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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.12.2016

70 Jahre Goethe-WörterbuchWie man Goethe "verzettelt"

Michael Niedermeier im Gespräch mit Dieter Kassel

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Ein Hühnerei verziert mit dem Gedicht "Osterspaziergang" von Johann Wolfgang von Goethe, gesehen auf dem Ostereiermarkt in Gotha im März 2015 (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Ein Hühnerei, das mit dem Gedicht „Osterspaziergang“ von Johann Wolfgang von Goethe verziert wurde. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Am Anfang stand eine große Zettelsammlung. Die Akademie der Wissenschaften arbeitet seit 70 Jahren an einem Goethe-Wörterbuch. In dem Mammutprojekt soll jedes Wort erklärt werden, das der Dichter benutzt hat. Derzeit ist man bei den Buchstaben S und T angelangt. 2025 soll es fertig sein. Die Ergebnisse sind jetzt schon online verfügbar.

Dieter Kassel: Vor 70 Jahren beschloss die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin die Einrichtung des Forschungsvorhabens Goethe-Wörterbuch. Das klingt jetzt sehr theoretisch, es ist aber zu einer sehr praktischen Arbeit für eine ganze Reihe von Wissenschaftlern geworden. Drei Akademien sind inzwischen mit diesem Wörterbuch beschäftigt und – das darf ich schon jetzt verraten – nach knapp 70 Jahren noch immer nicht komplett fertig damit. Viel beschäftigt ist deshalb auch Professor Michael Niedermeier, er ist der Leiter der Arbeitsstelle Berlin des Goethe-Wörterbuchs. Herr Niedermeier, schönen guten Morgen!

Michael Niedermeier: Schönen guten Morgen!

Kassel: Ich habe es vorhin schon verraten, laut "Duden"-Redaktion hat der Durchschnittsdeutsche einen Wortschatz von so etwa 12.000 bis 16.000 Wörtern. Wie groß war der Wortschatz von Goethe?

Niedermeier: Sie sprechen vom passiven Wortschatz?

Kassel: Ja. Das wissen wir natürlich bei ihm nicht so ganz genau. Messen wir es doch mal ganz einfach, wenn Sie fertig sein werden in ein paar Jahren, wie viele Begriffe werden drin sein?

Niedermeier: Nein, das wissen wir schon lange, ja. 93.000 ungefähr sind aktiver Wortschatz gewesen. Denn wir kennen ja seinen passiven Wortschatz nicht. Und das ist eigentlich sozusagen der muttersprachliche Wortschatz, also, wir nehmen Fremdsprachen nur insofern auf, als sie in deutschen Texten mehr oder weniger klar definiert vorkommen.

Kassel: Das erklärt aber auch etwas, was man vielleicht als Laie sofort sich anders vorstellt: Es geht bei diesem Wörterbuch nicht um Worte, die Goethe quasi für sich selbst erfunden oder irgendeiner Form verändert hat, es geht um jedes Wort, das er überhaupt benutzt hat.

Das Foto zeigt im Vordergrund drei Exemplare des Goethe-Wörterbuches, das den gesamten Wortschatz des Dichterfürsten (etwa 90.000 Wörter) in alphabetischer Reihenfolge verzeichnet. Auf der Grundlage von rund drei Millionen Archivbelegen wird Goethes individueller Wortschatz in einzelnen Artikeln durch ausgewählte Belegzitate und Bedeutungserklärungen dargestellt. (picture alliance / dpa / Volker Heick)Das Foto zeigt im Vordergrund drei Exemplare des Goethe-Wörterbuches, das den gesamten Wortschatz des Dichterfürsten (etwa 90.000 Wörter) in alphabetischer Reihenfolge verzeichnet. (picture alliance / dpa / Volker Heick)

Alle Belege zusammentragen – ohne sich zu verzetteln

Niedermeier: Jedes Wort. Und jeder Beleg, das muss man wissen. Also, das heißt, wir haben, bevor dieses Wörterbuch angefangen werden konnte, alle Belege in eine zentrale Zetteldatei eingestellt. Das heißt, es gab vorher schon mal Versuche, so etwas zu tun, aber erst als das Wörterbuch dann eingerichtet worden ist, hat man festgelegt, dass alle Belege zusammengetragen werden müssen und verzettelt werden – ohne sich zu verzetteln.

Kassel: Wie kann ich mir denn das rein praktisch vorstellen? Nehmen wir doch mal ein praktisches Beispiel! Also, was ich noch auswendig kann aus Schulzeiten, ist der "Zauberlehrling". Nehmen wir so einen Satz wie "Walle, walle, dass zum Zwecke Wasser fließe." Hören wir hier schon auf! Da ist jetzt viel mit W drin, da müssen wir fair bleiben, so weit sind Sie noch nicht, Sie sind bei S/T ungefähr jetzt …

Niedermeier: Wir haben alles schon verzettelt, das ist schon lange da.

