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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.09.2017

80er-Jahre-Untergrundmovies in Ost und WestPunk auf der Filmrolle

Von Moritz Gauditz

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"Die Tödliche Doris"-Lampe aus dem Schwulen Museum Berlin  (dpa-Zentralbild / Arno Burgi)
Subkultur in Ost und West: Das Künstlerkollektiv "Die Tödliche Doris" drehte auch Filme (dpa-Zentralbild / Arno Burgi)

In Musik, Sprache, bildender Kunst und auch Film – Punk brach in Deutschland ab den 1970er-Jahren mit den gängigen Konventionen. Improvisation, Provokation und alternative Lebensformen traten auf dem Plan. Das Münchner Lenbachhaus spiegelt dieses "Do It Yourself" mit einer Filmreihe.

In der Zeit des Punk entstand neben Musik auch viel Kunst- und Experimentalfilm, der aber nie Hochkunst sein sollte. Nicht nur in den USA, sondern vor allem in Deutschland gab es Filmkollektive, die für ihre Undergroundfilme aus diversen Quellen geschöpft haben. Für die aktuelle Filmreihe im Münchner Lenbachhaus hat die Kuratorin Stephanie Weber gut ausgewählt: 

"Eigentlich hat sich das Programm daraus entwickelt, dass ich persönliches Interesse am amerikanischen Experimentalfilm habe und diesen ein bisschen kenne. Und ich habe mich gefragt: Was ist eigentlich in Deutschland in den späten 70er und 80er Jahren? Wer machte Experimentalfilme, Undergroundfilme? Und dann landet man da sehr schnell bei einer Szene, die mit Punk nur unzureichend bezeichnet ist. Deswegen spielt auch der Titel der Reihe 'Normalzustand. Undergroundfilm zwischen Punk und Kunstakademie' mit dieser Vorstellung, vielleicht auch Klischeehaften Vorstellung davon, was Punk eigentlich ist."

In einem Ausschnitt aus dem Film "Mein Papi" von 1981 von Jörg Buttgereit ist ein Mann im weißen Feinrippunterhemd und Shorts auf einem Wohnzimmersessel zu sehen. Der Film ist ebenfalls in der Undergroundfilm-Reihe im Lenbachhaus zu sehen. (Jörg Buttgereit)Ausschnitt aus dem Film "Mein Papi" von 1981 von Jörg Buttgereit. Er ist ebenfalls in der Undergroundfilm-Reihe im Lenbachhaus zu sehen. (Jörg Buttgereit)

Im hauseigenen Kino des Lenbachhaus, dem Georg-Knoll-Saal, werden alle Filme hintereinander in einer Dauerschleife gezeigt. Darunter Arbeiten der Berliner Künstlergruppe "Die tödliche Doris" und der Düsseldorfer Gruppierung "Anarchistische Gummizelle" oder das abstrakte Video "In Diep Hust" von "Schmelz Dahin" aus Bonn.

Knapp fünf Minuten dauert der Film des Bonner Filmkollektivs. Minimalistisch-dadaistische Klänge laufen über bearbeitete Super8-Bilder. Wobei hier keine gefilmten Alltagsbilder oder Aufnahmen zu erkennen sind, sondern nur abstrakte Farbstrukturen und unruhige Schnitte.

"Und das wären dann, um es zu vereinfachen, die Strukturalisten innerhalb dieses Programms. Sprich: Die haben den Film an sich bearbeitet, haben mit Bakterien, Emulsion, Schnitten und direkter Malerei auf das Filmmaterial diese Filme bearbeitet. Das sind sehr sehr schöne Bilder, eine ganz tolle Farbigkeit, die haben eine psychedelische Qualität..."

Ein Werk von "Die Tödliche Doris"

Letztes Jahr feierte der "Punk" sein 40-jähriges Jubiläum. Es gab vor allem in London viele Ausstellungen zu Musik, Mode und Kunst der Bewegung. Wer jetzt eine ähnliche Ausstellung mit Installationen oder Objekten im Lenbachhaus erwartet, wird enttäuscht. Die Filmreihe "Normalzustand" konzentriert sich bewusst nur auf die filmische Seite des Punk. Und obwohl sich alle Filme stilistisch und thematisch unterscheiden, haben sie den für den Punk so typischen Do-It-Yourself-Charakter. Dass dieses Amateurhafte auch mal an seine Grenzen ging, zeigt der amüsante "Städtefilm München" von "Der tödlichen Doris".

Die Autorin Doris Kuhn wurde damals vom zufällig fast gleichnamigen Kollektiv "Die Tödliche Doris" eingeladen, einen Film über München zu drehen. Da bei der Aufnahme irgendwas schieflief, sieht man nur ein schwarzes Bild. Also besteht der Film nur aus einem Telefonat aus dem Off zwischen Doris Kuhn und Wolfgang Müller von "Der tödlichen Doris". Sie sprechen darüber, was man auf den schwarzen Bildern eigentlich hätte sehen sollen. Frauenkirche, Olympiaturm, München eben.

Das titelgebende Werk der Ausstellung kommt von der Künstlerin Yana Yo. Ihr zweieinhalb Minuten langer Film "Normalzustand" entstand 1981. Yana Yo studierte damals an der Universität der Künste in Berlin und arbeite mit dem Super8 Medium. "Ernstfall – es ist schon längst soweit / Ernstfall – Normalzustand seit langer Zeit" ist der Refrain von "Apokalypse", einem Song der Düsseldorfer Punk-Rock-Band Fehlfarben von 1980. Zum harten Rhythmus der Musik schneidet Yana Yo fahrende Panzer, Nahkampfszenen, Supermarktregale, eine brennende Skulptur aus Plastik und dazwischen Bilder nächtlicher Straßen. Der Film wird zum Musikvideo, erzählt die Künstlerin Yana Yo.

Mit primitiven Mitteln am Küchentisch

"Ja, ich habe schon versucht, mich an den Text zu halten. Ich habe mit sehr primitiven Mitteln am Küchentisch den Film geschnitten. Ich hatte eigentlich nur einen Betrachter, ein Schneidegerät für Super 8 und eine Stoppuhr zur Verfügung, sodass die einzelnen Schnitte auch auf die Musik gepasst haben. Das war ein bisschen Fummelsarbeit. Wir haben das halt aus völlig unkommerziellen Gründen gemacht. Das war einfach die Lust am ausprobieren und experimentieren."

Im "Kompressor" haben wir uns mit Yana Yo über ihre Filmreihe unterhalten:

Experimente - das sind die meisten Filme der Reihe. Es ging ja auch nie um Perfektion oder hohe Kunst. Die Super8 Kamera bot Möglichkeiten, günstig und einfach alltägliche Filmaufnahmen zu machen. Nicht umsonst war die Kamera auch für herkömmliche Urlaubsaufnahmen populär. Diese gekonnt unprofessionellen Filme der Punk-Bewegung sind mal narrativ, mal abstrakt, mal politisch, mal poetisch. Das gut zweistündige Filmprogramm bleibt trotz manch ausgedehnter Sequenzen, aber immer unterhaltsam.

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