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Interview | Beitrag vom 22.08.2020

70 Jahre Technisches Hilfswerk"Wo man nicht mehr helfen konnte, das verdrängt man"

Wolfgang Lindmüller im Gespräch mit Dieter Kassel

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Das THW nach der Kollision einer Mirage mit einem Privatflugzeug über Biberach an der Riss im Jahr 1983. (imago images / Sommer)
Das THW nach der Kollision einer Mirage mit einem Privatflugzeug über Biberach an der Riss im Jahr 1983. (imago images / Sommer)

Die Teams des Technischen Hilfswerks sind weltweit im Katastropheneinsatz. Zuletzt waren sie nach der Explosion in Beirut gefragt. Seit 50 Jahren gehört Wolfgang Lindmüller zu den Helfern. Er erinnert sich vor allem an Dankbarkeit.

Dieter Kassel: Am 22. August 1950 vereinbarten der damalige Bundesinnenminister und der Pionieroffizier Otto Lummitzsch den Aufbau eines zivilen Ordnungsdienstes. Und damit kann man mit Fug und Recht behaupten, dass heute, an diesem Samstag, der 70. Geburtstag des Technischen Hilfswerks ist.

Wir hätten natürlich gerne heute mit jemandem gesprochen, der vor 70 Jahren schon beim Aufbau dabei war. Das ging nun nicht, aber es war tatsächlich relativ einfach, jemanden zu finden, der schon einen halbes Jahrhundert beim THW ist.

Inzwischen ist er außerdem der Bundessprecher des Technischen Hilfswerks. Wolfgang Lindmüller, gehen wir mal 50 Jahre zurück, wie sind Sie denn beim THW gelandet?

Wolfgang Lindmüller: Ich bin auf etwas ungewöhnliche Weise beim THW gelandet. Ich wollte eigentlich zur Bundeswehr und habe mich dann kurzfristig bei einem Besuch des THW entschlossen, am gleichen Abend dort einzutreten, mich auf zehn Jahre zu verpflichten. Und das habe ich bis heute nicht bereut.

"Froh, dass ich zu diesen blauen Engeln gehöre"

Kassel: Was war denn dann nach zehn Jahren? Haben Sie die Kündigungsfrist verpasst oder wollten Sie nicht wieder weg?

Lindmüller: Ich habe an meinem ersten Tag beim THW gesagt: Ich mache zehn Jahre und keinen Tag länger. Ich habe dann irgendwo diese Kündigungsfrist verpasst und bin heute froh, dass ich zu diesen blauen Engeln gehöre und fast 50 Jahre dabei bin.

Kassel: Können Sie sich noch an Ihren allerersten Einsatz erinnern?

Lindmüller: Das war, nachdem ich drei oder vier Jahre beim THW war, der große Waldbrand hier in Niedersachsen, wo wir fast 14 Tage im Einsatz waren und wirklich Immenses geleistet haben, zusammen mit der Bundeswehr und anderen Organisationen. Dieser Waldbrandeinsatz hat mich dazu bewogen, doch mein Leben beim THW zu verbringen.

Kassel: Es waren ja sehr viele Einsätze im Laufe der Zeit, können Sie sich an Einsätze erinnern, die Sie – aus welchen Gründen auch immer – besonders beeindruckt haben?

Unmittelbar nach dem Unglück am Einsatzort

Lindmüller: Ich komme aus Niedersachsen, aus dem wunderschönen Celle. Und da hat mich der Einsatz an der Unglücksstelle bei dem ICE-Unglück wirklich beeindruckt. Ich hatte das Glück oder das Pech, unmittelbar nach dem Unglück, circa 15 Minuten später am Einsatzort zu sein. Und die Bilder, die sich da geboten haben, die verfolgen einen dann doch sehr, sehr lange und die kommen auch jetzt noch immer wieder in die Erinnerung.

Kassel: Aber was überwiegt denn insgesamt nach so vielen Jahrzehnten, das Gefühl, dass man doch sehr oft Menschen wirklich helfen kann, Katastrophen verhindern oder ihr Ausmaß verringern – oder eben auch das Gefühl, dass es immer wieder Einzelfälle gibt, wo man eben doch nicht helfen kann?

Lindmüller: Es überwiegt das Gefühl, dass man helfen konnte. Und die Dankbarkeit, die einem dann entgegenschlägt, wenn man wirklich helfen konnte, das ist das, was in Erinnerung bleibt. Die wenigen Einsätze, wo wir wirklich nicht mehr helfen konnten, die verdrängt man mit der Zeit. Aber wo man wirklich helfen konnte, das überwiegt.

Innerhalb weniger Stunden weltweit einsatzbereit

Kassel: Das THW hat im Moment so ungefähr 80.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wichtig ist dabei, 98 Prozent davon sind ehrenamtlich. Die zwei Prozent Festangestellten sind eine kleine Gruppe. Aber es geht ja bei dem, was das THW macht, nicht einfach darum, Sandsäcke gegen Hochwasser zu schleppen. Das kommt alles auch vor. Aber das sind ja oft sehr spezielle Aufgaben, die erfüllt werden müssen, und das sehr schnell. Wie stellt man denn aus Freiwilligen teilweise über Nacht ein professionelles Team zusammen?

