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Interview | Beitrag vom 26.06.2020

75. Geburtstag einer Volkspartei"Die CDU war immer relativ offen"

Ursula Münch im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Während des zweiten Tages des Bundesparteitags der Christlich-Demokratischen Union (CDU) spricht Kurt Georg Kiesinger über das Thema "Der geschichtliche Auftrag der CDU". Vom 20. bis 22. Oktober 1950 hielt die CDU im Odeonsaal der alten Kaiserstadt Goslar ihren ersten Bundesparteitag seit ihrer Gründung 1945 ab.  (picture alliance / dpa)
1. CDU-Bundesparteitag 1950 in Goslar (picture alliance / dpa)

Die CDU war bei ihrer Gründung vor 75 Jahren eine Sammlungspartei im konfessionellen Sinn, sagt die Politologin Ursula Münch. Für eine solche Partei, die konservative, soziale und auch liberale Positionen bündelt, sei ein Markenkern kaum zu benennen.

Stephan Karkowsky: Dass Annegret Kramp-Karrenbauer noch immer CDU-Chefin ist, wird von Kritikern ja gerne bespöttelt. Als hießen die wahren Chefs der CDU Laschet, Merz oder Röttgen, und nur Corona ist schuld daran, dass die Verteidigungsministerin noch im Amt ist. Schwamm drüber. Immerhin darf AKK nun mit der Union ein Jubiläum feiern. Heute vor 75 Jahren wurde die Partei gegründet.

Wie es dazu kam, das lassen wir uns von Ursula Münch erklären. Die Münchener Professorin für Politikwissenschaft ist Direktorin der Akademie für politische Bildung in Tutzing am Starnberger See.

Ich kann mir das, ehrlich gesagt, gar nicht vorstellen, der Zweite Weltkrieg war gerade mal sechs Wochen vorbei, Deutschland war besetzt und lag in Trümmern. Wer kam denn da auf die Idee, eine völlig neue Partei zu gründen?

"Eine ganz bunte Truppe damals"

Ursula Münch: Ja, das war tatsächlich ein kühnes und auch ein sehr vorausblickendes Vorhaben, aber man muss natürlich daran denken, dass die damaligen Gründungsväter – und es waren tatsächlich vor allem Männer –, dass die natürlich auch schon zum Teil im Widerstand waren während der nationalsozialistischen Herrschaft, also man schon vorher zumindest insgeheim jeder für sich nachgedacht hat. Und dann haben sich tatsächlich in unterschiedlichen Teilen der damaligen westlichen Besatzungszonen, aber natürlich auch in der östlichen Besatzungszone, ganz unterschiedliche Gruppierungen gebildet, die alle unter diesem Label CDU marschiert sind oder sich gegründet haben.

Aber das waren tatsächlich ganz unterschiedliche Bereiche: Das waren christliche Gewerkschafter, das waren frühere Zentrumspolitiker, das waren Erzkonservative und ganz Liberale, also eine ganz bunte Truppe damals, die sich aber in einem einig waren: Es muss anders werden, diese Partei, und auch das zukünftige deutsche Parteiensystem, es muss anders werden als in der Weimarer Republik.

"Absage an die Zentrumspartei"

Karkowsky: Aber warum um Gottes Willen eine christliche Partei? Bischöfe beider Konfessionen hatten noch die Deutschen im Krieg zu treuer Pflichterfüllung an Front und Heimatfront aufgefordert. Vorbilder waren das nicht, oder?

Münch: Also zumindest nicht nur. Es gab natürlich auch in den christlichen Konfessionen, vor allem auch bei den Katholiken, da gab es natürlich schon viele Vorbilder, aber Sie haben schon recht.

Was man damit ausdrücken wollte, mit diesem Wort "christlich", dass man sich einem bestimmten Menschenbild verpflichtet gefühlt hat, dass man gesagt hat: Der Mensch ist selbstbestimmt, er hat eine eigene Würde, aber er muss auch handeln gemäß gewisser Leitprinzipien und gewisser Werte. Und man wollte mit diesem "christlich" zum Ausdruck bringen, dass man sich nicht an einer bestimmten Konfession nur orientiert. Also das war die Absage an die damalige Zentrumspartei zum Beispiel, die ja ausdrücklich und vor allem nur Katholiken angesprochen hat, oder an norddeutsche Parteien, die eher die Protestanten angesprochen haben. Man wollte auch in diesem konfessionellen Sinn eine Sammlungspartei sein.

Karkowsky: War das tatsächlich von vornherein bei der Gründung der CDU angedacht, eine Partei für alle zu gründen, also eine Volkspartei, die keinen ausschließt?

Münch: Ja, das war tatsächlich von vornherein der Anspruch, also sowohl bezogen auf die unterschiedlichen Konfessionen als auch bezogen auf unterschiedliche soziale Milieus. Also Konrad Adenauer dann, der spätere Parteigründer und Bundeskanzler, der erste, hat ganz bewusst auch Arbeitnehmer angesprochen. Also man wollte tatsächlich von vornherein ein Sammelbecken sein, eine Volkspartei sein, und nicht nur ein oder mehrere bestimmte detaillierte Milieus ansprechen.

"Von vornherein anpassungsfähig"

Karkowsky: Heute sind wir 75 Jahre weiter, die CDU gibt es immer noch, und Angela Merkel, die ehemalige Parteichefin, gilt als die Reformerin, die die CDU modernisiert hat, manche sagen, bis zur Unkenntlichkeit, da seien viele Werte auf der Strecke geblieben. Wie blicken Sie denn auf diese Entwicklung?

