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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 28.01.2016

50 Jahre "Unterhaus" in Mainz"Hier stehen wir, Spott helfe uns"

Von Anke Petermann

Das Kult-Theater Unterhaus in Mainz feiert 2016 seinen 50. Geburtstag. (imago)
Das Kult-Theater Unterhaus in Mainz feiert 2016 seinen 50. Geburtstag. (imago)

Das Mainzer "Unterhaus" ist eine der wichtigsten und ältesten Kleinkunstbühnen der Republik, Mekka des Polit-Kabaretts. Bespielt werden - beinahe täglich - zwei fast immer ausverkaufte Bühnen - und das seit 50 Jahren. Jährlich wird hier der "Kabarett-Oscar" verliehen: der Deutsche Kleinkunstpreis.

"Frauen konnten nicht verschleiert werden" entschuldigt sich Mathias Richling zum Auftakt des Abends bei eventuell anwesenden Islamisten. Für eigenständiges Lachen und Klatschen werde man sie nach der Vorstellung auch nicht steinigen können, fügt der hagere Schwabe servil bedauernd hinzu. "Richling spielt Richling" im Mainzer Unterhaus – Januar 2016. "Der Islam ist das Problem, oder?" höhnte ein knappes Jahr zuvor am gleichen Ort der hünenhafte Wahl-Düsseldorfer Volker Pispers. Nach dem Pariser Attentat auf die Satirezeitung Charlie Hebdo.

Pispers: "Vier Millionen Muslime leben in diesem Land friedlich. Die meisten leben ihren Glauben mehr schlecht als recht, so wie die Christen auch. Aber diese vier Millionen unschuldigen Muslime müssen sich jetzt jeden Tag von 6000 gewaltbereiten Salafisten distanzieren. 6000 von vier Millionen – ist das viel, ist das wenig? Ich finde, es ist wenig. Kann auch viel sein, 6000 können auch viel sein. Wenn Sie 6000 Vernünftige in der CSU finden wollen, das ist viel!"

Das Stamm-Publikum mag scharfe Kost.

Mann: "Ich find‘s böse, das Kabarett ist richtig böse, man ist das gar nicht mehr gewohnt aus dem Fernsehen. Und ich find das gut. Den Pispers mag ich, bringt die Dinge auf den Punkt. Ich stimme nicht mit allem überein, aber er ist gut. Ich finde manchmal, im Fernsehen ist das Kabarett ein bisschen weichgespült, aber hier die sind ein bisschen giftiger, das finde ich gut. Deswegen gehe ich auch gerne hier mal hin."

Frau: "Da bin ich aber auch Fan von Volker Pispers. Dafür komme ich regelmäßig hierher."

Beißender Spott – ob über Islamisten oder Christsoziale: im Mainzer Unterhaus an der Tagesordnung. Nach dem New Yorker Attentat vom 11. September 2001 ließ die Leitung ein Gastspiel von Dieter Nuhr ausfallen. Die Pariser Anschläge von 2015 galten der Satire, der Kultur, der westlichen Lebensweise – im Unterhaus spielte man weiter, Motto "jetzt erst recht". Als "Satirelustschutzkeller" hat der Mainzer Kabarettist Herbert Bonewitz das Unterhaus mal bezeichnet, wie vorausschauend! Mathias Richling aber hängt die neue Bedrohung für Satire und Leben niedrig. Der Mann hat gut reden, er scheint das ewige Kabarett-Leben zu haben und dabei nicht mal zu altern.

Richling: "Ich spiele ja seit 150 Jahren. Ich habe die Zeit des RAF-Terrors erlebt, also ich hatte auch in den siebziger Jahren Angst, in ein Kaufhaus zu gehen, muss ich ehrlicherweise sagen. Natürlich hat sich die Zeit insgesamt verändert, das ist ja ganz logisch, und Kabarett verändert sich da mit, aber wenn man mittendrin steht in der Zeit in der Gegenwart, ist es immer sehr schwierig, das mit zwei Sätzen zu beantworten. Verändert hat es sich, aber ob es jetzt dramatischer ist – fff – es ist  in einer anderen Weise dramatisch."

Keine Willkommenskultur für AfD und Co. im Unterhaus

AfD und Pegida, nichts was einen schockt, der schon seit 150 Jahren dabei ist.

Richling: "Ja, liebe Zeit, ich komme aus Baden-Württemberg. Wir hatten in den neunziger Jahren zweimal Republikaner im Landtag, meinen Sie, das war besser? Wir wissen seit 40 Jahren, dass Deutschland ein rechtsradikales Wählerpotenzial hat von etwa 13 Prozent, die aktiviert werden oder nicht aktiviert werden. Momentan werden sie wieder aktiviert."

Wer sich von Petry, Höcke und Co. hat aktivieren lassen, der kann im Unterhaus nicht auf eine Willkommenskultur bauen. Lars Reichow jedenfalls lässt sie eindeutig vermissen.

Reichow: "Ich will hier nicht ins Detail gehen, aber wenn Sie in der AfD-Mitglied sind, äh, dann gehen Sie doch bitte, äh, ganz leise wieder raus." Gelächter

Ins Oberhaus wird man hineingeboren, "ins Mainzer Unterhaus muss man gewählt werden", heißt es. Erst dann darf man sie bespielen, die Brettl in dem urigen gemauerten Gewölbe. Euphorie, ein Auserwählter zu sein – bei einem Franken klingt sie so:

Egersdörfer: "Mhmhm – ich bin – ich tret‘ hier sehr gern auf, ich mag Mainz sehr. Ich mag auch diesen Keller sehr – und insofern hätt‘ heut auch alles viel schlimmer kommen können."

Matthias Egersdörfer, die Nürnberger Charme-Offensive des deutschen Kabaretts. Frauen werden ihn kennen den Mann mit der Wahnsinnsfigur unterm Feinripp.

Egersdörfer: "Kannst sogn, unter dem roten Hemd. unter dem weißen Unterhemmedle ein sauberes Sixpack, letztendlich drei, vier Sixpacks über‘nander halt, die sind so schindelartig angeordnet – deswegen wirkt das für Sie a wenig massiv."

Für den einen, den Franken, ist das Unterhaus "dieser Keller", der viel besser ist als das viel Schlimmere.

Reichow: Applaus – "Zuhause –  endlich wieder darf ich zuhause auftreten!"

Für den anderen, den Mainzer, der jahrelang seine Brötchen als Lehrer im hessischen Exil verdienen musste, ist das Unterhaus schlicht: daheim. Bildet man sich das nur ein oder klingt der Beifall für den Lokalmatador besonders warm? Sogar die wählerischen Besucher aus der edlen Kurstadt Wiesbaden rühren die sorgfältig manikürten Hände. Lars Reichow weiß das zu würdigen.

Lars Reichow tritt am 06.02.2013 bei der Generalprobe der Fernseh-Fastnachtssitzung "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" auf der Bühne im Kurfürstlichen Schloss in Mainz (Rheinland-Pfalz) mit "Fastnachtsthemen" auf. (picture-alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)Lars Reichow tritt am 06.02.2013 bei der Generalprobe der Fernseh-Fastnachtssitzung "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" auf der Bühne im Kurfürstlichen Schloss in Mainz (Rheinland-Pfalz) mit "Fastnachtsthemen" auf. (picture-alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)

Reichow: "Ich finde es toll, dass wir so friedlich hier auf engstem Raum zusammenleben mit unseren hessischen Partnern. (Gelächter) Stellen Sie sich mal vor, da wäre irgendwann ein Bürgerkrieg, kein Champagner mehr, da gäb’s Aufstände oder so was, da würden die alle herkommen, müssten untergebracht werden in Gonsenheim, in Kasernen, und dann würden die Leute in Gonsenheim rufen, 'Ach isch fühl‘ misch nischt mehr sischer‘. Hach, da läuft schon wieder aaner aus Wiesbaden, isch fühl‘ misch nischt sischer!'"

Inzwischen hat Reichow die pädagogische Hälfte seines Doppellebens beendet und ist nur noch Künstler. Er fühlt sich fit. Wie sein kabarettistisches Zuhause, das Mainzer Unterhaus. Die beiden: fast gleichaltrig.

Reichow: "Ich bin 50. Yeah – I’ve got the power – ich bin 50 - check it out.”

Dietrich: "50 Jahre jung, was soll ich da dazu sagen?"

Dann sagt er doch was, Geschäftsführer Ewald Dietrich, Mann der Zahlen im Mainzer Unterhaus.

Dietrich: "Die Hütte brummt. Das Haus steht gut da. Wir spielen jedes Jahr fast an die 400 Veranstaltungen in beiden Häusern. Und vor Weihnachten kann es durchaus auch mal sein, dass es drei, vier, manchmal auch fünf Wochen am Stück geht, jeden Tag. So um die 50.000 Gäste, das ist ne gute Planzahl. Wir haben natürlich das große Glück, in dieser Landeshauptstadt hier in Rheinland-Pfalz mit einem sehr, sehr großen Förderverein eine Bank zu haben, der hat fast 1300 Mitglieder."