Lindmüller: Das geht relativ schnell. Wenn ich an den Einsatz in Libanon denke, der ja nun noch in unserer neuesten Erinnerung ist: Innerhalb von vier bis fünf Stunden war dieses Einsatzteam mit 50 Helfern einsatzbereit. Das sind Spezialisten, die auch im Umkreis von Flughäfen sitzen und sofort eingesetzt werden können, die auch entsprechend ausgebildet sind. Dann gelingt es uns immer wieder innerhalb von wenigen Stunden, eigentlich jeden Ort dieser Welt erreichen zu können. Und das ist das, was auch das THW ausmacht.

Felix Bierbaum (20 Jahre) vom Technischen Hilfswerk (THW) aus Bietigheim-Bissingen beim Aufbau einer Traglufthalle in der Türkei im Jahr 1999. (imago images / Christian Ditsch)Felix Bierbaum (20 Jahre) vom Technischen Hilfswerk (THW) aus Bietigheim-Bissingen beim Aufbau einer Traglufthalle in der Türkei im Jahr 1999. (imago images / Christian Ditsch)

Kassel: Das heißt, es ist nicht nur so, dass immer wieder Leute kommen, ich möchte gerne helfen, kann eigentlich nichts, habe aber genug Zeit, sondern Sie haben immer noch genug Leute, die wirklich eine medizinische, eine technische oder eine sonstige Ausbildung haben und zur Verfügung stehen?

Lindmüller: Wir halten natürlich sehr viele Leute, die auch eine technische Ausbildung schon haben, die sind uns sehr willkommen – und für viele Aufgaben braucht man auch einfach das Fachwissen, was wir nicht unbedingt vermitteln können, was also im Berufsleben vermittelt wird. Aber die übrige Ausbildung wird von uns geleistet, an unseren Ausbildungszentren und in unseren Ortsverbänden, die also diese Ausbildung machen. Und insofern haben wir ein hervorragend technisch ausgebildetes Personal.

Schon mit sechs Jahren zum THW

Kassel: Haben Sie eigentlich – wie so viele Organisationen von der Feuerwehr bis sonst wo–, haben Sie Nachwuchsprobleme?

Lindmüller: Wir haben derzeit keine Nachwuchsprobleme, aber die meisten Helfer kommen zu uns, weil ein anderer sie mitbringt. Wenn jeder Helfer einen anderen mitbringt, brauchen wir uns um Nachwuchs keine Sorgen zu machen.

Die Mund-zu-Mund-Propaganda, und das ist bei den Feuerwehren oder Sanitätern eigentlich nicht anders, bringt uns Helfer. Zusätzlich starten wir natürlich auch Werbekampagnen, derzeit läuft gerade eine große. Insofern haben wir im Moment keine Nachwuchsprobleme.

Und das Wichtige, was uns immer wieder Helfer bringt, ist die Jugendarbeit. Aus der Jugend, wo wir also sehr viele Helfer für den aktiven Dienst ziehen. Und die können schon mit sechs Jahren zu uns kommen und werden dann natürlich entsprechend blau gefärbt bis zum 18. Lebensjahr, wo sie in den aktiven Dienst gehen können.

Kassel: 70 Jahre THW, 50 davon haben Sie persönlich miterlebt. Was hat sich in der Zeit verändert?

Lindmüller: Ich kann mich an meine erste Zeit im THW erinnern, wo wir wirklich in einer fast desolaten Unterkunft mit ausgemusterten Fahrzeugen von der Bundeswehr und mit Schubkarre und Feuerpatsche und Schaufel ausgerüstet waren. Inzwischen hat es sich zu einem wirklich professionellen Rettungssystem entwickelt mit einer Ausstattung, die wir wirklich vorzeigen können, mit nagelneuen Fahrzeugen, mit guter technischer Ausstattung, die wir auch weltweit einsetzen können.

Kassel: Seit einigen Jahren berichten Feuerwehrleute, Notärzte, auch die Polizei davon, dass sie bei Einsätzen behindert werden, weil die Leute immer aggressiver werden und, wie ich finde, sehr merkwürdig mit Hilfskräften umgehen. Wir ist das bei Einsätzen im Inland? Machen Ihre Kolleginnen und Kollegen beim THW solche Erfahrungen inzwischen auch?

Lindmüller: Ja, auch diese Behinderung bei Einsätzen mussten wir leider erfahren. Es ist nicht der Regelfall, es sind also zum Glück wenige. Und man hat sich auch mit anderen Sanitätsorganisationen und Feuerwehr zusammengetan, um dagegen anzugehen. Es wird im Moment etwas weniger, aber es lässt sich leider nicht vermeiden. Das Eigenartige ist, dass bei Auslandseinsätzen das definitiv so nicht der Fall ist, bei Inlandseinsätzen schon.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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