Seit 03:00 Uhr Nachrichten

Donnerstag, 21.03.2019
 
Seit 03:00 Uhr Nachrichten

Tonart | Beitrag vom 10.01.2019

80 Jahre Jazz Label"Blue Note" als mitreißender Filmstoff

Von Vincent Neumann

Beitrag hören
"Blue Note - A Story of Modern Jazz" (picture alliance/dpa/Foto: United Archives/ TBM)
Hank Mobley und Alfred Lion (r) in dem Dokumentarfilm "Blue Note - A Story of Modern Jazz". (picture alliance/dpa/Foto: United Archives/ TBM)

Die Deutschen Alfred Lion und Francis Wolff flohen vor den Nazis und gründeten in New York das legendäre Jazz-Label "Blue Note". Francis Wolff begleitete jede Aufnahme mit der Kamera. Auch deswegen gibt es heute mehrere Dokus über das Label.

Ausschnitt aus "Blue Note – A Story of Modern Jazz":
"This is the Story of Alfred Lion and Francis Wolff – two German immigrants, who founded a jazz record company in 1939, that became very famous in it’s genre."
Diese einführenden Worte aus dem Trailer zu Julian Benedikts Dokumentarfilm "Blue Note – A Story of Modern Jazz" könnte man gelinde gesagt als Untertreibung einstufen. "Blue Note Records" machte sich nicht nur unter Jazzkennern einen Namen; bis heute nimmt das Label einen herausragenden Platz in der Musikgeschichte ein.

"Es gibt eigentlich auch fast kein Label, die in dieser Stringenz das Visuelle und die Qualität der Aufnahmen wiederholt haben ..."

… sagt Julian Benedikt, der 1997 als erster deutschsprachiger Regisseur das Phänomen "Blue Note" unter die Lupe nahm: Zwei jazzbegeisterte Freunde, die Ende der 30er-Jahre vor den Nazis nach New York flüchten mussten und dort mit ihrem selbst gegründeten Label die Jazzwelt auf den Kopf stellten. Denn gerade der respektvolle Umgang mit den meist afroamerikanischen Künstlern – für sie selbstverständlich, für die damalige Zeit allerdings außergewöhnlich – machte Alfred Lion und Francis Wolff auch ohne politische Agenda zu intuitiven Vorboten der US-Bürgerrechtsbewegung. Ein Aspekt, dem Eric Friedler in seiner vor kurzem erschienenen Dokumentation "It must schwing! Die Blue Note Story" viel Platz einräumt.
"Was mich beeindruckt hat, war die tiefe Liebe und Zuneigung aller Beteiligten zu diesen beiden Deutschen. Sie sahen sie und sehen sie immer noch als Freunde – nicht als Executives, nicht als Produzenten, nicht als Mentoren, sondern sie sagen: ´Blue Note` is Home Base, ´Blue Note` ist unsere Heimat. Und ohne Alfred Lion und Francis Wolff hätten wir niemals diese Karriere gemacht."

Wichtigste Plattenfirma für die Entwicklung des Modernen Jazz

Ein Label als emotionaler Heimathafen, in dem auch zunächst unprofitable Genies wie Thelonious Monk Zeit zur Entfaltung bekamen – das könnte einer der Gründe sein, warum "Blue Note Records" zur wohl wichtigsten Plattenfirma in der Entwicklung des Modern Jazz wurde. Und warum fast alle, die dort unter Vertrag standen, auch heute noch gern darüber reden.

"Also, wir haben ja Herbie Hancock und Sonny Rollins, Wayne Shorter, Quincy Jones, Benny Golson, Ron Carter, Lou Donaldson, Sheila Jordan und Rudy van Gelder in seinem letzten Interview, bevor er gestorben ist, Kenny Burell, George Benson und, und, und …"

Saxophonist Thelonious Monk in der Dokumentation "Blue Note Records: Beyond the Notes" von Sophie Huber (Michael Cuscuna)Saxophonist Thelonious Monk in der Dokumentation "Blue Note Records: Beyond the Notes" von Sophie Huber. (Michael Cuscuna)
Die meisten dieser Künstler aus der ersten oder zweiten "Blue Note"-Generation sind inzwischen schon über 80; letzte Chance also für Filmemacher wie Eric Friedler, sie noch einmal vor die Kamera zu bekommen.

Lou Donaldson: "Ich bin Stolz, ein Mitglieder Blue-Note-Familie zu sein."
 
Doch inzwischen gibt in der "Blue Note"-Familie eine neue Generation von Musikern den Ton an:

Robert Glasper: "Ich denke, es ist eine Bewegung im Gange. All diese Bands, die gerade am entstehen sind, die haben einen Jazz-Background."

Norah Jones lobt die stilistische Freiheit, Robert Glasper erkennt sogar eine ganze Bewegung – die beiden gehören zu den aktuellen Aushängeschildern des Labels, das sich auch nach Verkauf und Neugründung immer noch größter Beliebtheit erfreut.

Musik ist bis heute ein hoffnungsvolles Statement

Die heutige Situation von "Blue Note Records", wie sehr der heutige Label-Boss Don Was das geistige Erbe von Alfred Lion und Frank Wolff weiterführt – das ist in der Dokumentation "Beyond the Notes" der Schweizerin Sophie Huber, anders als bei ihren Vorgängern, einer der zentralen Punkte. Für sie ist die Musik von "Blue Note", von jedem einzelnen Künstler, auch heute noch ein positives und hoffnungsvolles Statement – ein Ansatz, der ganz im Geiste der Gründerväter von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Sophie Huber führt in ihrem Film die verschiedenen Generationen auch in einer gemeinsamen Aufnahmesession zusammen; Eric Friedler lässt die Bedeutung von "Blue Note", musikalisch wie gesellschaftlich, in erster Linie anhand von Wegbegleitern der beiden Label-Gründer Revue passieren.

Wie auch immer die Herangehensweise – die Geschichte von "Blue Note Records" bietet großartigen Filmstoff; die Faszination für das Vermächtnis von Alfred Lion und Frank Wolff ist ungebrochen: Julian Benedikt wurde 1998 für einen Grammy nominiert, Sophie Huber und Eric Friedler feiern dieser Tage mit ihren Filmen international große Erfolge. Denn nicht nur hierzulande stellt man sich auch heute noch die Frage, wie ausgerechnet zwei idealistische deutsche Musikliebhaber zu gefeierten Wegbereitern des modernen Jazz werden konnten.

Alfred Lion: "Ich möchte mir nicht selbst auf den Rücken klopfen, aber es war damals schon ziemlich gewagt, einfach raus zu gehen und zu sagen: ´Wir präsentieren Thelonious Monk, Genie der Modernen Musik`. Das war damals schon ziemlich radikal."

Mehr zum Thema

Legendäre Jazz-Alben von "Blue Note" - Musik mit glühendem Kern
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 09.01.2019)

80 Jahre Blue Note Label - „It must schwing“
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 07.01.2019)

Musik-Doku "It must schwing! The Blue Note Story" - Ein Jazz-Label als Heimat
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 05.09.2018)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur