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Interview | Beitrag vom 08.05.2020

8. Mai 1945 Erinnerung an die "Niemandszeit"

Ulrich Herbert im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Kinder spielen 1945 in Berlin auf einem alten Panzer. (Getty Images / Hulton Archive / Express)
Die "Stunde Null": Kinder spielen 1945 im zerbombten Berlin auf einem zerstörten Panzer. (Getty Images / Hulton Archive / Express)

Den Begriff der "Stunde Null" findet der Historiker Ulrich Herbert eine angemessene Bezeichnung des Kriegsendes am 8. Mai 1945. Es sei der größte Einschnitt in der deutschen Geschichte gewesen und finde sich zudem in vielen Tagebüchern wieder.

Vom Kriegsende am 8. Mai 1945 ist auch immer wieder als "Stunde Null" die Rede. Diesen Begriff müsse man heute rehabilitieren, sagt der Freiburger Historiker Ulrich Herbert. In den 1960er- und 1970er-Jahren sei noch völlig zu Recht darauf verwiesen worden, dass man mit dem Begriff der "Stunde Null" assoziiere, dass es keine Kontinuität bei den sozialen Strukturen oder der Macht gegeben habe, aber in Westdeutschland viele Nazis wieder an Einfluss gewonnen hätten.

Der tiefste Bruch in der deutschen Geschichte 

Das sei alles richtig, sagt Herbert. "Auf der anderen Seite muss man doch sehen, ist dieses Datum in der deutschen Geschichte vermutlich der tiefste Bruch, der größte Einschnitt." Die Machtverhältnisse seien vollständig umgekrempelt worden. Aus einflussreichen NS-Chargen seien plötzlich Gefangene geworden. Das gesamte Leben habe sich verändert.

Auch weltpolitisch habe sich die ganze Struktur geändert, vom Kampf der Alliierten gegen Nazideutschland zum Beginn des Kalten Krieges, der dann 40 Jahre lang bestanden habe. "Der Begriff der Stunde Null als eines tiefen Einschnitts, der hat schon seine Berechtigung", betont der Historiker. 

Tagebücher erzählen von "Niemandszeit" 

Wenn man da etwas genauer hinschaue, sei zu erkennen, dass es manchmal sogar eine "Minute Null" gegeben habe. Dabei gehe es um den Moment, wenn die Nationalsozialisten oder Wehrmachtsoffiziere gerade weg gewesen seien und die Alliierten noch nicht da.

"Dann bildete sich in vielen Städten, in vielen Gemeinden so eine Niemandszeit von manchmal ein paar Minuten oder vielen Stunden heraus, in denen die Menschen bange in ihren Kellern saßen und nicht wussten, was passieren würde, ob sie die nächsten Stunden überleben würden." Deshalb gebe es auch in vielen Tagebuchaufzeichnungen diese Begriffe der "Niemandszeit, der Stunde Null, in der alles anders wurde", erläutert Herbert. 

(gem) 

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