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Zeitfragen | Beitrag vom 03.07.2020

70 Jahre Suhrkamp - die Unseld-JahreUnter dem Regenbogen

Von Siegfried Ressel

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Siegfried Unseld posiert für eine Porträtaufnahme (picture-alliance / akg-images)
Bis zu seinem Tod im Jahr 2002 leitete Siegfried Unseld den Suhrkamp Verlag. (picture-alliance / akg-images)

1959 übernahm Siegfried Unseld von Peter Suhrkamp den Suhrkamp Verlag und schuf die sogenannte "Suhrkamp Kultur": mit Büchern von literarischer wie politischer Relevanz, die das geistig-kulturelle Leben Deutschlands maßgeblich prägten.

"Ich würde sagen, dass ein literarischer Verlag definiert ist durch seinen Umgang mit den Autoren. Nun ist dieser Umgang mit dem Autor insofern eine besondere Sache, als ein literarischer Verlag ganz auf die Bedingungen seiner Autoren eingestellt sein muss. Und auch das ergibt sich natürlich nur von einer bestimmten Haltung zu den Autoren."

So lautete im Jahr 1966 die Antwort des Verlegers Siegfried Unseld in der Fernsehsendung "Das Profil" auf die Frage, was einen literarischen Verlages ausmache. Der beschriebenen Haltung zu Buch und Autor blieb der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld sein Berufsleben lang treu.

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Der Schriftsteller Durs Grünbein ergänzt aus eigener Beobachtung: "Für Unseld war der Autor das wichtigere, das Buch war dann vielleicht eher der Beweis dafür, dass es diesen Autor gab. Und es war Teil eines idealerweise entstehenden Werkes."

Gründung eines modernen Verlags

Im Keller des Deutschen Literaturarchivs Marbach lagert das Archiv des Suhrkamp Verlages. Anhand vieler Schriften kann man hier die Verlagsgeschichte nachvollziehen: Peter Suhrkamp übernahm als Treuhänder 1936 die Leitung des S. Fischer Verlages. Dessen Gründer Samuel Fischer war verstorben, seine jüdischen Erben mussten aus Hitler-Deutschland emigrieren.

1944 wurde Peter Suhrkamp wegen Hochverrats verhaftet und am 25. Januar 1945 in das KZ Sachsenhausen überstellt. Doch der aufrechte Verleger überlebte die Nazis und den Krieg. Noch 1945 erhielt er eine Lizenz zur Publikation von Büchern. Eine kleine Produktion folgte, ebenso erste Korrespondenzen mit "seinen" Autoren.

Weil sich die aus Amerika heimgekehrten Erben von Samuel Fischer über eine gemeinsame Verlagsleitung mit Peter Suhrkamp nicht einigen konnten, trennten sich beide Parteien 1950: Gottfried Bermann Fischer restituierte den "S. Fischer Verlag" und der "Suhrkamp Verlag" gründete sich noch einmal neu - diesmal mit Peter Suhrkamp als alleinigem Eigentümer.

"Erfolglosigkeit ist nicht erlaubt"

Im Oktober 1951 bewarb sich der Verlagsbuchhändler Siegfried Unseld um Mitarbeit bei Suhrkamp. 1952 trat er in den Verlag ein und übernahm ihn 1959 nach Peter Suhrkamps Tod. Als eine "sehr kraftvolle Persönlichkeit" beschreibt ihn die Schriftstellerin Alissa Walser, "vor der man sich aber mitunter auch in Acht nehmen muss, weil, wenn jemand so eine große Kraft ausstrahlt, muss man ja gucken, wo man da bleibt".

Der ehemalige Leiter des Theaterverlags Karlheinz Braun sagt über Siegfried Unseld: "Als Siegfried Unseld dann den Verlag übernahm, hatte er gleich große Pläne. Wie immer bei Siegfried Unseld weit ausschauend und immer überdimensional."

Brauns Nachfolger Rudolf Rach meint: "Er zweifelte an nichts. Der glaubte, dass alles, was er macht, richtig ist. Ich meine, der ging ja so weit, dass er den Adorno-Satz 'Es gibt kein richtiges Leben im Falschen' umdrehte und sagte: "Es gibt kein falsches Leben im Richtigen." Ich meine, das müssen Sie sich mal vorstellen."

Der Schriftsteller Martin Walser posiert für ein Porträt. (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)"Erfolglosigkeit ist nicht erlaubt": Martin Walser war einer von Siegfried Unselds Mitstreitern. (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)

Und der Schriftsteller und Wegbegleiter Martin Walser sagt: "Also, ich hätte kein erfolgloser Autor sein wollen bei ihm und im Suhrkamp Verlag. Erfolglosigkeit ist nicht erlaubt".

Mitreißende Aufbruchsstimmung

Während Peter Suhrkamp einen kleinen, elitären Verlag im Sinn hatte, dachte der Modernisierer Unseld sofort groß. Dabei konnte er sich auf Mitstreiter stützen: Sein Studienbekannter Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch, später Jürgen Habermas und Uwe Johnson, alles Suhrkamp-Autoren, fungierten an Unselds Seite als Freunde, Berater und Herausgeber. Und: Sie brachten neue Autoren in den Verlag.

Nicht nur auf seine Lieblingsautoren konnte sich Unseld verlassen. Er "erbte" von Peter Suhrkamp ein starkes Lektorat.

