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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 14.12.2015

50 Prozent weniger CO2 in zehn JahrenAusgerechnet Bottrop!

Von Alois Berger

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Fördertürme im Ruhrgebiet - die stummen Zeugen einer vergangenen Epoche: Der steinerne über 30 Meter hohe Malakoff - Förderturm des Steinkohle - Bergwerks "Zeche Prosper II in Bottrop (Nordrhein-Westfalen). Der unter Denkmalschutz stehende Förderturm aus dem Jahr 1873 wurde in den letzten Jahren aufwendig saniert und wird kulturell genutzt. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Ehemaliger Förderturm in Bottrop, Relikt aus der Vergangenheit: Die Stadt setzt inzwischen auf Solarmodule und moderne Energiespartechnik (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)

2010 entschloss sich ein Zusammenschluss von Unternehmen in Bottrop zu einem ehrgeizigen Versuch: Innerhalb eines Jahrzehnts soll der CO2-Ausstoß halbiert werden. Jetzt gibt es erste Erfolge - und überraschende Lektionen.

"Hier sehen sie ein typisches Verschleißteil für die Stahlindustrie,  Haltbarkeit circa hundert Stunden, und durch diese Produkte fließt flüssiger Stahl."

Ralf Warkotsch ist stolz auf die Qualitätsarbeit seiner Schweißer.  1600 Grad müssen die meterhohen Stahlringe später aushalten. Geschweißt wird mit über 3000 Grad. Das kostet Strom, sehr viel Strom.  Früher hat der Mittelständler allein für Strom weit mehr als 1000 Euro bezahlt, pro Monat. Heute hat er 300 Solarmodule auf dem Dach seiner Werkhalle. Seine Leute schweißen nun mit Sonnenenergie.

Auch sonst hat Warkotsch seinen 40-Mann-Betrieb auf den neuesten Stand gebracht:

"Wir haben cirka einen Kilometer Fußbodenheizungs-Kunststoffrohre verlegt. Die Wärmeerzeugung findet über einen Pelletbrenner statt. Die Fußbodenheizung ist sehr effektiv. Normale Hallenheizungen funktionieren ja über Konvektion, das heißt, überall hängen große Gebläse in sehr hoher Höhe, und dann ist die Wärme aber nicht da, wo wir sie wollen, nämlich unten am Boden, wo die Mitarbeiter sich aufhalten. Und hier stehen sie sozusagen auf der Heizung."

Ralf Warkotschs Firma Technoboxx ist einer der neuen Vorzeigebetriebe in Bottrop. Wenn die alte Industriestadt innerhalb eines Jahrzehnts ihren CO-2-Ausstoß halbieren will, dann müssen alle mitmachen. Oder fast alle. Jedenfalls reicht es nicht, wenn nur die Wohnhäuser mit neuen Fenstern und einer Fassadendämmung versehen werden. Auch die Industrie muss mitspielen, so wie der Betrieb von Ralf Warkotsch.

Die Energiekosten sind für die Unternehmen meist keine Belastung

Man habe sich das leichter vorgestellt, räumt Burkhard Drescher ein. Drescher ist Geschäftsführer des Innovation-City-Managements, das den Energieumbau in Bottrop vorantreiben soll.

"Was wir gelernt haben, ist, dass in den Industrieunternehmen, die wir haben, die Energiekosten nicht eine so große Rolle spielen, wie wir gedacht haben. Die Unternehmen, die wir auch versucht haben zu beraten, sie dazu zu bewegen, ihre Betriebe energetisch zu optimieren, die haben uns vorgerechnet, dass die Energiekosten nur zwei, drei, vier Prozent ausmachen, und der Fokus dort liegt ganz wo anders. Das heißt also, für die meisten Gewerbebetriebe sind die Energiekosten keine relevante Größe, und deshalb ist das ein Thema, was so derzeit nicht so gut funktioniert."

Dabei war die energetische Vernetzung der Betriebe die große Hoffnung in Bottrop. Als sich die Stadt vor gut fünf Jahren für das Projekt bewarb, verwendete man viel Energie darauf, nicht nur die Bürger, sondern auch die Unternehmer mitzunehmen. Dutzende von Versammlungen wurden abgehalten, die Bereitschaft zum Mitmachen ausgelotet, Ideen gesammelt.

