantel:

"Im Hinblick auch darauf, dass strategische Entscheidungen der internationalen Kooperation getroffen werden. "

Damit könne die Leistungsfähigkeit der deutschen Forschungs- und Wissenschaftslandschaft gesteigert werden.Mit einem Festakt in der Berliner Akademie der Künste am 17. Juni 2015 begeht der DAAD sein 90-jähriges Bestehen. Die Jubiläumsrede soll Außenminister Frank-Walter Steinmeier halten.



Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Was haben der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe, Fernsehmoderator Cherno Jobatey und die Kulturwissenschaftlerin Nike Wagner miteinander gemeinsam? Sie waren irgendwann mal in ihrem Leben Stipendiaten des DAAD, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Eine der wichtigsten und weltweit größten Organisationen für den Austausch von Studenten und Wissenschaftlern feiert in diesem Jahr sein 90-jähriges Bestehen, heute mit einem großen Festakt und viel Prominenz.

Der DAAD ist ein eingetragener Verein – 238 Hochschulen gehören zu den Mitgliedern – und ist mit einem Etat von gut 440 Millionen Euro, überwiegend aus Bundesmitteln, ja nicht schlecht ausgestattet. So viel zu den Fakten. Was aber macht die Arbeit des DAAD aus, auch über den Zeitraum von 90 Jahren? Professor Margret Wintermantel ist die Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Guten Morgen, Frau Wintermantel!

Margret Wintermantel: Ja, guten Morgen!

Brink: Die Idee bei der Gründung war Toleranz, Völkerverständigung und Friedenssicherung, gilt das bis heute?

Wintermantel: Ich würde ganz gerne noch mal zu ihren einleitenden Worten etwas sagen: Ich muss betonen, dass der Deutsche Akademische Austauschdienst ein Verein der deutschen Hochschulen und ihrer Studierenden ist. Das ist einfach wichtig zu wissen, weil wenn wir jetzt zurückblicken auf die 90 Jahre Geschichte des DAAD – es ist eine studentische Initiative gewesen, die den Deutschen Akademischen Austauschdienst gegründet hat. Also das war ein Student in Heidelberg, der meinte 1925 – und konnte auch seine Umgebung davon überzeugen  –, dass es wichtig ist, für Studierende ins Ausland zu gehen und neue Perspektiven kennenzulernen, den Horizont zu erweitern.

Gründungsziele: Völkerverständigung und Toleranz

Brink: Und die Idee, also die Gründung, noch mal zurück zu dieser Gründungsidee Völkerverständigung, Friedensicherung, Toleranz – das klingt ja eigentlich sehr modern.

Wintermantel: Das war damals auch schon so, und dieser Student hat dann auch seine Umgebung davon überzeugen können, dass es wichtig ist. Damals natürlich, 1925, nach dem Ersten Weltkrieg, als die Reputation der deutschen Wissenschaft nicht besonders gut war in der Welt. Und man hat dann doch gemeint: Wir müssen eine offene Gesellschaft haben, wir müssen nach außen gehen, wir müssen unsere Türen öffnen, aber damals schon eher im Sinne der Steigerung der Reputation und der Weltoffenheit. Die Idee der Völkerverständigung, der Toleranz und der Friedenssicherung ist sicher erst nach dem Zweiten Weltkrieg dann bei der Neugründung 1950 so in den Vordergrund gerückt.

Brink: Hat denn dann der DAAD wirklich Deutschland wirklich weltoffener gemacht? Glauben Sie das?

Wintermantel: Das denke ich schon. Nun ist es natürlich auch so, dass ich viele Menschen treffe, viele Personen, die vom DAAD gefördert worden sind, die ins Ausland gegangen sind und viele auch Ausländer, die zu uns gekommen sind. Und gerade diese Begegnungen sind mir immer sehr eindrücklich dafür, wie wichtig es ist, die Türen offen zu halten. Festzustellen,  dass man bei uns ja was lernen kann, dass man Kontakte schließen kann. Ob das in Kenia oder in Mexiko ist oder in Vietnam, überall sind Gruppen von Alumni des DAAD, die sich Deutschland immer noch verbunden fühlen.

Die Stimmung ehemaliger Stipendiaten

Brink: Und was erzählen die Ihnen?

Wintermantel: Ja, ich bin gerade vor einer Woche in Hanoi gewesen, in Vietnam, wo wir ein Treffen hatten von Stipendiaten. Und da gibt es also Mütter, die ihre Kinder nun auch wieder nach Deutschland schicken. Und Väter, die in Deutschland studiert haben und die meinen, es ist gut, wenn unsere Kinder auch nach Deutschland gehen und dort studieren. Und dort ist eine ganz eindrucksvolle, positive Stimmung diesem Austausch gegenüber, das freut mich sehr.

