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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 13.08.2016

55 Jahre MauerbauGeschichtsunterricht mit dem Fahrrad

Ulrike Poppe und Klaus-Jürgen Wetz im Gespräch mit Klaus Pokatzky

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Der Mauerbau in Berlin im August 1961. (picture alliance / dpa)
Symbol des Kalten Krieges: Die Berliner Mauer wurde im August 1961 errichtet (picture alliance / dpa)

28 Jahre lang teilte die Mauer Berlin in Ost und West. Viele Schüler wissen heute nur noch wenig über die innerdeutsche Grenze, sagen Experten. Die Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe und der Geschichtslehrer Klaus-Jürgen Wetz wollen das ändern – und gehen dabei ungewöhnliche Wege.

Am heutigen 13. August jährt sich der Mauerbau zum 55. Mal, daran erinnert eine Vielzahl von offiziellen Gedenkveranstaltungen. Wie wird dieses entscheidende Datum, wie wird die deutsch-deutsche Teilung heute noch in unserer Gesellschaft erinnert? Spielt das Thema 27 Jahre nach der Wende noch eine Rolle in Familien, im Kollegenkreis, unter Freunden? Wie offen wird darüber geredet – zum Beispiel in Orten oder Familien, in denen es Stasiopfer- oder auch Täter gegeben hat? Was geben die Erwachsenen an die Kinder weiter über die Zeit, als Ost- und Westdeutschland noch voneinander geteilt waren?

"Erinnerung braucht Zeit", sagt Ulrike Poppe. Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin hat den Mauerbau als Kind miterlebt, in Hohen Neuendorf bei Berlin. "Das hat das Leben Vieler verändert. Bei uns gab es viele Grenzgänger, die im Westen studiert oder gearbeitet haben. Die Eltern meiner Banknachbarin in der Schule sind im Westen geblieben. Da sind etliche noch im letzten Moment abgehauen."

Mauerweg in Groß-Glienicke (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)Erinnerungsstück: Ein Rest Mauer in Berlin Groß-Glienicke (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)

Die Oppositionelle wurde von der Stasi überwacht, saß sechs Wochen in Untersuchungshaft. Als Mitbegründerin der Bürgerbewegung "Demokratie jetzt" nahm sie später am Zentralen Runden Tisch teil. Seit 2010 bemüht sie sich als Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in Brandenburg um einen offenen Umgang mit diesem Teil der deutsch-deutschen Geschichte.

An Einzelschicksalen die Repressionen verdeutlichten

Sie wünscht sich einen unvoreingenommenen Austausch:

"Dass man die verschiedenen Geschichten hört, die die Menschen erlebt haben, mit diesem Regime, das mit den Mauertoten endete. Aber man muss auch an die vielen denken, die wegen Republikflucht ins Gefängnis kamen oder an die, die große Probleme hatten, wenn ihre alten Eltern im Osten waren und sie im Westen – und sie konnten nicht zu ihnen. Dass sie ihre alten Eltern haben allein sterben lassen müssen."

Diese Einzelschicksale seien es, die die ganze Gewalt der Repression erst verdeutlichten. Ulrike Poppe geht auch als Zeitzeugin in Schulen; dort macht sie die Erfahrung, dass die Kinder ein sehr unterschiedliches Vorwissen haben. "Ich sehe da erhebliche Defizite, auch eine Schwerfälligkeit der Lehrer. Vor allem, wenn sie zu DDR-Zeiten schon Lehrer waren, fällt es ihnen nicht leicht, darüber zu unterrichten. Aber ein maßgeblicher Einfluss auf das Geschichtsbild kommt auch vom Elternhaus: Es ist viel wirksamer, was Kinder aus ihrem Umfeld erfahren. Und da gibt es auch Schwierigkeiten in den Familien."

"Es gibt ein Geschichtsbewusstsein bei Schülern"

"Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Schüler nicht sehr viel über die DDR wissen", bestätigt auch Klaus-Jürgen Wetz. Der Geschichtslehrer aus Frankfurt/Main war 2013 "Lehrer des Jahres" – unter anderem wegen seines Projektes "Mit dem Rad Geschichte erfahren". Dafür legte er mit seinem Geschichtsleistungskurs 220 Kilometer auf einer Radtour entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze zurück. Die Schüler besuchten Grenzmuseen, trafen sich mit Zeitzeugen, sprachen mit ehemaligen Flüchtlingen und Grenzsoldaten, aber auch mit Landes- und Kommunalpolitikern. Der engagierte Pädagoge ist auch in der Lehrerfortbildung aktiv und hofft auf möglichst viele Nachahmer: "Mit solch authentischen Erfahrungen kann man der nach dem Wendejahr 1989 geborenen Schülergeneration erheblich besser als per Schulbuch verdeutlichen, wie die SED-Diktatur funktioniert hat. Es gibt ein Geschichtsbewusstsein bei Schülern, und das sollte man ansprechen."

55 Jahre Mauerbau: Wie können wir unsere Geschichte lebendig halten? Darüber diskutiert Klaus Pokatzky heute von 9:05 Uhr bis 11:00 Uhr mit Ulrike Poppe und Klaus-Jürgen Wetz. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254  2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de – sowie auf Facebook und Twitter.

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