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Zeitfragen | Beitrag vom 24.02.2021

75 Jahre „Die Zeit“Das Liberale ist das Fundament

Von Axel Schröder

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Die Journalistin und Buchautorin Marion Gräfin Dönhoff, Chefredakteurin der Wochenzeitung "Die Zeit" sitzt am 24.02.1972 in Hamburg an einem Schreibtisch und hat "Die Zeit" in der Hand. (picture-alliance/dpa/Lothar Heidtmann)
Die spätere Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff protestierte in der Anfangszeit der Zeitung gegen Journalisten mit nationalsozialistischer Haltung in der Redaktion. (picture-alliance/dpa/Lothar Heidtmann)

Die Idee einer liberalen Wochenzeitung war Anfang der 50er-Jahre sogar in der Redaktion der "Zeit" selbst umstritten. Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff und der Verleger Gerd Bucerius legten jedoch den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte.

Die "Zeit" hält ihre Geschichte wach. Ganz konkret, zum Anfassen. Am Ende eines der vielen langen Flure im Pressehaus Am Speersort, in der Hamburger Innenstadt, führt Verlagschef Rainer Esser in einen Raum, der so bleiben muss, wie er ist, der an einen der wichtigsten Mitarbeiter der Wochenzeitung erinnert.

"Wir sind in Helmut Schmidts kleinem, bescheidenem Büro bei der ‚Zeit‘. Draußen gibt es einen kleinen Balkon. Die Wände sind voll mit Büchern, die Encyclopedia Britannica ist direkt hinter seinem Sessel. Und es sind ganz viele Karikaturen an den Wänden, die er bekommen hat von Menschen, die ihn lieben und verehren."

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Und auf dem Tisch der gegenüberliegenden Sitzecke steht auch fünf Jahre nach dem Tod des einstigen "Zeit"-Herausgebers immer noch eine Flasche "Baileys". Der irische Sahnelikör gehörte für Schmidt, der 1983, ein Jahr nach dem Ende seiner Kanzlerschaft zur "Zeit" kam, zum Kaffeegenuss am Nachmittag. Dass einmal ein Bundeskanzler a. D. die "Zeit" prägen würde, hatte sich ihr Gründer Gerd Bucerius kurz nach Kriegsende nicht träumen lassen. Der Hamburger Rechtsanwalt und Verleger hatte 1946 von der britischen Militärverwaltung die Lizenz für eine Wochenzeitung bekommen. Acht Seiten stark war die erste Ausgabe, 25.000 Exemplare wurden gedruckt.

Der Umgang mit Nationalsozialismus in der Redaktion

Die Idee einer liberalen Wochenzeitung war in der Redaktion zunächst umstritten. Auch in der "Zeit"-Redaktion saßen anfangs Journalisten, deren Haltung zum Nationalsozialismus umstritten war. Anfang der 1950er kam es zum offenen Streit zwischen der Journalistin Marion Gräfin Dönhoff und dem rechtskonservativen Chefredakteur Richard Tüngel. Das erzählt der heutige "Zeit"-Chef Giovanni di Lorenzo.

"Das war wirklich die große, historische Leistung von Marion Gräfin Dönhoff, die, nachdem ein Artikel erschienen war vom tief in den Nationalsozialismus verstrickten Staatsrechtler Carl Schmitt, gesagt hat: ‚Bis hierhin und nicht weiter!‘"

Der damalige Verleger der Wochenzeitung "Die Zeit" Gerd Bucerius sitzt am 9. September 1980 in Hamburg mit der Zeitung in der Hand auf einem Stuhl und telefoniert. (picture-alliance/dpa/Heidtmann)Der damalige Verleger der Wochenzeitung "Die Zeit" Gerd Bucerius im September 1980 in Hamburg. (picture-alliance/dpa/Heidtmann)
Unter Protest verließ Marion Gräfin Dönhoff die Wochenzeitung, arbeitete ein Jahr für den Londoner "Observer" und kehrte dann, nach der Entlassung Tüngels zur "Zeit" zurück. Die liberale Grundlinie ist seitdem unumstritten. Aber in welcher Form die Zeitung Themen behandeln soll – bunt und unterhaltsam wie der "Stern" oder doch eher nüchtern-akademisch, auf wenigen Seiten, ganz komprimiert oder analytisch?

Über diese Frage konnten Marion Gräfin Dönhoff und der Verleger Gerd Bucerius leidenschaftlich streiten. Der Idee, die Texte leichter lesbar zu machen, das ganze Produkt zeitgemäßer zu präsentieren, erteilte Dönhoff im NDR anlässlich der 50-Jahr-Feier der Zeitung eine klare Absage.

"Immer kleinere Bilder, immer kleinere Artikel, möglichst nur Unterhaltung, keine Informationen – ich übertreibe natürlich ein bisschen – das möchte ich gar nicht! Möchte ich nicht! Ich möchte, dass wir so bleiben, wie wir sind, das heißt: Analysen machen – das erfordert natürlich lange Artikel, das ist ein bisschen mühsam zu lesen, aber was soll man machen? Wenn man es genau wissen will, dann muss man das eben tun."