Der Förderverein gründete sich 1982, im Jahr der Fast-Pleite und des Beinahe-Untergangs rettete er das Unterhaus.

Dietrich: "Und wir haben ein sehr treues Publikum, also wir kennen von den 50.000 Besuchern im Jahr bestimmt von 50, 60 Prozent die Adresse und die E-Mail-Adresse, mit denen wir in Kontakt stehen können, und das wird goutiert."

Von dem halben Jahrhundert Unterhaus, das mit einem zweitägigen Kabarett-Marathon gefeiert wird, haben nicht wenige Zuschauer drei, vier Jahrzehnte mit verfolgt.

Frau: "Wir waren Studenten, im Jahr 1977 war Mathias Richling das erste Mal im Mainzer Unterhaus, und seitdem verfolgen wir sozusagen fast jedes Programm."

Mann: "Ja, und davor waren wir auch schon bei anderen Programmen, das ist für uns ein kleines Stück des Lebens, und wir haben ganz viele verschiedene Künstler erlebt, auch viele, die jetzt leider schon tot sind. Hanns-Dieter Hüsch vor allem. Da sind wir ganz viele Jahre jedes Jahr dahin, um Hüsch kurz vor Weihnachten zu sehen. Und das ist für mich einer der ganz Großen gewesen. Das ist wirklich hier so der Ablauf des Lebens, den wir hier so’n bisschen mitbekommen."

Frau: "Als ich noch kinderlos und sorgenfrei war, war ich hier fast Stammgast. Das ist aber schon 30 Jahre her. Ich werde meine Kinder jetzt n bisschen einführen, und von daher sind wir wieder mal da."

Frau: "Insterburg und Co. hab‘ ich hier gehört, Hannes Wader, Christoph Stählin fällt mir ein, Ulrich Rosky, wenn Sie den noch kennen – also ganz viele. Ganz tolles Programm, sehr vielfältig: Kritik, Politik, der Spaß dabei, die verschiedenen Leute, wie die imstande sind, die gesellschaftspolitischen Themen aufzugreifen, damit umzugehen und uns zum Lachen zu bringen, auch wenn einem das manchmal im Halse stecken bleibt."

Mann: "Und die Nähe der Künstler zum Publikum, dass man die als Persönlichkeit mal wahrnimmt und nicht einfach nur auf der Mattscheibe irgendwo nur sieht, sondern atmosphärisch halt mitbekommt, das macht schon sehr viel aus."

Was Künstler am Unterhaus schätzen, bringt Theo Vagedes, Kabarettist, Regisseur und Gründer der Kabarettbundesliga, auf den Punkt – mit Blick von der kleinen Bühne auf das einladende Unterhaus-Entree eine Treppe tiefer.

Margie Kinsky: Ihr Publikum unterschreitet jede Männerquote 

Vagedes: "Da gehört ganz viel dazu, zu so ‘nem  guten Theater. Klingt blöd, aber gerade die Gastro unten, die ist toll, man fühlt sich wohl und gut empfangen, ganz wichtig für uns Künstler, die Übernachtung ist gut, die Techniker – das ist ganz wichtig – das funktioniert, die sind gut vorbereitet, die lesen sich vorher ein, das sind Voll-Profis. Deswegen einen großen Applaus für Sven an der Technik." Beifall

Margie Kisnky: "Wollt ihr zu mir?!"

Frauen "Ja, natürlich."

Unten vorm Großen Haus bittet Margie Kinsky ihre Gäste persönlich in den Saal.

Margie Kinsky: "Sagen wir so, ich bin Italienerin, in Rom geboren, in Rom aufgewachsen. Im Unterhaus zu spielen ist, wie wenn ein Römer sonntags zum Petersplatz geht. Es ist schon was ganz Wichtiges. Das gehört so zur Kultur. Diese Kleinkunsttheater in Deutschland, Senftöpfchen, Unterhaus, Lach- und Schieß – diese alte Geschichte."

Senftöpfchen in Köln, Kom(m)ödchen in Düsseldorf, Lach- und Schießgesellschaft in München. Wühlmäuse, Stachelschweine und Distel in Berlin, Pfeffermühle in Leipzig, Herkuleskeule in Dresden, um nur ein paar zu nennen.  In den achtziger Jahren kamen in Bonn die Springmaus und das Pantheon dazu, Ende der neunziger das Aschaffenburger Hofgarten-Kabarett.

Margie Kinsky: "Ich kam ja schon als Springmaus damals vor 25, 30 Jahren mit dem Ensemble, und jetzt bin ich seit vier Jahren solo unterwegs und bin ganz stolz, dass ich das alleine auch vollkrieg‘!"