Und es gab viele Ideen, ungewöhnliche Ideen, auch aus den Betrieben. Zum Beispiel, wie man die alten Abraumhalden der Bergwerke als Energiespeicher nutzen könnte. Oder mit den Dampfwolken der Kokereien Schulen und Altersheime heizen könnte. Aber daraus wurde meist nichts, bedauert Geschäftsführer Drescher:

"Es ist ja aberwitzig, dass wir in der Industrie  jede Menge Energie haben, wie überschüssige Wärme, die in die Luft geblasen wird. Und es ist uns bisher nicht gelungen, diese Wärme für andere Betriebe, die einen Wärmebedarf haben, zum Beispiel nutzbar zu machen."

Doch so einfach will Drescher, der Motor der Bottroper Klimawende,  nicht aufgeben. Derzeit bearbeitet er den Vorstand eines Aluminiumwerkes, den Wärmeüberschuss für ein benachbartes Industriegebiet zur Verfügung zu stellen.

"Aber das Projekt gehört zu denen, wo wir noch harte Bretter bohren müssen."

Bei der Kokerei Prosper, die alle 20 Minuten eine riesige Dampfwolke in den Himmel über der Ruhr schickt, hat Drescher einen ersten Erfolg erzielt. In Kokereien wird Kohle bis zu 30 Stunden lang auf über 1000 Grad erhitzt. Beim Ablöschen fällt dann sehr viel heißes Wasser an. Ein Teil des Wassers wird nun zweimal die Woche in einem Spezialcontainer zu einer Schule gefahren. Mit einer Containerladung lassen sich sämtliche Klassenräume drei Tage lang heizen.

Probleme sind immer wieder Teil des Bottroper Experiments

Doch im Moment stockt das Projekt. Die Containerfirma hat Probleme und kann nicht anliefern. Die Schule wird vorerst wieder konventionell beheizt. Solche Probleme sind Teil des Realversuchs in Bottrop.

Trotzdem:  solche ausgefallenen Projekte sind wichtig, vor allem für die Motivation. Elektrofahrräder für die Feuerwehr zum Beispiel, die damit zwar nicht zum nächsten Brand fährt, aber zu Fortbildungskursen. Oder die Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf energiesparende Leuchtdioden, sowie Pläne, Kohlebergwerke zu Wasserkraftwerken umzubauen. Darüber reden die Leute in Bottrop, das fördert dann die Bereitschaft und den Eifer vieler Bürger, selbst mitzumachen beim Energieumbau ihrer Stadt.

Entscheidend für den Erfolg sei das Gesamtkonzept, sagt Professor Manfred Fischedick vom Klimainstitut in Wuppertal. Nicht jede Idee müsse am Ende zünden. Der Energieexperte hat die bisherigen Erfolge und Misserfolge der Bottroper Klimawende ausgewertet. Unterm Strich, sagt Fischedick, habe Bottrop seinen CO-2-Ausstoß in fünf Jahren bereits um ein Viertel  gesenkt. Weitere 12 Prozent Einsparung seien mit den bisherigen Projekten so gut wie sicher. Ein erstaunlicher Erfolg. Das meiste aber habe die ganz normale Wärmedämmung in Wohnhäusern gebracht, rechnet Professor Fischedick vor. Doch gerade damit habe Bottrop Zeichen gesetzt.

"Das Innovative bei der Gebäudesanierung ist im Grunde die Frage, wie erreiche ich die Bürger und Bürgerinnen, die Hausbesitzer, Gebäudeeigentümer, wie motiviere ich sie tatsächlich dann zur Umsetzung. Und da hat es in Bottrop ein mehrstufiges Beratungskonzept gegeben, angefangen, dass Akteure zu den Gebäudebesitzern konkret hingegangen sind, und auf der anderen Seite ein mehrstufiges Beratungsgespräch hier im Beratungshaus der InnovationCity, wo sich die Gebäudebesitzer zwei, drei Stunden lange intensiv mit ihrem eigenen Gebäude beschäftigen konnten, und dann am Ende des Tages nach Hause gehen konnten mit einer Idee, ob und wie sie sanieren können und wollen. Die Quote derjenigen, die dann tatsächlich Geld in die Hand genommen haben mit 56 Prozent, spricht, glaube ich, für sich."

