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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.03.2020

70 Jahre VW BulliEin Gefährt für Influencer

Martin Fehrensen im Gespräch mit Axel Rahmlow

Ein Volkswagen-Logo, nass vom Regen,  auf einem blauen VW Bus, geschmückt mit einer Kunststoff-Blumenkette. (picture alliance / KEYSTONE / Peter Klaunzer)
Heißgeliebter Bus: VW Bulli (picture alliance / KEYSTONE / Peter Klaunzer)

Als Flower-Power-Bus hat der inzwischen 70 Jahre alte VW-Transporter Bulli einen festen Platz in den Herzen der Hippiegeneration. Vans sind auch bei Instagramern beliebt - als Ausdruck von Lebensgefühl und Identität, sagt der Journalist Martin Fehrensen.

Axel Rahmlow: An diesem Wochenende feiert der VW Bulli seinen 70. Geburtstag. Das war am Anfang ein schnöder Transporter. Es wurde dann eine Art Flower-Power-Bus, heute ist er vor allem ein gern genutzter Begleiter für den Urlaub oder für die Freizeit am Wochenende. Da ist es dann egal, wie alt so ein Bulli ist oder wie viele Kilometer der auf dem Tacho hat.

Menschen sind bereit, dafür sehr viel Geld in die Hand zu nehmen oder, wenn es nicht reicht, sich einen anderen Van zu besorgen. Van, diese Autokategorie, die man umbauen kann zu einer Art fahrenden Miniwohnung. Das ist ein Phänomen, das wir besprechen wollen mit Martin Fehrensen. Er ist der Herausgeber des Social-Media-Watchblogs, er beobachtet dort gesellschaftliche Phänomene und wie sie sich dann im Netz spiegeln. Guten Morgen!

Martin Fehrensen: Guten Morgen!

Drei Besucher des Festivals "Rock im Park" sitzen auf einem Campingplatz, vor einem VW-Bulli, auf einer alten Couch.  (dpa)Nach 70 Jahren immer noch begehrt: Der VW Bulli ist auch bei der Instagram-Generation beliebt. (dpa)

Rahmlow: Warum ist der Van und dieses Unterwegssein im Van seit Jahren etwas, was immer populärer zu werden scheint?

Fehrensen: Ich glaube, das hat ganz viele Gründe. Erst mal ist es, glaube ich, total kommod, in seinen eigenen vier Wänden einfach loszufahren und auf Entdeckertour zu gehen. Man bucht sozusagen keine Pauschalreise, wo man irgendwie alles vorgegeben hat, vielleicht in fremden Betten schlafen muss et cetera, sondern man kann seinen eigenen Stuff irgendwie mitnehmen und ist damit unterwegs. Ich glaube, das macht vielen Spaß.

Dann hat es aber auch etwas damit zu tun, dass einfach dieses Europa-Entdecken eine große Rolle spielt. Viele lieben es, glaube ich, jetzt einfach loszufahren und Europa ein Stück weit zu entdecken, gerade die skandinavischen Länder sind irgendwie wahnsinnig populär geworden: Da mit seinen eigenen vier Wänden hinzudüsen spricht viele an.

Dann dritte Komponente: Dieser DIY-Gedanke, also: Do it yourself, selber basteln, selber kreativ werden, selber vielleicht auch Dinge gestalten können – das macht vielen Spaß, und da kommt vieles zusammen beim Van. Das spricht viele, viele Menschen tatsächlich seit Jahren an.

Auch Oberstudienräte twittern ihren Van

Rahmlow: Jetzt haben Sie gerade schon so Pauschaltourismus angesprochen als, ich sage mal, aus einer Van-Perspektive negativer Gegensatz. Wie viel davon, von diesem Herumfahren im Van, ist dann doch aber auch ein Stück weit elitäre Abgrenzung?

Fehrensen: Na ja, elitäre Abgrenzung, weiß ich gar nicht. Ich glaube, es spricht ganz, ganz viele unterschiedliche Typen an. Also man hat, wenn man sich im Netz anschaut, auf Instagram und so, Hashtags wie "#vanlife" –  tatsächlich superpopulär, da entdeckt man schon unterschiedliche Charaktere.

