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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 10.05.2019

90. Geburtstag von Ágnes Heller"Ich habe im Leben nichts bereut"

Von Blanka Weber

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Die Philosophin Agnes Heller sitzt in einer Szene des Dokumentarfilms «Carl Lutz. Der vergessene Held» auf einem Sessel und gestikuliert mit ihrer rechten Hand. (DOCMINE Productions)
Noch immer aktiv: Die Philosophin Ágnes Heller diskutiert leidenschaftlich gern. (DOCMINE Productions)

Sie gehört zu den großen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts: Am 12. Mai wird Ágnes Heller 90 Jahre alt. Sie überlebte die Nazis, lehrte in den USA und lebt nun wieder in Budapest. Ihr kritischer Blick ist gerade heute gefragt.

Sie ist Philosophin, Denkerin und Kritikerin der Gegenwart, vor allem auch der ungarischen Politik. Noch immer, mit 90 Jahren, ist sie eine gefeierte und gefragte Gesprächspartnerin. 

"Ich habe schon angefangen, mit neun Monaten zu sprechen. Meine Mutter sagt, ich war neun Monate alt, als ich schon sprechen konnte, gehen konnte ich noch nicht, aber sprechen konnte ich. Ich habe seitdem nicht aufgehört."

In einem ungarischen jüdischen Verlag publiziert sie noch immer ihre Bücher über philosophische Themen. Heute ist sie auf der Buchmesse verabredet. Ein Taxi nimmt sie nicht, sie fährt lieber Bahn – kostenfrei in Ungarn für Senioren. Ansonsten läuft sie, managt ihre Termine allein, schreibt Emails und kommuniziert auf ein verbindlich höfliche Art. 

Der Überfall in Budapest

Ágnes Heller sitzt in einer Straßenbahn. Linie 2. Es geht durch Budapest, entlang der Donau. Ein kurzes Innehalten, dort wo 60 Paar Schuhe aus Metall am Ufer stehen: Das Mahnmal von zwei Künstlern mit dem Titel: "Die Schuhe am Donau-Ufer", um an jene etwa 4.000 Menschen zu erinnern, die dort 1944 erschossen worden sind. 

Nur ein flüchtiger Blick von Ágnes Heller durch die Scheibe nach außen. Als sie 15 Jahre alt war, stand auch sie an dem Ufer und erwartete, dass man sie als Jüdin, so wie die anderen auch, erschießen würde. Sie hatte Glück, denn kurz vor ihr war die Munition gerade leer geworden. Nachdenkliche Worte der heute 90-Jährigen: 

"Schauen Sie mal, als kleines Kind hatte ich mit Judentum sehr wenig zu tun, obwohl ich von meinem Vater alle Informationen bekam. Aber 1933 wusste ich schon über Hitler, über Antisemitismus Bescheid."

Keine leichte Kindheit

Ágnes Heller wurde in Budapest geboren. Der Vater, ein Rechtsanwalt, ein Mann der Aufklärung, der Mozarts Zauberflöte liebte – und am liebsten Pianist geworden wäre. Er prägte sie, bis sich ihre Wege trennten. Er wurde nach Auschwitz deportiert. Die Tochter kam mit der Mutter ins Ghetto und überlebte durch viele Glücksumstände. Sie erzählt aus der Kindheit: 

"Persönlich habe ich das Gefühl als ich zehn Jahre alt war – da hatte man in Ungarn für Juden einen Numerus Clausus in der Mittelschule eingeführt – da konnte ich nicht zum Gymnasium gehen. Da ging ich in die jüdische Schule, das Jüdische Gymnasium. Es war der einzige Platz, wo ich studieren konnte, und da wurde ich mit der jüdischen Kultur bekannt gemacht, besonders weil ich einen wunderbaren Rabbi hatte, der Shamuel Kander hieß und den habe ich sehr liebgewonnen. Und ich habe viel über jüdische Geschichte und über die Bibel gelernt."

Interesse am Gegenüber

Ihre wachen Augen blitzen. Ágnes Heller ist immer an ihrem Gegenüber interessiert. Nichts scheint ihr zu viel, langweilig oder mühevoll zu sein. Sie argumentiert und fragt nach.

Die Philosophin und Schoah-Überlebende Ágnes Heller auf der Budapester Buchmesse 2019 (Blanka Weber)Die Philosophin und Schoah-Überlebende Ágnes Heller auf der Budapester Buchmesse 2019 (Blanka Weber)

"Alle Menschen sind mindestens ein Mal interessant, ob sie ein zweites Mal interessant sind, ist eine andere Frage, aber wenn man befreundet ist, bleibt man wahrscheinlich für immer interessant. Sie bleiben interessant, weil wir an ihnen interessiert sind."

Es gibt immer einen Grund für gute Gedanken, für ein Gespräch. Auch dann, wenn sie in den großen Wollmantel gehüllt mit kleinen Schritten an den Ständen der Buchmesse entlang tippelt.

Ganz heimisch auf der Buchmesse 

Und so tauscht sie an jenem Nachmittag die Ruhe im heimischen Wohnzimmer mit dem Trubel der Buchmesse. An jeder Ecke wird sie begrüßt und von langjährigen Wegbegleitern umarmt.

Am Stand des Verlages, ein kleiner Tisch. Kaum sitzt sie, wird sie umlagert von Freunden und Lesern. Jeder hat eine Frage an die große alte Dame, die äußerlich fast unscheinbar ist, weil von zierlicher Gestalt. 

Ihr Vater war es, der einst zu ihr sagte, sie müsse später nach der Schule irgend etwas anderes machen, nichts Typisches für Mädchen, vielleicht etwas mit Politik oder Philosophie. Genau das hat sie auch getan: Philosophie studiert, im sozialistischen Ungarn gelebt, später die Chance ergriffen, um an einer australischen Universität zu lehren. Es folgte New York: Ágnes Heller wurde Nachfolgerin von Hannah Arendt am Lehrstuhl für Philosophie.

"Ich habe im Leben nichts bereut, sicher habe ich nichts bereut. Natürlich habe ich schon mehrmals schlecht gewählt. Das heißt, das kann einen zu einem Besseren verändern, auch wenn man einen Fehler gemacht hat. Nein, ich habe nichts bereut."

Das Judentum ist ein wenig wie Philosophie

Und ihre Religion?

"Ich habe etwas vom Judentum gelernt, das ist eine Religion, wo es kein Credo gibt. Es ist nicht obligatorisch, an etwas zu glauben, das sind Gesetze, die muss man einhalten. Wenn man nicht alle Gesetze einhält, ist man noch immer ein guter Jude. Es ist eine hermeneutische Religion. Es gibt heilige Texte, aber du kannst den heiligen Text so interpretieren, wie du es willst – ein wenig wie in der Philosophie."

Kontroversen hat sie nie gescheut, im Gegenteil. Wenig später nimmt sie Wollmantel und Handtasche, trägt roten Lippenstift auf und verabschiedet sich. Sie müsse zur Bahn. Linie 2. Es wartet die nächste Verabredung.

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