Bei der energetischen Sanierung von Häusern ist die Stadt spitze

In den letzten Jahren wurden in Bottrop fünfmal so viele Häuser und Wohnungen energetisch modernisiert wie im Bundesdurchschnitt. Meistens von Privatleuten.

Jürgen und Ute Gräfe wohnen am Stadtrand von Bottrop. Ein schmuckes Einfamilienhaus mit einem großen Gartenhaus dahinter, in dem die Floristin ein Blumenatelier und einen Laden eingerichtet hat. Alles zusammen 380 Quadratmeter, die geheizt werden müssen. Vor gut einem Jahr haben sich die Gräfes ein kleines Heizkraftwerk in den Keller bauen lassen.

"Das ist die Brennstoffzelle, sieht unspektakulär aus."

Das ganze Kraftwerk ist nicht größer als ein Kühlschrank, heizt das ganze Haus und liefert nebenher noch 13000 Kilowatt Strom im Jahr.

"Wir  wollten weg vom Öl. Weg von dem dauernd gucken, ob der Preis steigt oder fällt, und ich musste das immer kaufen, hatte da sehr viel Stress mit. Und haben uns schon lange für KWK-Anlage interessiert. Und Innovation City hatte jetzt das Projekt, 100 KWK-Anlagen, sofort rein in den Landen und habe mich beworben. Und das klappte dann auch sofort. "

KWK oder Kraft-Wärme-Kopplung ist keine neue Technologie, neu ist aber, dass  diese Anlagen sich schon für Einfamilienhäuser lohnen können. Noch ist das nicht der Fall. Ohne großzügige Förderung durch die Innovation-City hätten sich auch die Gräfes die Anlage nicht gekauft. Doch Bottrop vertraut darauf, dass die Preise bei steigender Nachfrage weiter fallen. Derzeit geht es in Bottrop darum, zu zeigen, was technisch möglich ist, wieviel Energie man einsparen kann, wenn man die neueste Technik einbaut. Vor allem wollen sie auszuprobieren, wie man die verschiedenen Energiespar-Komponenten in einer Stadt kombinieren kann, um möglichst unabhängig zu werden von Kraftwerken und Stromnetzen. Dirk Smit ist der Installateur der Anlage, die bei den Gräfes im Keller steht:

"Es ist natürlich ein weiter Schritt in die Zukunft, also weit vorausgesehen. Der Gedanke: viele kleine einzelne Haushalte, die dann Strom produzieren, zu einem virtuellen Kraftwerk bedarfsgerecht zusammenzuschalten."

Mit 200.000 Mikro-Blockheizkraftwerken könnte man ein kleineres Kohlekraftwerk ersetzen. In Bottrop wollen sie nun testen, wie man die verstreuten Mikroanlagen zentral steuern kann, um Stromschwankungen auszugleichen. Dann wären diese Kleinstkraftwerke die ideale Ergänzung zu Wind- und Solarenergie.  Aber noch klappt vieles nicht so recht. Mit ihrem Installateur sind die Gräfes längst per Du,  so oft ist er im Haus.

"Wir sind halt Pioniere jetzt auf diesem Gebiet. Also, das erste Jahr war anstrengend. Besonders anstrengend, ich sag mal die steuerliche Geschichte. Also das Finanzamt, wenn die Gräfe hören, die kennen mich schon sehr, sehr gut. Da war ich täglich. Und keiner, selbst des Finanzamt weiß nicht, wie das alles so abläuft. Wir sind jetzt im zweiten Jahr, und da funktioniert bis jetzt doch alles schon deutlich besser. Ich meine, der Verbrauch vom Gas ist immer noch sehr, sehr hoch. Aber das wird jetzt alles optimiert. Wenn das noch einigermaßen klappt, bin ich eigentlich zufrieden."

