Seit 18:30 Uhr Hörspiel

Sonntag, 27.09.2020
 
Seit 18:30 Uhr Hörspiel

Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 11.09.2020

70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland"Die Aufgaben waren überwältigend"

Micha Guttmann im Gespräch mit Gerald Beyrodt

Beitrag hören Podcast abonnieren
Heinz Galinski weiht am 22. April 1959 die Synagoge am Fraenkelufer in Berlin-Kreuzberg ein. (picture alliance/dpa/akg-images/Gert Schütz)
Heinz Galinski, erster Präsident des Zentralrates der Juden, 1959 bei der Einweihung der Synagoge am Fraenkelufer in Berlin-Kreuzberg. (picture alliance/dpa/akg-images/Gert Schütz)

Die Menschen hungerten, hatten keine Wohnung und in den Behörden saßen immer noch viele Nazis. Um den jüdischen Überlebenden in Deutschland so schnell wie möglich zu helfen, wurde vor 70 Jahren der Zentralrat der Juden gegründet.

Gerald Beyrodt: Der Zentralrat der Juden ist im Juli 70 Jahre alt geworden. Das Gremium feiert nach – und zwar nächste Woche mit einem Festakt in der Neuen Synagoge in Berlin. Kanzlerin Merkel kommt auch gratulieren. Der Journalist und Kommunikationsberater Micha Guttmann war vier Jahre lang Generalsekretär des Zentralrates. Herr Guttmann, nach außen gilt der Zentralrat als Sprachrohr der Juden in Deutschland. Wie viel Macht hat er eigentlich nach innen gegenüber jüdischen Gemeinden?

Guttmann: Ja, die Gründung des Zentralrats war so, dass Landesverbände ihn gegründet haben, und Landesverbände haben sich natürlich eine bestimmte Macht, ihre eigenen Tätigkeiten zu verwalten, erhalten und auch in die Satzung geschrieben. Das bedeutet, dass der Zentralrat zwar die Leitlinienverabschieden kann, aber die einzelnen Entscheidungen, wie Gemeinden sich ausgestalten, wie Gemeinden arbeiten, welche Schwerpunkte Gemeinden setzen, das wird in den einzelnen Gemeinden entschieden. Das bedeutet, dass der Zentralrat zwar etwas ansagen kann und seine Stimme erheben kann. Durchsetzen kann er in den Landesverbänden und in den Gemeinden nur wenig.

Beyrodt: Und er ist auch Rabbinern gegenüber nicht weisungsberechtigt oder kann sie auch nicht anstellen.

Guttmann: Überhaupt nicht. Die Rabbiner werden von den Gemeinden angestellt, und auch wenn es eben das Vertrauensverhältnis nicht mehr gibt, können sie auch von den Gemeinden entlassen werden.

"Wichtigste Aufgabe war, sich um die Opfer zu kümmern"

Beyrodt: Das heißt, im Judentum ist gar nicht so viel zentral, wie das Wort Zentralrat suggeriert.

Guttmann: Nein, das ist ja so eine typische alte Bezeichnung, heute würde man bei einer Gründung sicher einen anderen Namen wählen. Wir dürfen ja nicht vergessen, 1950, die Situation damals, der Zentralrat musste gegründet werden, weil es eine wichtige Aufgabe gab, sich um die Opfer, die überlebenden Opfer des Holocaust und der Nazizeit zu kümmern. Das war eine Riesenaufgabe, die der Zentralrat damals stemmen musste, zusammen mit den Behörden der Besatzungsmächte und jüdischen Hilfsorganisationen.

Beyrodt: Sie waren ein ganz kleines Kind, als der Zentralrat gegründet wurde – wie war das Klima damals zwischen jüdischen und nicht jüdischen Deutschen?

