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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.06.2016

66. Bad Hersfelder FestspieleEröffnungspremiere wie ein Fernseh-Zweiteiler

Von Bernhard Doppler

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Schauspieler Richy Müller, aufgenommen 2016 bei Dreharbeiten für das Drama "Hexenjagd" bei den Festspielen in Bad Hersfeld. (picture alliance / dpa / Swen Pförtner)
Schauspieler Richy Müller, aufgenommen 2016 bei Dreharbeiten für das Drama "Hexenjagd" bei den Festspielen in Bad Hersfeld. (picture alliance / dpa / Swen Pförtner)

Auf populäre Fernsehschauspieler wie Tatort-Ermittler Richy Müller oder Brigitte Grothum von "Drei Damen vom Grill" setzt Intendant Dieter Wedel bei den Bad Hersfelder Festspielen. So auch in seiner Eröffnungsinszenierung: Arthur Millers "Hexenjagd, für die es stehende Ovationen gab.

"Für die Bühne ist er verloren!": Legendär ist die Verfügung von Claus Peymann, als er als Wiener Burgtheaterdirektor Klaus Jürgen Wussow keine Rolle mehr gab. Wussows Gesicht wäre durch die Fernsehserie "Schwarzwaldklinik" zu bekannt, als dass das Publikum ihm noch eine ernsthafte Theaterrolle abnehme. 

Die ehrwürdigen Bad Hersfelder Festspiele unter Intendant Dieter Wedel setzen seit 2015 nun jedoch gerade auf solche populäre "Fernsehnasen" – und scheinen damit auf dem rechten Weg zu sein und ihre alte Bedeutung als wichtigstes deutsches Schauspielfestival wieder zu erlangen, so zumindest der Hersfelder Bürgermeister Thomas Fehlig und der hessische Kulturminister Boris Rhein in ihren Eröffnungsansprachen. Es zeige sich, wie richtig es gewesen sei, den vorherigen Intendanten Holk Freytag vorzeitig aus dem Amt gejagt zu haben. Die Verkaufszahlen würden den Politikern recht geben. Fehligs ziemlich schmutzige Kampagne gegen Holk Freytag war 2014 allerdings sehr heftig in der Öffentlichkeit kritisiert worden.

Nun also: Präsenz von Fernsehprominenz bei der Eröffnungsinszenierung im nordhessischen Kurort: Elisabeth Lanz ("Tierärztin Dr. Mertens"), Horst Janson ("Sesamstraße"), Brigtte Grothum ("Die Damen vom Grill") Richy Müller (SWR "Tatort"), Motsi Mabuse (Jurymitglied von "Let´s Dance") und vor allem alte Fernseh-Mitstreiter des Intendanten Dieter Wedel: Hans Diehl und André Eisermann. Dieter Wedel macht als Regisseur so aus Arthur Millers "wellmade play" über Hexenverfolgungen im 17. Jahrhundert einen durch eine Pause getrennten Fernseh-Zweiteiler – mit seinen Schwächen, aber durchaus auch Vorzügen.

Viele Gesichter sieht man sehr gerne wieder, einige enttäuschen durch wenig durchdachte Schauspieler-Klischees. Christian Nickel, "Faust" bei Peter Steins Expo2000-Aufführung, jedenfalls überzeugt in der Hauptrolle John Protector, vor allem wenn er dramatisch seinen ehelichen Seitensprung überdenken und verarbeiten muss. Durch Mikroports wird zwar das Pathos der Auseinandersetzung in der Stiftsruine auf Kammerton heruntergeschraubt, aber durch unheilsschwangere Soundtracks wieder erhöht. Manchmal ziehen sich die Auseinandersetzungen mit den Richtern und Geistlichen bedeutungsschwer in die Länge, wie seinerzeit bei den Ermittlungen von "Derrick" oder dem "Alten".

Jasmina Tabatabai wird als Konserve eingespielt

In die Aufführung ist auch ein Film eingebaut, den Wedel zuvor gedreht hatte. Tatsächlich dynamisieren die Einspieler das manchmal etwas zähe Geschehen durch Erklärungen und Zusammenfassungen, die die Landstreicherin Sarah Good, gespielt von Jasmina Tabatabai gibt. Vielleicht verfiel man auf die Idee, weil Tabatabai für die Aufführungen bis Ende Juli nicht mehr zur Verfügung stehen konnte und deshalb als Konserve eingespielt wurde. Die Verbindung von Film und Theater, ohnehin nicht sehr exzessiv auf einer nicht allzu großen Leinwand, verkauft man 2016 in Hersfeld allerdings als große dramaturgische Novität, so wie wenn es Frank Castorf, ja Erwin Piscator nie gegeben hätte.

… "und morgen sind vielleicht Sie dran!" heißt der reißerische Untertitel des Abends. Und in den Eröffnungsreden wurde die Aktualität des Stückes betont, von Hassmails und neuen populistischen Hetzjagden war die Rede. Aber Wedels Inszenierung hat damit nichts zu tun. Er verlegt das Geschehen, mit dem Arthur Miller auf den US-Antikommunismus der 50er-Jahre zeigen wollte, auf die 30er-Jahre – vermutlich wegen der Hutmodelle der Herrn (Kostüme Clarissa Freiberg). Wenn aufgebrachte Bürger mit der Tafel "Weg mit den Hexen" die Wohnung von John Protector einschlagen, soll man wohl an "Pegida" denken.

Die Filmsets, die in die Stiftsruine hineingeschoben werden (Bühne Jens Kilian), erinnern aber eher an einen Western. Und so überzeugt auch am meisten Richy Müller als Reverend Hale, wenn er wie ein einsamer Westernheld in das Dorf einfährt und dort ermittelt. Am Ende erschießt er in der Hersfelder Version den selbstgerechten Betrüger Thomas Putnam, während Unschuldige gehängt werden. 

Nach Mitternacht ann stehende Ovationen für Dieter Wedel und seine Stars. Auch die beiden weiteren Neu-Produktionen 2016 in der Stiftsruine, "My Fair Lady" und "Krabat", scheinen schon jetzt sehr nachgefragt.

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