Mit ihrem Programm "Ich bin so wild nach Deinem Erdbeer-Pudding" zieht Margie Kinsky ein Publikum an, das jede Männerquote unterschreitet.

Margie Kinsky: "Das sind hier 200 Frauen, die gut drauf sind und die am Ende glücklich nach Hause gehen, und was Schöneres gibt’s nicht."  

Old school-Kleinkunst mit Margie auf der großen Bühne.

Henkel, singt: "Wir sind jetzt erwachsen, komm lass uns Fahrrad-Helme tragen!

Wir sind jetzt erwachsen, weck deine Sauerkirschen ein."

Erwachsenwerden mit der jungen Thüringer Pianistin und Sängerin Christine Henkel im kleinen Saal, die Treppe rauf, das ist die Bandbreite im Unterhaus. Das war schon immer tiefer gelegt, aber in verschiedenen Kellern zuhause, bevor es in den siebziger Jahren am Mainzer Münsterplatz einzog und dort einen ehemals zugemauerten Weinkeller dazu bekam. Damit vergrößerte sich das Forum-Theater um einen kleinen Saal und auf insgesamt 400 Plätze. Das kleine "Unterhaus im Unterhaus" strahlt mit runden Tischchen und dem Tresen hinten drin Club-Atmosphäre aus.

Wer mit Wildfremden über den Kabarett-Nachwuchs ins Gespräch kommen will, geht ins "Unterhaus im Unterhaus". Wer die etablierten Klassiker goutiert, ist im röhrenartigen großen Saal richtig.

Pispers: "Das Volk nennt sich jetzt Pegida und kämpft tapfer gegen die Islamisierung des Abendlandes – in Sachsen! Tucholsky hätte geschrieben, 'meine Sorgen möchte ich haben'."

Lästert Volker Pispers. Lästerte, muss man sagen. Denn nach 33 Bühnen-Jahren pausiert der 58-Jährige. Unbefristet, vielleicht also ohne Wiederkehr. Sein ritueller Fastnachtsauftritt im Mainzer Unterhaus entfällt 2016. Wer sich hier seinen Schuss Hardcore-Spott abholte, während andere mit der Narrenkappe schunkelten, ist auf Entzug. Fragt sich, wie er ohne sein "Breitband-Idiotikum" weiterleben soll. Außer dem lakonischen "Bis neulich" auf seiner Internetseite hat Pispers nichts zum Trost beizutragen.

Heute heißen Komiker Comedians

Nebel: "Dieses Unterhaus stand immer für politisches Kabarett",

konstatiert die Dramaturgin Ute Nebel. Am 31. Januar 1966, war das neue Mainzer Kabarett zunächst als Ensemble-Theater mit den Poli(t)zisten gestartet, einer Truppe um die mittlerweile verstorbene Schauspielerin Renate Fritz-Schillo und den ehemaligen ZDF-Angestellten Carl-Friedrich Krüger als Initiator und Texter. Ute Nebel wirft einen Blick zurück auf die Premiere vor 50 Jahren.

Nebel: "‘Hier stehen wir, Spott helfe uns und Ihnen damit auch‘, ist ein Song, der Intro-Song eines Programms, die Premiere des ersten  Poli(t)zisten-Programm-Ensembles, wobei das t natürlich eingeklammert ist."         

Das politische Kabarett blieb wichtig bis heute.

Nebel: "Es waren aber auch die Insterburger hier, damals Komiker."

Der schmächtige Ingo Insterburg tourte zwischen 1967 und 1979 mit Karl Dall und Co.

Insterburg: "Ich liebt ein Mädchen in Meißen, die tat mir die Hose zerreißen.
Ich liebte ein Mädchen im schönen Zerbst, da hielt die Hose bis zum Herbst.
Ich liebte ein Mädchen in Mainz, die war gar keins."

Heute heißen Komiker Comedians – wie Faisal Kawusi. Das optische Gegenprogramm zu Ingo Insterburg: 1,92 Meter groß, geschätzte 130 Kilo schwer. Flusen am Kinn statt opulentem Bart. Für einen ordentlichen Taliban mangelt es dem afghanisch-stämmigen Hünen an Haarwuchs. Und was sich da unterm Pulli wölbt – "keine Sorge, nur mein Bauch", stellt Kawusi klar, "kein Sprengstoffgürtel". Pispers ging, Kawusi kommt. Die Unterhaus-Brettl lassen sich für Abtritt oder Absprung nutzen. Der Muslim aus dem hessischen Mörfelden-Walldorf lebt mit seinem Bauchspeck-Bombengürtel unbehelligt ganz nah am Frankfurter Flughafen – nach Mainz hat er‘s auch nicht weit. Auf der kleinen Bühne, dem "Unterhaus im Unterhaus" tritt der 24-Jährige erstmals im Rahmen der "Kabarettbundesliga" auf. Auch Kawusi macht sich Gedanken über Pegida in Sachsen:

Kawusi: "0,25 Prozent Moslems! Da frag ich mich, was geht da im Kopf von so ‘nem Typen vor, der sich denkt, 'mein Abendland ist bedroht – vom Islam! Die sind gefährlich – alle beide!'" Lachen.

