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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 11.06.2021

80 Jahre FarhudDas vergessene Pogrom von Bagdad

Von Carsten Dippel

Historische Aufnahme von jüdischen Juwelieren in ihrem Geschäft in Bagdad, undatiert vor 1914. (akg-images / Collection Dupondt)
Jüdische Gemeinde mit langen historischen Wurzeln: In Bagdad war rund ein Fünftel der Bewohner in den 1920er-Jahren jüdisch. (akg-images / Collection Dupondt)

Seit sechs Jahren gibt es einen internationalen Gedenktag an den Farhud. Doch nur wenige kennen das Pogrom von Bagdad, das die mehr als 2500-jährige Geschichte jüdischen Lebens im Irak beendete.

Salima Murads Stimme war in der arabischen Welt bekannt. Salima Murad war Jüdin, verheiratet mit einem Muslim. Im alten Irak war das möglich. Noch in den 1920er-Jahren machte die jüdische Bevölkerung Bagdads gut ein Fünftel der Bewohner aus. Tür an Tür lebten seit Jahrhunderten Juden und Muslime zusammen.

Doch dann brach im Kriegsjahr 1941 etwas über die jüdische Gemeinde herein, das niemand kommen sah: der Farhud. Am 1. und 2. Juni tobte binnen 30 Stunden ein Mob im jüdischen Viertel Bagdads. Muslime schlugen auf ihre jüdischen Nachbarn ein. Sie plünderten Geschäfte, vergewaltigten Frauen, töteten mindestens 130 Menschen, manche sprechen von mehreren Hundert.

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Auch Beduinen beteiligten sich am Pogrom. Ein Fanal für das arabisch-jüdische Verhältnis. Eine tiefe Zäsur in der mehr als 2500 Jahre währenden jüdischen Geschichte im Zweistromland. Immerhin existierte diese jüdische Gemeinde seit den Tagen des babylonischen Exils. Sie galt, zumal in Bagdad, als tief verankert in der Gesellschaft.

Der Irak, seit 1922 unter britischem Mandat, ist auf dem Weg zu einem modernen Nationalstaat. Die irakischen Juden setzen nach Jahrhunderten guter nachbarschaftlicher Beziehungen auf den neuen Staat. Der Traum wurde binnen zwei Tagen gewaltsam zerstört, obwohl viele nicht-jüdische Nachbarn ihren Schutz anboten.

Bruch im arabisch-jüdischen Verhältnis

So hat es die Großmutter von Mati Shemoelof erfahren. Sie war zehn Jahre später, gemeinsam mit dem Großteil der irakischen Juden im jungen jüdischen Staat gestrandet. Der Farhud im Jahr 1941 hat diese Fluchtwelle nicht unmittelbar ausgelöst. Aber er war ein Menetekel, für das, was in den Folgejahren passiert ist. Weltkrieg und Holocaust, die Staatsgründung Israels 1948, der panarabische Nationalismus, eine Gemengelage, die zum Bruch des arabisch-jüdischen Verhältnisses führte.

Viele Flüchtlinge, die ihre Staatsbürgerschaft und ihr Vermögen verloren, landeten zunächst in einfachen Zeltlagern. Oft eher beargwöhnt, als willkommen geheißen. Im Gepäck wehmütige Erinnerungen. Die irakische Kultur sei immer in ihrer Seele gewesen, sagt Shemoelof, der heute als Dichter in Berlin lebt. Viel habe seine Großmutter über ihr Aufwachsen im Irak nicht berichtet. Shemoelof erzählt ihre Geschichte in einem Roman, der jetzt in Israel erscheint.

Rabbi Sasson Kadouri war ein hoch angesehener Mann. Der langjährige Oberrabbiner von Bagdad blieb bis zu seinem Tod 1971 bei seiner Gemeinde, die er nicht im Stich lassen wollte. Sein Enkel, der Künstler Joseph Sasson Semah, wuchs in Israel auf und hatte nie eine Chance, seinen Großvater kennenzulernen. Aber die Geschichte seiner Familie spiele für ihn als Künstler eine wichtige Rolle, sagt Semah.

Semahs Eltern haben über ihr Leben im Irak kaum gesprochen. Im zionistischen Staat habe ihr Narrativ lange Zeit keinen Platz gefunden, beklagt er. So sei es nicht erwünscht gewesen, ihr arabische Muttersprache zu hören. Eine Stimme, wie die der Sängerin Salima Murad, sucht man im israelischen Radio vergeblich.

An den Rand gedrängt

"Es war in einem rechtlichen Sinne nicht verboten. Aber Schande über Dich, wenn Du Arabisch sprachst", berichtet Semah. Dies zeichnet auch der Historiker Dan Diner in seinem jüngsten Buch "Der andere Krieg" nach:

"Die babylonische, die Bagdader, die irakische Judenheit und die jüdische Heimstätte waren einander eigentlich fremd geblieben. Die zwischen ihnen liegende Syrische Wüste markierte ein sowohl faktisches wie mentales Hindernis."

In der aschkenasisch, also osteuropäisch geprägten Kultur Israels sind die Misrachim, die arabischstämmigen Juden, bis heute unterrepräsentiert. Die Geschichte ihrer Vertreibung aus dem Irak, Iran oder Ägypten wird kaum wahrgenommen, obwohl sie gut die Hälfte der israelischen Bevölkerung stellen.
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