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Religionen / Archiv | Beitrag vom 09.08.2015

500 Jahre ThesenanschlagAuf den Spuren des Heiligen Martin

Von Adolf Stock

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Denkmal für den deutschen Reformator Martin Luther auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg (dpa / picture alliance / Jens Wolf)
2017 gibt es ein rundes Luther-Jubiläum (dpa / picture alliance / Jens Wolf)

2017 jährt sich Luthers Thesenanschlag zum 500. Mal. Schon jetzt bereitet man sich im Kernland der Reformation, in Thüringen und Sachsen-Anhalt, auf das Ereignis vor. Es gibt Ausstellungen, Museen werden neu gestaltet und mit Anbauten ergänzt. Welches Lutherbild haben wir heute, und wie lassen sich Luther und die Reformation angemessen feiern? Adolf Stock hat die Plätze der Reformation besucht.

Auszug aus dem Manuskript:

[...] "Ein feste Burg ist unser Gott" steht in großen Lettern am Turm der Wittenberger Schlosskirche, die weitgehend 19. Jahrhundert ist. Sie gehört zu jenen Bauten, die im Kaiserreich Selbstbewusstsein demonstrierten. Große Männer wurden damals mit Denkmälern geehrt: Reichkanzler Bismarck bekam seine Bismarcktürme, das Hermanns-Denkmal erinnert an den tapferen Arminius, der die feindlichen Römer schlug, und bei Rüdesheim am Rhein erinnert eine zehn Meter hohe Germania an den Sieg über Frankreich 1870/71. Am Deutschen Eck, wo Mosel und Rhein zusammenfließen, ehrt ein Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I., der mit Gottes Hilfe den Erzfeind Frankreich besiegen konnte. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Standbild von einer amerikanischen Granate zerstört. Seit 1993 sitzt Wilhelm wieder auf seinem Pferd, und auf dem Sockel ist nach wie vor zu lesen.

"Nimmer wird das Reich zerstöret,
Wenn ihr einig seid und treu!"

Heinz Schilling: "Gehen Sie nach Wittenberg. Dort sehen Sie den hohenzollernschen Luther des 19. Jahrhunderts. Das fängt an mit dem Turm der Schlosskirche, das geht weiter natürlich mit der Thesentür, die da in Bronze gegossen ist, und wo man dann gelegentlich hört, dass man darstellen kann, dass Luther die Thesen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht angeschlagen hat, dann kommt das Argument: Ja, aber da ist doch die Thesentür. Ja, ja aber ist eben 19. Jahrhundert! Jedes Jahrhundert schafft sich seinen eigenen Luther. Am Anfang war es der deutsche Held, der gerade auch in den Befreiungskriegen eine Rolle spielte. Später wurde er immer stärker so borussifiziert, nicht, gucken Sie, und der ist heute noch präsent."

Der Lutherbiograf Heinz Schilling will gegensteuern. Der Luther des 19. Jahrhunderts muss aus unseren Köpfen.

Auf den braunen Autobahnschildern ist die Wittenberger Schlosskirche zu sehen. Hier hat Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür genagelt. Auch wenn die Geschichte nicht stimmen sollte: Nach offizieller Lesart begann so die Reformation.

Die Schlosskirche hat eine bewegte Geschichte. Als Luther 1546 in Eisleben starb, kam sein Leichnam nach Wittenberg und wurde in der Schlosskirche beigesetzt. Im Siebenjährigen Krieg brannte die Kirche aus. Sie wurde wieder aufgebaut und in den folgenden Jahrhunderten mehrfach saniert. Am Ende des 19. Jahrhunderts ist sie eine Kirche im neugotischen Stil.

Heinz Schilling will Luther als Kind des 16. Jahrhunderts verstehen. Er will ihn nicht länger dem Zeitgeist opfern. Das – so sagt er – sei schon viel zu oft geschehen.

"Mein Argument: Wir müssen wie Archäologen durch eine 500-jährige Schicht von Lutherrezeption und von Luther-Verbiegungen durch, um die Konstellation des 16. Jahrhunderts besser zu verstehen. Und im Übrigen, insbesondere in der Kirche höre ich immer: 'Das ist ja nur historisch!' Das ist ein absoluter Quatsch, 'nur historisch' gibt es nicht, denn auf der Basis historischen Verständnisses wird nicht nur die Gegenwart verständlich, sondern wird Zukunft gewonnen. Ohne ein Verständnis von Geschichte ist Zukunft nicht möglich." [...]

Mehr zum Thema:

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