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Studio 9 | Beitrag vom 08.02.2019

69. Berlinale eröffnetStehende Ovation für den scheidenden Direktor

Von Gesa Ufer

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Berlinale-Direktor Dieter Kosslick kommt am 7. Februar 2019 zur feierlichen Eröffnung der Berlinale. (picture alliance/dpa)
Berlinale-Direktor Dieter Kosslick kommt am 7. Februar 2019 zur feierlichen Eröffnung der Berlinale. (picture alliance/dpa)

Roter Schal und schwarzer Hut waren 18 Jahre lang das Markenzeichen von Dieter Kosslick als Festival-Direktor. Die Eröffnung der Berlinale war nun auch ein Abschiedsfest für den scheidenden Direktor.

Der Präsident nimmt seinen Hut. Für Moderatorin Anke Engelke gleich zu Beginn des Abends Anlass für ein kleines Liebeslied auf den scheidenden Dieter Kosslick – im Duett mit Max Raabe

"Hohe Schuhe, kurze Roben. Wetter ist egal. Manchmal kommt der Schnee von oben. Mann mit rotem Schal, wir sind nur wegen dir hier, wegen dir sind wir hier"

Daran an schlossen sich stehende Ovationen für den beliebten Festivalpräsidenten, der sich selbst – wie schon in den vergangenen Jahren – sehr zurücknahm. Ein kurzer Gruß von der Bühne an die Nachfolger, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die offizielle Eröffnung ganz am Schluss, mehr gab es von der heimlichen Hauptperson mit Hut gestern nicht zu hören.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters war voll des Dankes und brachte die Sache mit dem Hut in ihrer Rede so auf den Punkt:

"Hätte ich wie du einen schwarzen Hut, ich würde ihn zur heutigen Eröffnung deiner letzten Berlinale ziehen."

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick begrüßt das Publikum bei der Eröffnung der 69. Berlinale in Berlin (picture alliance / Photoshot)Berlinale-Direktor Dieter Kosslick begrüßt das Publikum bei der Eröffnung der 69. Berlinale in Berlin (picture alliance / Photoshot)
Anke Engelke gelang es wieder einmal, unterhaltsam, klug und hintersinnig – halb deutsch, halb englisch – durch den Abend zu führen, ohne Berührungsängste und mit gewohnt charmanten Seitenhieben auf die Mächtigen. Die Tatsache, dass Berlin inzwischen als Schauplatz düsterer Netflix-Serien über Verbrechen und Bandenkriminalität dient, führte sie zu folgender Anmoderation des regierenden Bürgermeisters:

"Ihm haben wir es zu verdanken, dass Serien wie '4 Blocks' nicht nur reine Fiktion sind – bitte begrüßen Sie den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller!"

"The Kindness of Strangers" - nur eine Schmonzette?

Und sonst? Vor dem Berlinale-Palast wurden die Stars in diesem Jahr in leise schnurrenden Elektro-Limousinen vorgefahren. Eine extra so ausgeschilderte Fankurve wies das johlende Publikum am roten Teppich auf seine Plätze, und der Eröffnungsfilm sorgte für Gesprächsstoff.

In ihrem Drama "The Kindness of Strangers" erzählt die Dänin Lone Scherfig die anrührende Geschichte einer jungen Frau, die vor ihrem gewalttätigen Mann flieht. Mit ihren beiden Söhnen strandet sie mitten im Winter in New York und findet dort überraschend Hilfe. Für manche Zuschauer gestern eine kitschig-triefelige Schmonzette, für andere anrührendes Kino vom Feinsten. Schauspieler und Tatort-Kommissar Mark Waschke:  

"Und ich mochte sehr, dass das so im besten Sinne Kino war. Und es auf eine sehr poetische Weise nicht so getan hat, als wäre es Wirklichkeit. Ich fand das einen sehr schönen Eröffnungsfilm, weil das charmant, beschwingt, fett und berührend Kino war."

Berlinale-Chef Dieter Kosslick mit der Jury-Präsidentin Juliette Binoche (imago stock&people)Berlinale-Chef Dieter Kosslick mit der Jury-Präsidentin Juliette Binoche (imago stock&people)

So oder so: Es war vor allem versöhnliche Dankbarkeit für den Gastgeber, die den gestrigen Abend im Berlinale-Palast ausmachte.

Fast die Hälfte der diesjährigen Filme sind von Frauen

Ein Jahr nach dem großen Aufbrechen der MeToo-Debatte schaute die Berlinale gestern auf sich selbst und den scheidenden Chef – einen Mann, der besonders bei vielen weiblichen Berlinale-Stammgästen einen Stein im Brett zu haben scheint. Die Schauspielerin Martina Gedeck etwa würdigte Dieter Kosslick so:

"Er hat die Frauen immer in gewisser Weise in den Mittelpunkt gerückt. Er hatte sehr früh Jury-Präsidentinnen. Er hat immer sehr früh schon dafür gesorgt… – also, ich wurde 2003 als eine der Ersten von ihm in die Jury berufen, in die Grand International Jury. Das war damals sehr außergewöhnlich und es war überhaupt nicht normal oder gang und gäbe, auch auf anderen Festivals nicht. Also, da hat er schon Maßstäbe gesetzt."

Die starken Frauen stehen auch in diesem Jahr wieder im Fokus der Berlinale – vor und hinter der Kamera. Und von den fast 400 Filmen, die bei diesen Filmfestspielen laufen, sind immerhin fast die Hälfte von Frauen.

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