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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.11.2018

85. Geburtstag von Krzysztof Penderecki "Er hat dafür gesorgt, dass moderne Musik relevant wird"

Volker Michael im Gespräch mit Dieter Kassel

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Krzysztof Penderecki am 30. Mai 2018 in Krakau (imago/Eastnews)
Krzysztof Penderecki am 30. Mai 2018 in Krakau (imago/Eastnews)

Er komponierte Teile der Filmmusik zu Kubricks "Shining" und nennt Beethoven sein Vorbild. Der Komponist Krzysztof Penderecki gehörte in den 1970er- und 80er-Jahre in Polen zur Avangarde. Später schuf er Werke in der Tradition von Mozart oder Haydn.

Dieter Kassel: Den Namen Krzysztof Penderecki hört man im Moment recht häufig. Das wird vor allen Dingen heute so sein, denn heute ist sein 85. Geburtstag, und der eine oder andere sagt sich da, den Namen habe ich durchaus schon mal gehört, aber wert ist das genau, und greift vielleicht zu einem Musiklexikon, Nachschlagewerk, von mir aus auch Wikipedia, aber da muss ich warnen: Nicht gleich nach den ersten vier, fünf Worten aufhören, denn da liest man natürlich sofort, er sei einer der wichtigsten Vertreter der Avantgarde und der postseriellen Musik.

Dann muss man weiterlesen, denn bei den besseren Artikeln kommt dann sogar die Anmerkung, dass manche Kritiker ihn inzwischen kritisch sehen, weil er diesen Pfad irgendwann verlassen hat. Das ist allerdings möglicherweise auch einer der Gründe, warum Penderecki längst einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten ist.

Wir wollen heute an seinem runden Geburtstag, dem 85., über ihn sprechen und über seine Musik natürlich vor allem, und zwar mit Volker Michael aus unserer Konzertredaktion. Schönen guten Morgen!

Volker Michael: Hallo, schönen guten Morgen!

Kassel: Ich war ich schon kurz vorm Losmeckern. Bleiben wir erst mal sachlich an diesem Geburtstag. Was muss man denn unumstritten als seine musikalischen Verdienste erst mal feststellen?

Michael: Also er hat einfach in den 1960-, 70er-Jahren nicht nur die Tendenzen der Zeit erkannt, sondern er hat sie mitgeprägt. Er hat sozusagen seinen Stil zum Markenzeichen gemacht, und er hat irgendwie dafür gesorgt, dass moderne Musik – also moderne Musik aus dem Konzertsaal, symphonische Musik ist vielleicht schon wieder ein bisschen ein falscher Begriff –, dass diese Musik relevant wird auch für gesellschaftliche Dinge, für die Suche nach dem, was ist neu, wo kann Musik etwas ausdrücken, was das alltägliche Leben irgendwie prägt.

Er hat da Wege gefunden, und er ist nicht populistisch gewesen, er hat nicht zum Beispiel Volksmusik neu aufgemotzt sozusagen und neu in den Konzertsaal gebracht und das irgendwie gefällig gemacht, sondern er hat sich immer sehr streng auch an der Klassik ausgerichtet. Also eigentlich Beethoven war sein großes Vorbild, und daraufhin arbeitet er ja auch bis heute. Er will auch unbedingt noch eine neunte Symphonie schreiben. Ob er das schafft … Ist ja auch eine blöde Zahl, sind ja alle nie über die Neun hinausgekommen, aber er hat Wege gezeigt, wie moderne Musik klingen kann. Sie kann hart sein – werden wir auch gleich ein Beispiel hören –, sie kann aufrütteln, aber sie muss nicht die Menschen verschrecken, oder sie muss nicht jetzt neu um des Neuen willen sein.

Kassel: Aber er hat ja im Prinzip dann schon vorher Musik gemacht, und da kommen diese Begriffe her, wie postseriell und Avantgarde, vor allem im Zusammenhang mit ihm, und in den 70er-, spätestens 80er-Jahren gab es ja fast so eine Abkehr von dieser, manche würden es die reine Lehre nennen. Wie hat er das selber begründet?

Avantgarde als "Sackgasse"

Michael: Also er war da nicht alleine, muss man sagen. Vor allem in Polen gab es eine ganze Gruppe von Leuten: Wojciech Kilar, Henryk Mikolaj Górecki sind Altersgenossen. Sie leben zwar schon nicht mehr, aber sie sind alle den gleichen Weg gegangen. Sie haben alle extrem avantgardistisch, sonoristisch ist da ein Begriff dafür, dass man sich mit der harten Klanglichkeit der Instrumente, also mit dem Material sozusagen beschäftigt und daraus Klänge baut. Sie haben sich davon abgewandt, weil sie gemerkt haben, ihren Worten nach ist das eine Sackgasse. Sie können da nichts Neues mehr entwickeln oder dieses Neue nur um des Neuen willen, ich muss immer etwas schaffen, was ganz anders klingt als das davor, das wollen sie nicht. Sie wollten anknüpfen an die musikalische Tradition, aber auch an die traditionelle Bedeutung der Musik.

Er hat dann wirklich Werke geschrieben, die klingen nicht wie Penderecki, sondern die klingen dann am Ende wie Beethoven, wie Mahler, wie Mozart. Ein letztes Beispiel habe ich gerade im August bei einem Festival in Warschau hören können. Das war eine Polonaise, aber das war nicht mal Chopin, das war wirklich Mozart oder Haydn. Da stand aber der Name Penderecki drauf, aber sein Ursprung ist zum Beispiel – einen kurzen Ausschnitt werden wir jetzt hören – das Streicherstück "Threnos", gewidmet den Opfern von Hiroshima.

Kassel: Ein ganz, ich hätte jetzt fast gesagt, Michael, klitzekleiner Ausschnitt, nicht mal eine Minute aus diesem Werk "Threnos". Ich finde, wenn man das hört, versteht man schon, warum Penderecki in der Lage ist, ein größeres Publikum zu erreichen als manche seiner Kollegen. Nun haben Sie ja aber gerade ja auch uns schon erklärt, er ist jetzt nicht der einzige, der in den 70er-, 80er-Jahren so einen Wandel durchgemacht hat. Was sehen Sie denn sonst noch für Gründe für seinen großen Erfolg, auch bei einem relativ breiten Publikum?

Michael: Also neben Glück natürlich, in der richtigen Situation irgendetwas anzubieten, dem Musikmarkt sozusagen, kommt natürlich auch ein sicherer Instinkt für das, was Musik wirkungsvoll macht. Er war auch nie ein ausgewiesener Oppositioneller, weder zu Zeiten des Sozialismus noch später. Er hat aber zum Beispiel mit seinem polnischen Requiem, was den Ursprung hatte mit der Solidarnosc-Bewegung in den 70er-, 80er-Jahren, dann schon den Zeitgeist insofern getroffen, dass er eine Verbindung hergestellt hat zwischen Katholizismus, Widerstand, zwischen Patriotismus und andererseits auch dem Verlangen nach Freiheit und Demokratie, aber auch ein Bewusstsein immer dafür geschaffen, was in Polen verlorengegangen ist durch den deutschen Faschismus, durch die Zerstörung, durch die Schoah, vor allem die Zerstörung des jüdischen Lebens. Dafür hat er immer auch ein Bewusstsein geschaffen, und das hat auch international gewirkt, und er war immer präsent bei allen wichtigen Festivals. Das war vielleicht auch Glückssache. Er war beim Warschauer Herbst, er war dann auch in Donaueschingen, wo auch die westliche Avantgarde sich immer gezeigt hat. Er war dann einige Jahre in Westdeutschland, in Essen hat er gelebt, hat produziert beim WDR in Köln, war dann auch in Yale, also in den USA, und er hat auch später dann nach seiner Wende zum postromantischen Komponieren immer rechtzeitig die Fühler ausgestreckt in Regionen, wo die klassische Musik eine neue Bedeutung bekam. Vor allem, das war Spanien, dann später auch China. Also er ist auch sehr präsent gewesen zeitweise in China.

"Durchsetzungsfähige und geschäftstüchtige Gattin"

Er war ein Virtuose auch im interreligiösen Dialog. Seine Symphonie "Seven Gates of Jerusalem" zum Beispiel nimmt Bezug auf Jerusalem und die Wurzeln dieser Stadt. Aber er hat auch eine extrem durchsetzungsfähige und geschäftstüchtige Gattin, und das ist ganz wichtig: Elzbieta Penderecka. Sie unterstützt ihn, und sie vermarktet ihn in gewisser Weise. An diesem Ehepaar Elzbieta und Krysztof Penderecki kommt in Polen bis heute keiner vorbei. Das finden viele Leute vielleicht auch nicht so gut, aber manche Künstler wissen auch, dass sie da auf große Unterstützung und gute Kontakte hoffen können.

Kassel: Und im Kino kann man ihm auch begegnen. Ihn weiß ich nicht, vielleicht geht er auch mal ins Kino, aber seine Musik sowohl einige Werke, das sind aber gar nicht so viele, die er wirklich für Filme komponiert hat, aber auch ganz schön viele, die dann für Filme genommen wurden, sehr bekannte: "Shining". Wir konnten noch stundenlang reden, machen wir nicht. Für diesen Moment vielen Dank, Volker Michael aus unserer Konzertredaktion über Krysztof Penderecki, der heute 85 Jahre alt wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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