Brink: Nun möchte ich mal die Idee des Austausches noch mal aufgreifen, der ja auch im Namen vorkommt, das gehört ja eigentlich heute – in dem Sinne ist es ja sehr modern – in einem Lebenslauf ja fast schon dazu, dass man einen Auslandsaufenthalt während des Studiums einplant

Wintermantel: Ja, also wir halten es schon für richtig, dass man während des Studiums ins Ausland geht, nicht nur, um weitere Kompetenzen zu erwerben, sondern auch seine Perspektiven zu erweitern, auch festzustellen, dass woanders Dinge anders gemacht werden und dass das nicht unbedingt schlechter ist, sondern dass man einfach offen ist für neue Erfahrungen. Wir wollen doch eigentlich, dass unsere jungen Leute, ja, Weltbürger werden, die mit anderen Kulturen umgehen können, die mit anderen diskutieren können und die daran gewöhnt sind, mit anderen Perspektiven konfrontiert zu werden.

Nothilfe für Krisenregionen

Brink: Also die Idee der Toleranz, Völkerverständigung, um mal wieder auf diese Gründungsidee auch immer wieder zurückzukommen. Nun haben wir gesprochen, dass wir unsere jungen Leute nach draußen schicken, aber wir holen ja auch welche rein oder wir unterstützen ja auch oder Sie tun das. Wie geht denn der DAAD mit den Krisen in dieser Welt um? Gibt es so etwas wie Nothilfe für Studenten in Krisenregionen?

Wintermantel: Ja, wir haben ja jetzt gerade eine Aktion mit den kenianischen Studierenden – Sie kennen diese Sache, dass da an der Universität Garissa Studenten bei einem terroristischen Anschlag erschossen worden sind ...

Brink: Vor einigen Wochen, ja.

Wintermantel: Ja, vor einigen Wochen ... und wir können nun helfen. Die Universität ist geschlossen worden. Und die Studenten, die noch da sind, die Studierenden, müssen jetzt irgendwie eine andere Perspektive, eine andere Chance bekommen – das kann der DAAD unterstützen. Das ist eine Sache. Und wir haben auch mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes ein neues Programm für syrische Stipendiaten aufgelegt. Wir haben einen großen Andrang von syrischen Studierenden, die bei uns studieren wollen und die auch zusätzliche Lehrangebote bekommen – und wir hoffen, dass wir da unterstützen können, ja.

Brink: Wie wählen Sie die aus?

Wintermantel: Wir haben ungefähr 500 Gutachter und Gutachterinnen, Professorinnen und Professoren, die in Interviews auf der Grundlage natürlich der Nachweise der bisherigen Studienleistungen die Personen auswählen.

Brink: Aber die können ja nicht nach Syrien fahren, also das stelle ich mir schwierig vor.

Wintermantel: Nun, wir haben eine große Aktion gemacht, um Studierende auszusuchen.

Die Aufgaben der Zukunft

Brink: Heute ist der große Festakt. Nun werden Sie uns bestimmt nicht verraten, was Sie im Detail in Ihrer Rede sagen werden, aber vielleicht die Zusammenfassung, was ist die Idee, was muss in den nächsten 90 Jahren passieren, was sollen Sie anders machen oder was wollen Sie behalten?

Wintermantel: Die Kernaussage oder unsere Hauptsätze sind natürlich die, dass der akademische Austausch für die Wissenschaft zentral ist und wichtig ist, das ist klar. Wissenschaft macht vor nationalen Grenzen nicht Halt, das muss international sein. Das ist das eine. Dann, dass unsere Geförderten im akademischen Austausch, dass sie zu Weltbürgern werden, das wird ein weiterer Inhalt sein.

Und natürlich: Dass die Gesellschaft insgesamt davon profitiert, dass man weltoffen, tolerant miteinander spricht, miteinander auch auf Augenhöhe diskutiert, das wird weiterhin der Kern unserer Arbeit sein. Was wir sicher in Zukunft noch stärker nutzen müssen, ist unser Netzwerk, unser weltweites Netzwerk im Hinblick auch darauf, dass strategische Entscheidungen auch der Kooperation getroffen werden, der internationalen Kooperation.

Brink: Also dass man auch die deutsche Wissenschaft und Forschungslandschaft internationaler macht.

Wintermantel: Ja, weil wir glauben, dass das die Leistungsfähigkeit steigert.

Brink: Professor Margret Wintermantel, die Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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