Wer Strom produziert, muss Steuern zahlen

Wer Strom produziert, muss ihn versteuern, auch wenn er ihn selbst verbraucht. Noch komplizierter ist der Stromverkauf über den Gartenzaun – eigentlich war das in Bottrop als besonders revolutionärer Schritt geplant. Die Idee war einfach: Strom, der in der Nachbarschaft bleibt, braucht keine teuren Trassen. Aber wer in Deutschland Strom an Privatkunden vertreiben will, muss Unmengen von Bürokratie bewältigen. Selbst das Zollamt will dann mitreden.

In Bottrop hoffen sie nun, dass der Bundesfinanzminister bald ein Gesetz auf den Weg bringt, das den Schreibkram für den kurzen Energieweg einfacher macht.

Aber das ist für Jürgen und Ute Gräfe noch Zukunftsmusik.

"Stromverkauf in Kilowattstunden, ich sag mal ca. 40 Euro, ist noch nicht so die Welt. Wir produzieren 13000 Kilowattstunden jährlich mit der Anlage, und davon können wir 70 Prozent eigen verbrauchen, das ist eigentlich der wesentlich Effekt dabei. Das heißt, diese 70 Prozent müssen wir nicht teuer einkaufen. Nur die restlichen 30 Prozent, die speisen wir ein und bekommen wir dann entsprechend vergütet."

Es hat sich schnell herumgesprochen, dass die Gräfes ihr eigenes Heizkraftwerk im Haus haben. Nicht nur die Nachbarn sind neugierig. Auch die Kundschaft in Ute Gräfes Blumenladen stellt viele Fragen.

"Meine Kunden sind erstaunt, wieviel ich über eine KWK-Anlage weiß. Und sehr viele waren schon hier im Keller, und bringen dann auch ihre Männer zum Teil mit und sind sehr interessiert. ja."

Energiesparen kann ansteckend sein, das haben sie im Bottroper Rathaus auch gemerkt. Wenn irgendwo ein neues Mikrokraftwerk angeliefert oder Solarmodule aufs Dach geschraubt werden, dann kommen bald die Nachbarn ins Rathaus und wollen mehr wissen. Dann müssen wir uns Zeit nehmen und die Leute richtig beraten, sagt Burkhard Drescher vom Bottroper Innovation-Management. Jedes Haus sei anders, jeder habe ein anderes Budget. Entscheidend sei, dass sich die Maßnahme nachher auch rechnet:

"Man kann ein ganzes Dach dämmen. Man kann aber auch nur den Speicherboden dämmen. Das kostet nur 10 Prozent und hat zu 95 Prozent die gleiche Wirkung, dann machen die Leute das auch. Ist allerdings vom Förderzugang her schwierig."

Der Staat fördert Projekte an der Realität vorbei

Eine nette Umschreibung dafür, dass die deutsche Klimapolitik oft sehr weit an der Realität vorbei fördert. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau, die im Auftrag der Bundesregierung die Energiesparprogramme finanziert, stellt hohe Bedingungen für jeden Zuschuss. Die vorgegebenen Energiesparstandards sind nur mit sehr, sehr hohen Kosten zu schaffen. Mit dem Ergebnis, dass viele Hausbesitzer am Ende gar nichts machen.

In Bottrop gehen sie deshalb einen anderen Weg. Die Stadt fördert vor allem Maßnahmen, die mit wenig Geld vergleichsweise viel bringen. Einer Wohnungsbaugesellschaft wurde beispielsweise ausdrücklich nahegelegt, auf eine Außendämmung von Mietshäusern zu verzichten. Statt dessen empfahlen die Bottroper Energieexperten, die Fenster und die Heizung auszuwechseln und die  Speicherböden zu isolieren.

"Wenn wir gesagt hätten, dämmt von außen, hätte man soviel Kosten gehabt, dass sich das nicht gerechnet für das Wohnungsunternehmen oder man hätte die Miete um zwei Euro pro Quadratmeter erhöhen müssen, dann wären die Mieter aber nicht mehr da gewesen, weil die die Miete nicht mehr hätten zahlen können. Also haben wir eine pragmatische Empfehlung ausgesprochen und auch dort werden wir in einigen Jahren 50 Prozent CO-2 eingespart haben."