Das sind tatsächlich einerseits Influencer, die dann da Fotos posten, wo man gar nicht weiß, ob die jemals in diesem Van auch nur einen Meter gefahren sind oder ob man den sozusagen nicht vor Ort gebucht hat und dann da ein schönes Foto gemacht hat. Es gibt aber auch die Abenteurer, die wirklich, gefühlt, vor lauter Reparaturen gar nicht einen Meter vorankommen und sozusagen die Zuschauer oder die Leute, die sich dafür interessieren, mit auf diese Reparaturreise nehmen.

Es gibt die Oberstudienräte, die von ihren Kindern wahrscheinlich gesagt bekommen: Mama und Papa, möglichst "#vanlife" als Hashtag benutzen, dann tauchst du dort mit auf! So gibt es ganz, ganz viele unterschiedliche Charaktere, die sich da tatsächlich in diesem digitalen Schaufenster tummeln. Das ist schon spannend zu beobachten, wie quer durch die gesellschaftlichen Schichten der Van auch ein attraktives Fortbewegungsmittel ist.

Teil der Identität

Rahmlow: Also, wenn ich jetzt sage, "#vanlife", diese Hashtag, den Sie gerade angeführt haben, das ist vor allem ein Mittel der Selbstinszenierung, dann ist das aus Ihrer Sicht doch ein Stück weit übertrieben.

Fehrensen: Jein. Also man muss sich, glaube ich, anschauen, welche Funktion soziale Medien sozusagen einnehmen in unserer Gesellschaft. Also es gibt einmal dieses Infomanagement, also das sind so drei Ebenen. Das ist das Infomanagement, sich sozusagen informieren über soziale Medien. Da gibt es dieses Beziehungsmanagement, also die Frage sozusagen, wer bin ich nach außen. Dann gibt es dieses Identitätsmanagement, also wer bin ich sozusagen.

Elektrisches VW Konzeptauto im Retrodesign, auf der Expo in Brüssel. (Getty Images / Sjoerd van der Wal)Van 4.0: Die neuen elektrischen Transporter von VW sind umweltfreundlich - und wirken etwas kühl. Keine Spur vom Flower-Power-Charme des alten Bulli. (Getty Images / Sjoerd van der Wal)

All diese drei Komponenten spielen bei so einem Hashtag wie "#vanlife" mit rein. Das heißt, einerseits kann so ein Hastag genutzt werden, um sich zu informieren, was braucht es eigentlich, wo kriege ich so einen Van her, wie kann ich den ausbauen. Da werden dann ganz praktisch Tipps geben.

Dann gibt es aber diese zwei anderen Komponenten, die spielen dann noch eine viel größere Rolle, nämlich tatsächlich diese Frage: Íst das jetzt ein Teil meiner Identität? Ich bin vielleicht eher, keine Ahnung, jemand tatsächlich, der sich nicht in eine Pauschalreise begibt, sondern jemand, der einfach aufbricht, der losfährt, der das Abenteuer sucht, der die Weite sucht, und das kann man alles wunderbar tatsächlich in solchen digitalen Räumen dann zum Ausdruck bringen.

Total im Trend: Upcycling

Rahmlow: Den kann also sozusagen jeder für sich selbst nutzen. Jetzt haben wir aber auch eine Zeit, Herr Fehrensen, in der wir ganz oft über Klimaschutz sprechen. Ist es da nicht ein bisschen aus der Zeit gefallen, mit so einer alten Kiste, einem VW Bulli, durch Europa zu touren?

Fehrensen: Ja, also erste Reaktion: Auf jeden Fall, völlig aus der Zeit gefallen.

Rahmlow: Zweite Reaktion?

Fehrensen: Zweite Reaktion: Irgendwie auch nicht, weil dieser ganze DIY-Gedanke, dieses Upcyceln zum Beispiel auch, aus alt mach neu, eben nicht neu zu kaufen, sondern vielleicht einen Bulli aufzubereiten, der schon, keine Ahnung, 200.000 Kilometer runter hat. Das wiederum entspricht total dem Zeitgeist und ist etwas, was viele junge Leute anspricht, was aber auch viele Ältere anspricht, die vielleicht ein bisschen mehr Zeit haben und wirklich, wenn man so möchte, so ein bisschen dieser Konsumverzicht oder dieser Ausstieg aus, keine Ahnung, kommerziellen Angeboten, das ist wieder total Zeitgeist. Von daher passt es wunderbar.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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