Münch: Also die Entwicklung insgesamt der Partei zeigt eben etwas, was sie ja von vornherein ausgezeichnet hat, dass sie tatsächlich anpassungsfähig war und ist. Die CDU ist im Unterschied zum Beispiel zu den Sozialdemokraten nie eine dem Programm verpflichtete Partei gewesen, sie war immer relativ offen, weil sie nicht nur christlich orientiert ist, nicht nur konservativ, sondern auch sozial, sozialpolitisch immer sehr engagiert war, aber auch liberale Teile in sich hat. Und das ist eigentlich ganz gut gelungen über die Jahre hinweg.

Diese Anpassungsfähigkeit, die wir jetzt gerade in den letzten Jahren unter Angela Merkel so massiv erlebt haben, die hat sich schon unter Helmut Kohl gezeigt, der in den 1980er Jahren beschlossen hat, aus dieser eher konservativen Männerpartei, die Frauen viel mehr in den Blick zu nehmen und eine Rita Süssmuth zur Frauen- und Familienministerin zu machen. Also die Modernisierung gehört im Grunde zum Erfolg der CDU dazu, nicht nur unter Angela Merkel.

Von der sozialen zur ökologischen Marktwirtschaft

Karkowsky: Welche Rolle spielt denn die CDU heute, wo sehen Sie da ihren Markenkern?

Münch: Das mit dem Markenkern ist natürlich schwierig zu sagen bei einer Partei, die ja im Grunde diese verschiedenen Flügel hat, die so offen ist. Aber der Kern ist nach wie vor, möglichst einen großen Teil der Bevölkerung, unterschiedliche Milieus anzusprechen, sich nicht nur auf einen Teil der Bevölkerung zu kaprizieren und zu versuchen, die Kompetenzzuschreibung in allen Bereichen, in allen wichtigen Politikfeldern zu bekommen.

Ich würde sagen: Ganz wichtig für die CDU ist natürlich immer auch die soziale Marktwirtschaft gewesen, dass man nicht nur auf den Markt setzt, sondern die sozialpolitische Abfederung hat, aber nicht nur auf den Staat vertraut. Das erscheint mir gerade in Zeiten der Pandemie-Bewältigung etwas ganz Wichtiges. Jetzt haben wir alle wieder dieses große Staatsvertrauen, man hofft auf die vielen Milliarden von staatlicher Seite, und da gehört es zu den Besonderheiten der CDU, immer auch zu sagen: Ja, aber es ist marktwirtschaftlich. Und jetzt hat die CDU wohl schon erkannt - die Frage ist, ob sie es wirklich umsetzten kann -, dass es nicht nur eine soziale, sondern auch eine ökologische Marktwirtschaft sein muss.

Karkowsky: Dann kommen wir noch zur großen Frage, wohin geht es denn für die Union nach Merkel? Oder anders gefragt, Frau Münch, welche Strategie halten Sie denn derzeit für einen potenziellen Nachfolger, für eine Nachfolgerin für aussichtsreicher? Mit den Erfolgen Merkels zu wuchern und zu sagen, so machen wir weiter, oder eher damit zu brechen, also einen Bruch und damit womöglich einen Rechtsruck hin zu konservativeren Werten?

Münch: Also insgesamt scheint sich schon bewährt zu haben. Wir sehen wieder die hohen Zustimmungswerte zurzeit für Angela Merkel. Also dieses ‚Sich nicht in den Rechts-der-Mitte-Raum zu begeben‘, das ist grundsätzlich schon sinnvoll. Und deshalb würde ich sagen, eher Nachfolge Merkel anstreben, aber mit einer ganz wichtigen Verbindung: Wir haben bei Corona gesehen: Die Leute wollen eine handlungsfähige Regierung, die wollen eine handlungsfähige Volkspartei, die wollen keine Volkspartei, die sagt, wie es während der Flüchtlingspolitik war: Das ist jetzt eben so, da können wir wenig ändern, und wir können so wenig kontrollieren. Das ist etwas, was die Leute nicht wollen.

Wenn es der CDU gelänge, im Grunde einerseits diese Modernisierung weiterzufahren, aber auch deutlich zu machen: Wir sind weiterhin dieser Stabilitätsanker, auf uns könnt ihr euch verlassen, und wir sind handlungsfähig, dann würde sie tatsächlich beide Erfolgskonzepte wieder miteinander verbinden.

Karkowsky: Sehen Sie eigentlich außer dem "Drei-plus-eins-Hahnenkampf - Merz, Röttgen, Laschet plus Spahn" gar keine Frau, die bereit und in der Lage wäre, um den Vorsitz der Union zu kämpfen?

Münch: Im Augenblick sehe ich, sage ich jetzt mal so, leider keine Frau, die sich meldet und die bereit und in der Lage wäre. Das hat viel damit zu tun, dass es der CDU im Augenblick an weiblichen Ministerpräsidentinnen zum Beispiel fehlt. Man muss aus einem Exekutivamt kommen, und auch in der Bundesregierung sind jetzt nicht so viele Frauen, wo man sagen würde, die braucht die Partei, aber ich bin zuversichtlich. Erstens werden auch wieder Frauen kommen, und zweitens wachsen auch Männer in ihre Aufgaben hinein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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