Karlheinz Braun erlebte den Beginn der Ära Unseld und zugleich das Ausbrechen aus den spießigen Wirtschaftswunderjahren als eine mitreißende Aufbruchsstimmung: "Dieses Kollektiv des Lektorats, von dem Unseld immer sagte, es sei das Beste, was es in Deutschland gegeben hat und was es auch ganz sicherlich war, hat sozusagen diesen Aufbruch der Republik und der Demokratie realisiert".

Der Pop kommt in die Branche

Die Sternstunde des Verlages war eine kollektive Leistung unter Unseld: Am 2. Mai 1963 wurden die ersten 20 Bände der regenbogenfarbenen Taschenbuchreihe edition suhrkamp ausgeliefert.

Diese Reihe revolutionierte den Buchmarkt, wobei nicht nur der Inhalt eine Rolle spielte. Das, was die edition suhrkamp von bereits existierenden Taschenbuchreihen anderer Verlage unterschied, war die ästhetische Gesamtgestaltung dieser Reihe. Mit ihr kam der Pop in die Buchbranche. Und dafür steht ein Name: Willy Fleckhaus, der unter Unseld zum Chefdesigner wurde.

Führend in der deutschsprachigen Literatur

Mitte der 1960er Jahre ist der Verlag führend was die deutschsprachige Literatur anging - vor allem in den Bereichen Theorie, Gesellschaftswissenschaften und Philosophie. Daneben werden Werkausgaben etabliert beispielsweise von Marcel Proust, Walter Benjamin, James Joyce, Robert Walser, Paul Celan und natürlich von Bertolt Brecht.

Neue Autoren kommen zu Unseld: unter anderen die Österreicher Thomas Bernhard und Peter Handke. Sie wurden neben Max Frisch, Hermann Hesse und Brecht die Longseller des Verlages.

Die "Suhrkamp-Kultur" arbeitet Geschichte auf

Martin Walser und Peter Weiss nahmen als Zuschauer an dem ersten Frankfurter Auschwitzprozess teil durch den die Öffentlichkeit zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit mit den schrecklichen Geschehnissen im Vernichtungslager Auschwitz konfrontiert wurde. Peter Weiss entwickelte aus seinen Prozessbeobachtungen heraus das dokumentarische Bühnenstück "Die Ermittlung", Martin Walser wiederum schrieb den Essay "Unser Auschwitz" für die erste Nummer des bei Suhrkamp gegründeten "Kursbuches" im Juni 1965.

Porträt von Durs Grünbein (imago stock&people)"Beweis für die deutsche Aufarbeitung der Geschichte": Durs Grünbein über die "Suhrkamp-Kultur" (imago stock&people)

Durs Grünbein über diese Publikationen, die für eine Herausgeberschaft stehen, welche der Literaturwissenschaftler George Steiner später als die "Suhrkamp-Kultur" adelte:

"Dieser Verlag war sozusagen der Beweis für die deutsche Aufarbeitung der Geschichte. Hier war mal alles versucht, in Form von Aufklärungsliteratur wieder unters Publikum zu bringen, damit Debatten anzustoßen und so weiter. Ich glaube, das war mit der 'Suhrkamp-Kultur' gemeint."

Aufstand der Lektoren

1967/68 rollen die Studentenproteste über die Bundesrepublik hinweg, es kommt zu Straßenschlachten und Verhaftungen. Auch vor Unseld und seinem Verlag machen sie nicht halt. Beim legendären "Aufstand der Lektoren" fordern diese von ihrem Chef eine Lektoratsverfassung mit mehr programmatischer und geschäftlicher Mitbestimmung.

Der Lektor Karlheinz Braun über die Stimmung im Verlag und seinen Chef zu jener Zeit: "Dieser Aufstand wurde nicht gütlich entschärft. Am Ende verließen Braun, Boehlich, Michel und andere Suhrkamp. Die von den Aufständischen erhoffte Solidarität der Autoren blieb aus: Habermas, Frisch, Johnson, Enzensberger, Walser und andere blieben an der Seite ihres Verlegers."

Der Verlust der Lektoren muss für Unseld schmerzlich gewesen sein. Rudolf Rach, Nachfolger von Karlheinz Braun als Lektor des Theaterverlages, bringt das Dilemma des Verlegers und Geschäftsmannes Siegfried Unseld auf den Punkt: "Das ist das eigentliche Kernproblem des Suhrkamp Verlages, das war auch das Kernproblem des Lebens von Siegfried Unseld, nämlich: Wie verbinde ich einen kapitalistischen Verlag mit einer linken Ideologie?"

Ende einer Ära

Siegfried Unseld starb am 26. Oktober 2002. Von seiner Witwe Ulla Berkewicz wurde Durs Grünbein ans Totenbett gebeten:

"Es war bedeutsam, bewegend. Der Kapitän war sozusagen von der Brücke gegangen, lag jetzt da an Deck ausgebreitet. Eines wusste ich in dieser Sekunde sofort: Jetzt fängt eine neue Ära an!"

(DW)

Sprecher*in: Julia Brabandt und Martin Engler
Regie: Beatrix Ackers
Ton: Inge Goergner
Redaktion: Dorothea Westphal


Korrekturanmerkung: Wir haben eine Jahreszahl im Audio korrigiert.

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