Kassel: Aber wie habe ich mir das vorzustellen, sitzt dann ein Kollege von Ihnen oder eine Kollegin da, liest den "Zauberlehrling" und schreibt jedes Wort auf einen Zettel?

Niedermeier: Nein, das ist alles vorher geschehen. Das heißt, es wurde fast 20 Jahre exzerpiert. Man setzt sich hin, unterstreicht jedes Wort und legt einen Zettel an. Und baut auch sozusagen den Kontext auf, wenn es fremdsprachliche Quellen dazu gibt, "Cellini" beispielsweise, dann wird auch der fremdsprachige Text dazugeschrieben, um zu erklären, welche Art der Übersetzung Goethe gewählt hat. Also, wir haben ein Zettelarchiv von ungefähr 3,4 Millionen Zetteln und es ist alles verzeichnet schon. Und wir arbeiten das jetzt erst ab und es konnte eigentlich erst Mitte der 60er-Jahre wirklich beginnen, die Wörterbucharbeit, als alles durchexzerpiert war. Vorher ging das gar nicht.

Kassel: Das, würde ich jetzt mal unterstellen, ist inzwischen aber durch die digitalen Medien einfacher geworden, oder? Gerade wenn man sich vorstellt, dass die Arbeit ja mehr oder weniger gleichzeitig an verschiedenen Orten auch stattfindet.

Niedermeier: Das ist schon richtig. Aber ohne ein Zettelarchiv käme man auch nicht aus. Tatsächlich ist natürlich die Digitalisierung ein wichtiger Schritt, aber das war zu der Zeit nicht möglich einerseits, andererseits wurden erste Versuche, weil das natürlich so lange dauerte und natürlich immer größere Fragezeichen, ob das überhaupt bewältigbar ist, aufgekommen sind, wurden schon erste Versuche mit Datenverarbeitung versucht, 1960 schon mit IBM in Sindelfingen und dann in den späten 60er-Jahren mit dem Deutschen Rechenzentrum in Darmstadt und so was. Da war das Goethe-Wörterbuch, wenn man so will, mit vorn dran. Aber natürlich ist es eine zeitgebundene Phase gewesen und es wurde eben wie bei Altphilologen auch verzettelt. Und das ist auch gut so, denn man findet auch – wir haben natürlich jetzt heute moderne Korpora –, man findet nicht alles auf Anhieb und wir müssen jedes Wort mit allen Belegen zur Verfügung haben.

Wörterbuch auch online verfügbar

Kassel: Wo wir gerade über die Digitalisierung jetzt am Rande gesprochen haben, inzwischen ist das Wörterbuch in dem Umfang, in dem es bereits fertiggestellt ist, auch online verfügbar. Also, jeder, der möchte, kann das kostenlos auch im Internet nutzen. Aber gehen wir doch mal zurück ins Jahr 1946, als die damalige Akademie der Wissenschaften zu Berlin das beschlossen hat: Das kann einen auf den ersten Blick verwundern, es war so halbwegs genau eineinhalb Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und da kommt dann oft das Argument: Da hatten die Deutschen, da hatte die ganze Welt eigentlich ganz andere Sorgen. Hat man dieses Projekt gerade deshalb damals ins Leben gerufen oder hat man gesagt, das ist uns alles egal, wir machen es einfach jetzt?

Niedermeier: Ich denke, es gab mehrere Gründe. Es gab einmal den Grund, man wollte sozusagen an Anfänge zurück, wo ein gesicherter Grund für eine verheerte, für eine vollkommen desillusionierte deutsche Bevölkerung da war. Und da war Goethe dieser Punkt. Er war, sagen wir mal, der Mittelpunkt des klassischen Humanismus, wenn man das so nennen möchte. Und man setzte auf ein älteres Projekt. Es ist ja nicht so, dass sozusagen von der Stunde null angefangen war, aber die Situation war jetzt günstig. Es gab schon einen Versuch durch Otto Pniower, der war der Direktor des Märkischen Museums hier in Berlin und der hatte schon selbstständig ein Archiv von 60.000 Karteikarten angelegt. Und es ging darum: Man kann Goethe nicht verstehen, ohne dass man seine Sprache versteht. Die Sprache hat sich verändert über die Jahrhunderte und wir deuten natürlich immer von unserem Blickwinkel in die Werke hinein. Und der Punkt war: Wir setzen ganz neu an. Und nach 45 war die Chance gut. Also, an Goethe, da konnte man sich darauf verständigen.

Kassel: Nun könnte man glauben – und ich ahne fast schon, so ist es schon wieder nicht, wir führen ja so ein Gespräch, wo Sie gerne mal sagen dürfen: Jein, eher nicht –, dass natürlich eine solche wissenschaftliche, sprachwissenschaftliche Beschäftigung etwas sehr Eindeutiges ist. Aber Sie haben ja schon gesagt, Sie brauchen für alles Belege, es muss alles sozusagen auch wasserdicht sein, weil natürlich, bei einem Mann wie Goethe gibt es viele Wissenschaftler, wahrscheinlich kommt ab und zu einer und sagt: 'Na, das würde ich jetzt mal anders werten bei dem Wort!' Wie schwierig ist das, wirklich für jeden Begriff auch die richtige Erklärung zu finden?