Guttmann: Natürlich schwierig. Ich habe das natürlich nicht jetzt persönlich miterlebt, nur durch meine Eltern, die illegal in Berlin überlebt haben, die also nicht im Konzentrationslager waren. Die Aufgaben waren überwältigend. Die Menschen waren krank, es gab keine Wohnungen, es gab nichts zu essen, und hier war die Hilfe gefordert. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden war teilweise gut, teilweise aber auch sehr schlecht, weil es eben in den Behörden noch immer Menschen gab, die in der Nazizeit auch behördliche Aufgaben wahrgenommen haben. Und da kann man sich denken, dass da doch viele Nazis noch drunter waren.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)
Beyrodt: Das Gremium heißt Zentralrat der Juden in Deutschland und nicht etwa der deutschen Juden. Wie wichtig ist denn diese Bezeichnung?

Guttmann: Damals war sie sehr wichtig, absolut wichtig, weil es war nicht sicher, ob es weiter jüdische Gemeinden in Deutschland geben wird, jüdisches Leben überhaupt, und der Begriff "deutsche Juden" war damals für Juden sehr schwierig geworden – abgesehen davon, dass natürlich sehr viele in der Shoah auch nicht überlebt haben oder ins Exil gegangen sind.

Beyrodt: Das heißt, es war auch unzutreffend für viele Juden, die damals in Deutschland lebten, die kamen dann oft eher über die Camps für Displaced Persons, sie waren Flüchtlinge. Sie kamen also aus Polen und solchen Ländern.

Guttmann: Genauso war es, und deswegen der Name Zentralrat der Juden in Deutschland. Diese Einstellung hat sich lange gehalten, über viele Jahre, und ich würde sagen, so in den 70er-Jahren, mit meiner Generation, die damals Abitur machte, war die Diskussion: Bleiben wir in Deutschland? Bleiben wir nicht in Deutschland. Viele meiner Freunde sind ausgewandert, aber ich zum Beispiel und auch viele andere Freunde sind hiergeblieben. Deswegen war damals der Umschwung, man bleibt hier oder viele bleiben hier. Jüdisches Leben kann hier wieder stattfinden, aber der Name blieb eben noch weiter.

"Zuzug aus Ländern der Sowjetunion war richtig"

Beyrodt: Sie waren Generalsekretär des Zentralrates in ganz besonders wichtigen Jahren, 1988 bis 1992, das sind Jahre, in denen viele Juden aus Ländern der Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind. Wie prägend ist diese Zeit bis heute?

Guttmann: Sehr prägend. Es war damals ganz klar, wenn der Zuzug nicht hierherkommen würde, würde es über kurz oder lang kein jüdisches Leben mehr in Deutschland geben. Es gab 30.000 Mitglieder ungefähr zurzeit 1989, die Gemeinden waren stark überaltert, und es war die Chance, wieder jüdisches Leben hier in Deutschland zu etablieren – mit Problemen, die es intern und extern gab.

Micha Guttmann am 16. Dezember 2013 in Berlin. (picture alliance/dpa/Paul Zinken)Micha Guttmann: "Wir haben Probleme gesehen, vor allen Dingen auch der Integration damals, Wohnungen zu finden, Arbeit zu finden." (picture alliance/dpa/Paul Zinken)
Beyrodt: Man muss dazu vielleicht sagen, heute sind ungefähr 90 Prozent der Jüdinnen und Juden in Deutschland, stammen aus Ländern der Ex-Sowjetunion oder sind Kinder und Enkel von solchen Menschen. In Gemeindeblättern findet man manchmal nur noch Russisch, manchmal Deutsch und Russisch, man kann auf Gemeinden treffen, wo nur Russisch gesprochen wird. Haben Sie damals geahnt, dass solche Probleme kommen würden?

Guttmann: Wir haben Probleme gesehen, vor allen Dingen auch der Integration damals, Wohnungen zu finden, Arbeit zu finden. Wir haben uns trotzdem sehr vehement für den Zuzug eingesetzt und die Bundesregierung auch überzeugt davon, dass er stattfinden musste. Die eigentlichen Probleme, die hab ich damals in der Schärfe nicht gesehen, aber selbst, wenn ich sie gesehen hätte, war die Entscheidung richtig. Heute finden wir in der Tat einen Umschwung in der Struktur der jüdischen Gemeinden. Es gibt viele aus der zweiten, dritten Generation, die integriert sind in den Gemeinden, aber es gibt eben auch viele, die außerhalb der Gemeinden stehen.

"Image als Mahner ist zweischneidig"

Beyrodt: Wenn ich mich mit nicht jüdischen Deutschen unterhalte, dann höre ich manchmal, der Zentralrat, das sind die, die immer meckern und mahnen. Herr Guttmann, als Kommunikationsberater, wie günstig ist denn dieses Image des Mahners?

Guttmann: (lacht) Ja, das Image des Mahners ist immer zweischneidig. Aber man muss sagen, es gab damals in den 50er-, 60er-Jahren und auch später wenige Organisationen, die sich tatsächlich für jüdische Interessen eingesetzt haben, die sich der Vergangenheit erinnert haben und auch die Bedeutung der Vergangenheit immer wieder betont haben. Wenn sie es getan haben, haben sie es betont in Reden, in sogenannten Sonntagsreden, aber die Taten fehlten: In der Entschädigungsgeschichte, in anderen Geschichten, die mit dem Verhältnis zum Staat Israel zu tun hatten et cetera. Da war der Zentralrat sozusagen hineingerutscht in die Rolle des Mahners, obwohl er dies nicht explizit wollte.

Beyrodt: Wenn Sie zurückblicken auf 70 Jahre Zentralrat, ist das Verständnis gewachsen zwischen jüdischen und nicht jüdischen Deutschen?

Guttmann: Ich bin der Meinung, ja, es hat sich etwas verändert, die Vergangenheit spielt bei vielen nicht mehr die Rolle, die sie natürlich vor 50 Jahren gespielt hat. Dennoch muss ich sagen, sind die Erfahrungen, die ich gesammelt habe damals – ich war von 1988 bis 1992 Generalsekretär –, damals begann es schon, dass es akzeptiert wurde, jüdisches Leben in Deutschland und nicht mehr infrage gestellt wurde und nicht mehr immer nur verbunden wurde mit der Vergangenheit. Die Vergangenheit ist wichtig, für alle, für Juden und für Nicht-Juden, sehr wichtig, und prägt auch die Gegenwart, aber sie darf die Gegenwart nicht sozusagen überstülpen.

Beyrodt: Wenn man jetzt die Zeitungen aufschlägt, ist inzwischen häufig die Rede von neuem Antisemitismus. Wie sehen Sie das?

"Immer ungefähr 20 Prozent Antisemiten"

Guttmann: Positiv sehe ich es natürlich nicht, aber es ist so, dass es sicher einen neuen Antisemitismus gibt, gespeist aus vielen Quellen. Wir haben aber immer – und da muss ich sagen, wenn wir in der Vergangenheit Untersuchungen sehen –, wir haben immer einen Prozentsatz von rund 20 Prozent Plusminus gehabt, die latent oder offen antisemitisch waren in der deutschen Bevölkerung. Dieser Prozentsatz hat sich meiner Meinung nach nicht groß verändert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Josef Schuster (Zentralrat der Juden) - "Ich sehe hier ein Abrutschen nach rechts"
(Deutschlandfunk, Interview, 26.11.2018)

Jüdische Gemeinden in Deutschland - Wenige Geburten, viele Beerdigungen
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 24.05.2019)

Ein zentrales Dokument deutsch-jüdischer Geschichte
(Deutschlandfunk Kultur, Kalenderblatt, 27.01.2013)

Aus der jüdischen Welt

Synagoge in HalleDie Tür, die hielt
Einschusslöcher in der Tür der Synagoge in Halle (picture alliance / Winfried Rothermel)

Ein Blutbad blieb aus, letztes Jahr beim Anschlag in Halle an Jom Kippur. Denn die Synagogentür hatte gehalten. Die Tür soll nun Teil eines Mahnmals vor dem Gotteshaus werden. Wo die einen an ein Wunder glauben, sprechen andere von Physik. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur