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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.12.2017

80. Geburtstag von Robert GernhardtKomik als Lustgewinn

Tim Wolff im Gespräch mit Dieter Kassel

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Robert Gernhardt (picture alliance/dpa/Foto: Bernd Thissen)
Robert Gernhardt 2004: Es gibt keinen niveaulosen Humor, so das Motto des Schriftstellers und Karikaturisten. (picture alliance/dpa/Foto: Bernd Thissen)

Robert Gernhardt war als Lyriker, Autor und Zeichner ein Ausnahmetalent. Er suchte in allem nach der Fallhöhe – und die Komik vor allem dort, wo andere sie erst mal nicht vermuteten, sagt "Titanic"-Chefredakteur Tim Wolff. Eine Würdigung.

So lange die Leute lachen, ist es komisch. Es gibt keinen niveaulosen Humor und keinen niveaulosen Orgasmus. Das war das Motto von Robert Gernhardt. Er schrieb Witze für Otto Waalkes und gründete die "Titanic" mit. Er war ein hervorragender Texter, Schriftsteller, Lyriker, Maler, Karikaturist und Zeichner mit einem hervorragenden, außergewöhnlichen Humor. Robert Gernhardt starb im Sommer 2006 an Krebs. Am heutigen Mittwoch wäre er 80 Jahre alt geworden. Der Chefredakteur der "Titanic", Tim Wolff, würdigt ihn als jemanden, der das Ernste komisch nahm und das Komische sehr ernst. (ahe)


Das Gespräch im Wortlaut:

Dieter Kassel: Heute wäre Robert Gernhardt 80 Jahre alt geworden, und er war natürlich Mitbegründer der "Titanic", vorher unter anderem Autor für Otto Waalkes und vieles mehr. Er war aber ganz offiziell von Beruf Lyriker und Zeichner. Und als solcher hatte Robert Gernhardt natürlich alles Recht der Welt, sich öffentlich über Sonette zu äußern:

Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
dass wer Sonette schreibt. Dass wer den Mut
hat, heute noch so'n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, dass so ein Typ das tut,
kann mir – in echt –  den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut
darüber, dass so'n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.
Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und will's echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.

Robert Gernhardt über Sonette. Gernhardt wäre, wie gesagt, heute 80 Jahre alt geworden. So ungefähr 45 Jahre jünger ist der aktuelle Chefredakteur der von Gernhardt mit gegründeten Zeitschrift "Titanic", Tim Wolff. Schönen guten Morgen, Herr Wolff!

Tim Wolff: Schönen guten Morgen!

Kassel: War Robert Gernhardt für Sie ein Grund, der Hauptgrund vielleicht, überhaupt zur "Titanic" zu gehen?

Gernhardt prägt bis heute die "Titanic"

Wolff: Ja, auf jeden Fall. Robert Gernhardt als wesentlicher, wichtiger Teil der sehr, ja selbst arrogant bezeichneten "Neuen Frankfurter Schule" war da natürlich ein wesentlicher Einfluss, weil er, glaube ich, bis heute das Blatt prägt in der Haltung, und vor allem nach Komik zu suchen, überall in der Welt.

Kassel: Was heißt das, er prägt das Blatt? Also erst mal bildlich: Hängt in Ihrem Büro irgendwie eine Zeichnung von ihm oder ein Bild von ihm, und in anderen Zimmern, oder prägt er das eher im übertragenen Sinne?

Einzelaustellung "Robert Gernhardt" im Caricatura-Museum (dpa/Fabian Sommer)Zeichnung von Robert Gernhardt im Caricatura-Museum (dpa/Fabian Sommer)

Wolff: Eher im übertragenen Sinne, aber natürlich, also ich zum Beispiel habe eine Magisterarbeit über ihn geschrieben. Und diese grundsätzliche Haltung, die sich in Gernhardts Werk sowohl praktisch als auch theoretisch zeigt, das Ernste komisch zu nehmen und das Komische sehr ernst zu nehmen, die prägt natürlich auch heute noch das Blatt.

Kassel: Fassen Sie doch einfach mal Ihre Magisterarbeit in zwei Sätzen zusammen. Jetzt mal intellektuell formuliert, was war der Humor von Robert Gernhardt?

Mit derber Sprache auf Lustsuche

Wolff: Das lässt sich gar nicht so leicht zusammenfassen, aber es ist auf jeden Fall das Grundprinzip bei ihm immer zu merken, Komik als Lustgewinn, als Lustsuche. Der Versuch, in allem das Komische, die Fallhöhe zu entdecken, so wie man in dem Sonett über beschissene Sonette gehört hat eben, Fallhöhe zu erzeugen. Da Komik zu suchen, wo andere sie vielleicht gar nicht so schnell entdecken würden.

Kassel: Ich fand dieses Beispiel gerade mit den Sonetten insofern sehr typisch für Gernhardt, weil es so eine derbe Sprache – er sagt ja nicht Sonette finde ich jetzt nicht so schön, sondern Scheiße. Auf der anderen Seite, finde ich, ist das sprachlich auf einem extrem hohen Niveau, was er da formuliert hat. Und das war ja auch, denke ich mal – gut, ich glaube, er hätte mir selbst jetzt nicht zugestimmt und gesagt, denke ich nicht drüber nach, muss einfach lustig sein. Aber das stimmte ja nicht ganz. Er hat ja meistens beides verbunden. Welche Diskussionen führen Sie denn da heute in der "Titanic"? Weil manche sagen ja, na ja, die "Titanic"-Leute heute, die wollen eigentlich nur provozieren, die wollen nur billig lustig sein, das ist nicht mehr so wie früher.

Wolff: Da kann ich sehr einfach Robert Gernhardt zitieren, der schon, ich glaube in der vierten oder fünften Ausgabe, sich mit dieser Kritik auseinandergesetzt hat. Schon da hieß es, früher war "Titanic" besser. Wir sind ohnehin, glaube ich, das einzige Magazin, das ab der ersten Ausgabe früher besser war. Und er hat das zurückverfolgt, und diese Art Kritik über Satire gibt es eigentlich, seit es Satire gibt. Und er kam zu dem Schluss, in Deutschland gibt es gar keine Satire, es hat sie immer nur gegeben.

Tim Wolff, Chefredakteur der Satire-Zeitschrift "Titanic", sitzt am 08.01.2015 in Frankfurt am Main (Hessen) in seinem Büro in der Redaktion. Humor ist nach den Terroranschlägen in Paris nach Ansicht der "Titanic" wichtiger denn je. "Je ernster die Lage, desto wichtiger der Humor", erklärte Wolff am gleichen Tag auf der Internetseite des Magazins. (dpa / Frank Rumpenhorst)Titanic-Chefredakteur Tim Wolff: Magister-Arbeit über Robert Gernhardt (dpa / Frank Rumpenhorst)

Kassel: Aber es war ja auch sein Grundprinzip, zu sagen, diese alte Satire, dieses grundsätzlich Politische und Komplexe will ich nicht machen. Aber er hat ja kurz vor seinem Tod dann doch noch die Kontroverse zum Beispiel mitbekommen über die dänischen Mohammed-Karikaturen, und wie dann so langsam es anfing, auch in Deutschland nicht mehr völlig ungefährlich zu sein, Satiriker zu sein. Haben Sie das noch so ein bisschen von der Ferne beobachtet, wie ihn das vielleicht auch verändert hat, dieses letzte Jahr, die letzten Jahre?

Wolff: Das ist immer so, wenn also nicht nur solche Bedrohungen, sondern auch Krankheiten hinzukommen, wird man natürlich zwangsläufig ernster. Es ist nicht ganz durchzuhalten, bei allem komisch zu bleiben.

Wer kann wo wie Komik erzeugen?

Aber gerade, wenn man sich die vielen Humorkritiken und theoretischen Sachen durchliest, merkt man, dass es bis zum Schluss ihm wichtig war, herauszufinden, wer kann wo wie Komik erzeugen.

So ist es natürlich auch im Falle der Mohammed-Karikaturen, da wird, glaube ich, seine Erkenntnis gewesen sein, das müssen dann natürlich zum Beispiel Muslime erledigen. Es sollten halt natürlich die Leute Witze machen, die sich mit dem Gegenstand so auskennen, dass sie sich mit ihm auch gut unwohl fühlen können.

Kassel: Tim Wolff, Chefredakteur der heutigen "Titanic", über einen ihrer Gründer, den Lyriker und Zeichner Robert Gernhardt, der heute 80 Jahre alt geworden wäre. Herr Wolff, Danke für das Gespräch!

Wolff: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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