Liberal heißt nicht, auch alles zu drucken

Mit dem 1970 zum ersten Mal erschienenen und mit leichter Feder geschriebenen "Zeit-Magazin" konnte Dönhoff wenig anfangen. Trotzdem wurde die erste redaktionellen Beilage einer deutschen Zeitung ein Erfolg. Mittlerweile ist die Zeit viel dicker und lesbarer geworden, als Marion Gräfin Dönhoff es sich je gewünscht hatte. Der liberale Kurs der Zeitung werde aber sicher beibehalten, so Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Liberal zu sein, bedeute aber nicht, allen erdenklichen Positionen in der Zeitung ein Forum zu bieten.

"Das Kleinreden oder das Verleugnen von schrecklichen Verbrechen, insbesondere in der Geschichte, Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, Leute, die den Klimawandel leugnen, Leute, die Gewalt verherrlichen, das System der Demokratie infrage stellen, über die können wir selbstverständlich, die kann man auch interviewen, denn wir müssen ein Abbild geben der gesamten Wirklichkeit. Aber denen geben wir sonst hier kein Forum."

Luftaufnahme des Helmut-Schmidt-Hauses in Hamburg. (picture alliance/dpa/Bildagentur-online/Joko)Das Helmut-Schmidt-Haus in Hamburg im Mai 2019, wo „Die Zeit“ ihren Sitz hat. (picture alliance/dpa/Bildagentur-online/Joko)
Wie kompliziert die Balance zwischen der Abbildung der gesamten Wirklichkeit sein kann, zeigte sich 2018. Unter der Überschrift "Seenotrettung: Oder soll man es lassen?" schrieben zwei "Zeit"-Autorinnen über ihren jeweiligen Blickwinkel auf die Rettung schiffbrüchiger Geflüchteter durch private Organisationen. Mariam Lau vertrat die Contra-Position.

Tenor: Die privat organisierte Seenotrettung sei kurzsichtig, würde nur den Schleppern helfen und am Ende die Demokratie gefährden. Viele Leserinnen und Leser protestierten in sozialen Medien und per E-Mail. Und auch unter den heute 300 Redakteurinnen und Redakteuren wurde heftig über das Pro und Contra zum Thema Seenotrettung gestritten.

"Es ist eines der wenigen Male in der Geschichte der ‚Zeit‘, wo sich die Chefredaktion entschuldigt hat. Sie hat sich aber nicht entschuldigt wegen des Stückes von Frau Lau – das ist ein Missverständnis, sondern wegen der in der Tat komplett und unpassenden Aufmachung, der Überschrift!"

Mit der Überschrift "Oder soll man es lassen?" sei suggeriert worden, dass es eine Option wäre, Menschen nicht vor dem Ertrinken zu retten. Im Text war von dieser Option tatsächlich aber keine Rede. Die Kritik an der Entschuldigung der Chefredaktion sei im Übrigen genauso harsch gewesen wie die am Artikel selbst, erzählt Giovanni di Lorenzo.

Heute wird eine "Erlebniswelt" erzeugt

Die "Zeit" von heute hätte Marion Gräfin Dönhoff vermutlich viel zu dick, viel zu leicht verdaulich gefunden. Und möglicherweise gefremdelt mit den unzähligen Themenheften, also mit "Zeit Wissen", "Zeit Geschichte", "Zeit Verbrechen" oder "Zeit Campus Masterstudium".

Aber anders im übrigen Zeitungsmarkt steigt die Auflage schon seit 20 Jahren. Auf heute 560.000 verkaufte Ausgaben. Ein Grund dafür sei die intensive Kundenbindung, sagt Chefredakteur di Lorenzo. Und die funktioniere eben auch über zusätzliche Angebote, die mit dem Lesen einer Zeitung kaum etwas zu tun hätten, so Verlagsgeschäftsführer Rainer Esser.

"Sie können mit ‚Zeit‘ reisen, sie können im Shop wunderbare Produkte kaufen. Die ‚Zeit‘ ist eine ‚Erlebniswelt‘ geworden!"

Giovanni di Lorenzo spricht von einem "Zeit-Gefühl", das die Leserschaft mit der Wochenzeitung verbinde. Diese Verbindung solle weiter gepflegt werden, so di Lorenzo. Und jede Woche wolle man in der Redaktion weiter diskutieren, weiter um Themen ringen, die im Blatt auftauchen sollen. Ohne den akademisch-elitären Dünkel, der die "Zeit" früher einmal ausgemacht hat. Dafür aber mit Selbstkritik und Offenheit und viel Neugier auf neue Themen.
Die Zeit ist seit Jahren auch im Internet präsent – wie andere Medienhäuser auch. Dass der Weg traditionsreicher Verlage in die digitale Welt nicht immer glatt verlief, ist kein Geheimnis. Hagen Terschüren hat sich für uns angesehen, dass Onlinejournalismus mehr ist, als nur aus dem Print zu kopieren.

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