In der Bottroper Fußgängerzone, gleich am Glockenspiel, hat die Stadt ein altes Geschäftshaus von Grund auf saniert. Anders als bei den Mietwohnungen ging es hier nicht darum, was wirtschaftlich sinnvoll ist, sondern einzig darum, was technisch machbar ist, erzählt Rüdiger Schumann vom InnovationCity-Management.

"Das ist eines von unseren sogenannten Zukunftshäusern, das sind Bestandshäuser, also Bauten aus den 60er Jahren mit sehr schlechten energetischen Werten, die wir umgebaut haben zu Plus-Energiestandards. Das heißt, diese Häuser erzeugen mehr Strom und Wärme als sie verbrauchen."

Optimal gedämmte Fassade, Geothermie im Keller, Solarmodule auf dem Dach, und Aufzüge, die bei der Fahrt nach unten Strom erzeugen, alles auf dem neuesten Stand der Technik. Drei alte Gebäude wurden zu solchen Zukunftshäusern umgebaut, das Geschäftshaus am Glockenspiel, ein Einfamilienhaus und ein Mehrfamilienhaus. Allesamt Gebäude aus den 60ern mit extrem schlechter Energiebilanz. Heute erwirtschaften alle drei Häuser überschüssigen Strom, den sie ins Netz einspeisen können.

Mit Hilfe dieser Zukunftshäuser will man in Bottrop herauszufinden, welche Maßnahmen sich für welches Haus am besten eignen und welche sich am besten kombinieren lassen. Das Geschäftshaus etwa steht mitten in der Stadt, hat wenig Fläche auf dem Dach und auch keine optimale Sonneneinstrahlung. Die Voraussetzungen für ein Energieprojekt waren nicht gut, meint Rüdiger Schumann:

"Hier im Plus-Energiehaus haben wir im Erdgeschoss eine Eisdiele, das haben wir am Anfang kritisch gesehen, weil eine Eisdiele sehr viel Energie verbraucht. Im Endeffekt war es positiv, weil eben der hohe Verbrauch, der daraus resultiert, dass man dieses Eis intensiv kühlen muss, vor allem im Sommer anfällt. Und vor allem im Sommer haben wir den Strombedarf gedeckt über die Photovoltaik-Anlage, von daher ist es bei uns in der Funktion ein Energiespeicher."

Noch ist Energiespartechnik oft teuer - sie wird aber billiger

Strom dann abzunehmen, wenn er besonders reichlich anfällt: das ist der Sinn eines Energiespeichers. Genau daran werden sie in Bottrop die nächsten fünf Jahre noch arbeiten müssen. Bei der Sanierung der Wohn- und Geschäftshäuser, da wurden bis jetzt die Erwartungen übertroffen. In Bottrop haben sie gelernt, dass sich mit einer guten Beratung und einer geschickten Förderung  sehr viel erreichen lässt. Jedes Gebäude könne man so umrüsten, dass es mehr Energie erzeugt, als die Bewohner verbrauchen, sagt Burkhard Drescher, der Leiter der InnovationCity. Die Technik werde von Jahr zu Jahr billiger.

"Das wird sukzessive finanzierbar. Das wird sicherlich noch eine Weile dauern, aber wenn die Politik es wirklich wollte, mit entsprechenden Förderinstrumenten, wäre man sehr schnell dazu in der Lage. Die Technik, und das ist das Zentrale, was wir demonstrieren wollen, die Technik dafür ist da."

Doch die Aufgabe, die sich Bottrop gestellt hat, ist damit noch nicht erledigt. Burkhard Drescher will nun auf die Industriebetriebe einwirken, damit sie sich stärker beteiligen.

Einer der größten Stromfresser der Region ist das Aluminiumwerk am Stadtrand von Bottrop. Unter keinen Umständen soll das Werk seine Produktion zurückfahren und erst recht nicht abwandern, betont der Energieexperte. Dafür hängen zu viele Arbeitsplätze  an dieser Fabrik. Aber das Aluwerk könnte seinen Stromverbrauch besser an das schwankende Stromangebot anpassen. Dafür hat Drescher bereits ein Konzept ausarbeiten lassen:

"Die können also mit wenigen Absenkungen in der Temperatur sehr stark den Stromverbrauch regulieren. Das heißt, wenn sehr viel Wind da ist, als regenerative Energie, fahren die hoch, und wenn wenig da ist, runter und können so stabilisierend auf  das Netz wirken."