Niedermeier: Das ist schwierig, das ist schwierig. Und man stößt natürlich immer wieder auch an Grenzen. Aber wir haben eben das Gesamtwerk zur Verfügung und wir haben ausgebildete, hervorragende ausgebildete Spezialisten, die sich damit beschäftigen. Man muss auch wissen, dass der größte Sprachwortschatz nicht im poetischen Werk ist, sondern das naturwissenschaftliche Werk, beispielsweise die autobiografischen Schriften. Also, fast die Hälfte der verzeichneten Lemmata, also Wörter, wenn Sie so wollen, sind einfach nur belegt, nur ein einziges Mal. Und das sind oft taxonomische Begriffe. Goethe war ja in vielen Feldern der Naturwissenschaften unterwegs, und zwar führend unterwegs, Farbenlehre, Optik, Mineralogie, Gestaltlehre, wo Sie hingucken, war Goethe unterwegs. Und sein größtes Werk ist die Farbenlehre. Es ist nicht, wie man denken könnte, irgendein poetisches Werk. Er war Kameralist, er war Direktor, wenn man so will, des Bergwerkes, er war in jeder Hinsicht universell. Und er hatte ein enormes Gedächtnis.

Kassel: Sie haben es ein bisschen, als wir darüber gesprochen haben, warum gerade damals dieses Projekt, warum begann es damals, es schon erwähnt, aber wenn Sie sich mal das bisherige Ergebnis angucken: Was hat jetzt jemand von diesem Wörterbuch, der nicht wie Sie Wissenschaftler ist, sondern der sich für Goethe interessiert, der sich für Sprache interessiert? Ich glaube, ein bisschen was muss man dann voraussetzen, sonst will man es sich nicht anschauen, aber was habe ich jetzt davon, so etwas nachschlagen zu können?

Interesse an Goethe wächst wieder

Niedermeier: Ich stoße in einem Werk auf ein Wort, was ich nicht wirklich verstehe, und das ist bei vielen so, dann kann ich nachschlagen. Wir haben Naturwissenschaftler, die schlagen bei uns nach. Es gibt ein sicherlich großes Feld und auch ein großes Interesse an Goethe, das wieder gewachsen ist, wo man so nachschlagen kann. Es ist ein wissenschaftliches Grundlagenwerk, das muss man schon sagen. Und es hatte ja damals angefangen als ein sogenanntes Goethe-Institut, als Schadewaldt, der Altphilologe das eingerichtet hatte, hatte man viel großartiger noch gedacht. Man wollte eine Akademie-Ausgabe, eine historisch-kritische Ausgabe machen, man wollte einen umfassenden Goethe-Kommentar. Es lief ja schon seit 1941 die naturwissenschaftlichen Schriften bei der Leopoldina und es war noch die große Bibliografie angedacht. Manches ist nicht geworden, die Akademie-Ausgabe wurde abgebrochen, die Bibliografie wurde … Pyritz, der hatte den Lehrstuhl in Berlin, war wegen seiner Nazi-Vergangenheit in den Westen gegangen, war dann Lehrstuhlleiter in Hamburg gewesen, hatte das dann mitgenommen. Also, es war ein gigantisches, wenn man so will, Projekt. Das Goethe-Wörterbuch hat, wenn man so will, als Einziges dieses Akademienprojekt überlebt.

Kassel: Heute Abend wird gefeiert. Ich würde jetzt gern noch 1000 Fragen stellen, können wir nicht, aber bin in einem Punkt optimistisch: Wir haben ja noch ein paar Jahre Zeit, uns zu unterhalten, es ist ja nicht fertig. Jetzt mal hochgerechnet, wie es bisher ging: Wie viele Jahre wird es noch dauern, bis Sie beim letzten Z-Wort durch sind?

Niedermeier: 2025, wir haben das alles durchgerechnet. Wir haben immer einen ganz klaren Arbeitsplan seit einigen Jahren und jedes Jahr wird eine bestimmte Artikelstrecke abgearbeitet. Und das letzte, "Zyrus" bzw. "zz." Aus einem der historisch-kritischen Briefe-Ausgabe, ein neues Lemma, was entdeckt worden ist, dann sind wir fertig. Also, wenn wir diese Arbeitspläne durchziehen, sind wir fertig 2025. Und ich bin da ganz optimistisch, dass wir es schaffen.

Kassel: Das bin ich dann auch. Ich wünsche Ihnen erst mal viel Spaß heute Abend bei der Jubiläumsfeier und dann viel Erfolg bis ins Jahr 2025 noch!

Niedermeier: Danke schön!

Kassel: Danke schön! Michael Niedermeier war das, er ist der Leiter der Arbeitsstelle Berlin des Goethe-Wörterbuchs.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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