Doch das Aluminiumwerk zögert. Deshalb hat Bottrop jetzt beim Bund spezielle Fördermittel beantragt: für ein Pilotprojekt zur Stabilisierung der Stromnetze. Wenn die Förderung erst mal steht, so die Hoffnung, dann werde das Unternehmen eher mitmachen.

Projektvorschläge: Manchmal verpufft der Ehrgeiz einfach

Im Prinzip sind in Bottrop auch die großen Betriebe bereit, die Projekte der InnovationCity zu unterstützen. Einige haben sogar sehr ehrgeizige Vorschläge gemacht. Doch wenn es an die Umsetzung geht, dann verpufft der Ehrgeiz schnell wieder.

Die Ruhrkohle AG zum Beispiel wollte schon vor Jahren die Abraumhalden eines Kohlebergwerks als Energiespeicher nutzen. Selbst im Winter sind diese Halden im Inneren wärmer als der normale Boden. Wenn man diese Halden während des Aufschüttens mit Rohrleitungen durchziehen würde, dann könnte man in diesen Leitungen warmes Wasser eine Zeitlang speichern.

Doch seit der Ankündigung hat die RAG nichts mehr getan - und die Zeit drängt. Denn das Bergwerk Prosper-Haniel wird in drei Jahren endgültig geschlossen. Dann gibt es in Bottrop keine neuen Halden mehr, in die man Wasserleitungen einbetten könnte.

Vermutlich hat die Ruhrkohle AG das Projekt längst begraben. Inzwischen favorisiert der Konzern eine andere Idee. Man könnte die letzten deutschen Steinkohlezechen zu Pumpspeicherwerken umbauen, heißt es. Wo heute noch die Kumpel ein- und ausfahren, würden dann unterirdische Wasserspeicher entstehen:

"Das System ist relativ einfach: Man lässt oben das Wasser in diesen Schacht fallen, in der Regel zwischen 800 und 1000 Meter tief, zwischendurch gibt es Turbinen halt und durch dieses Wasser werden die Turbinen angetrieben und dadurch wird Strom erzeugt. Und in Zeiten, wo der Strom eben im Überfluss da ist, da wird dieses Wasser wieder nach oben gepumpt. Sowas kennen wir aus dem skandinavischen Bereich, da ist es draußen, und hier kann man es eben erstmalig mit diesen Bergwerken verbinden, die ja ab 2018 nicht mehr in Funktion sind."

Ralf Warkotsch von der Firma Technoboxx hat bescheidenere Pläne. Aber dafür kann sich  Bottrop darauf verlassen, das der Mittelständler seine Energiesparvorhaben auch wirklich umsetzt.

"Wir planen und haben einen Förderantrag gestellt, für eine große Redox-flow-Batterie, so dass wir noch mehr selbst erzeugten Strom für uns nutzen können."

Die Großbatterie würde die Solar-Schweißer des Metall-Betriebes nicht nur vom Wetter unabhängiger machen, sondern auch von der Uhrzeit:

"Wenn wir keine Sonne haben, wie morgens um sechs Uhr, wenn wir unsere Schicht anfangen, können wir aus der Batterie unseren Strombedarf decken."

Soviel Weitsicht würden sie sich in Bottrop auch von vielen anderen Betrieben wünschen. Das Ziel, innerhalb von 10 Jahren den CO-2-Ausstoß zu halbieren, wird die Stadt wohl schaffen. Die größten Einsparungen wurden bei den Wohnhäusern erreicht. Wenn es jetzt noch gelingt, mehr Industriebetriebe zum Mitmachen zu bewegen, dann, da sind sie sich in Bottrop inzwischen sicher, dann wäre noch viel mehr möglich.

Mehr zum Thema

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(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 27.03.2014)

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