Als Mathias Richling so alt war, wie Faisal Kawusi heute ist, bekam er im Unterhaus den Förderpreis der Stadt Mainz, 1978 war das. Die Auszeichnungen verleiht eine hochkarätig besetzte Jury im Rahmen des Deutschen Kleinkunstpreises. Die Förderpreisträger muss man sich merken, in der Regel avancieren sie zu Shootingstars. Die Ausgezeichneten selbst merken sich den Moment auch.

Richling: "Vor allem dann in den Anfangsjahren, wo einen keiner kannte oder wenige Leute einen kannten, ist das schon sehr unterstützend, weil so ‘n Preis gerade Sinn macht, wenn die Leute anfangen, wenn man auf sie aufmerksam macht. Das Umgekehrte – wenn Sie ins andere Extrem gehen: Der Papst kriegt jetzt den Karlspreis. Ja, was will er noch werden?"

Mathias Richling jedenfalls wurde 1987 mit dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett ausgezeichnet. Auch der Mainzer Lars Reichow bekam die begehrte Unterhaus-Glocke, nämlich 1997 – in der Sparte Kleinkunst. Wie Matthias Egersdörfer acht Jahre später.  Der offenbarte bei der Preisverleihung im Unterhaus wieder mal das Ausmaß der Begeisterung, zu der ein Franke fähig ist:

Egersdörfer: "Ja, ich bin scho‘ froh, dass ich den Preis krieg‘." (Lachen) "Na – aber letztendlich muss ich Ihnen ganz ehrlich sog’n, der Preis kommt 28 Johr‘ zu spät halt."

Der fränkische Kabarettist Matthias Egersdörfer am Rande einer Vorstellung in Nürnberg (picture alliance / dpa - Daniel Karmann)Der fränkische Kabarettist Matthias Egersdörfer am Rande einer Vorstellung in Nürnberg (picture alliance / dpa - Daniel Karmann)

Der Deutsche Kleinkunstpreis in den drei Sparten Kabarett, Kleinkunst sowie Chanson/Lied/Musik garantiert, dass alle, die was können, mal im Mainzer Unterhaus vorbeischauen. Der erste Preisträger wurde 1972 noch vom Publikum mit bestimmt: Hanns Dieter Hüsch, der schon Ende der vierziger Jahre das Kabarett in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt wiederbelebt hatte. Als Mitglied eines Studenten-Ensembles und solo. Weshalb Hüsch als "Vater der gesamten Mainzer Kabarett-Tradition" gilt.

Im Mainzer Kabarett-Archiv schräg gegenüber sind Leben und Werk des Ende 2005 Verstorbenen dokumentiert. Bei Hüsch durfte man über den Tod lachen, zumindest über das Drumherum, genannt "Nachfeier", "Trösterich" oder "Leichenschmaus" – "mit folgenden Mono, Dia- und Trialogen":

-      "Onkel Eberhard hat doch noch sechs Paar Schuhe.
-      Und noch vier Anzüge. Und bei dem Gehalt! Also bei der Pension, da kann doch wohl Tante Milli mit auskommen!
-      Man muss auch mal wegen der Möbel fragen.
-      Aber doch nicht jetzt.
-      Aber die anderen fragen ja auch. Nachher ist wieder alles weg, ne, also, wenn’s nach dir geht, kriegen wir überhaupt nichts, voriges Mal auch!" (Lachen)

Hüsch live im Unterhaus, Anfang der siebziger.

Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch bei einem Auftritt circa 1995 (dpa / picture-alliance / Horst Galuschka)Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch bei einem Auftritt circa 1995 (dpa / picture-alliance / Horst Galuschka)

Das Unterhaus anno 2016 – eine der renommiertesten Kleinkunst-Bühnen für Gastspiele aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Zunehmender Fremdenfeindlichkeit zum Trotz - Ausländer dürfen hier gastieren, sahnen zuweilen sogar den Deutschen Kleinkunstpreis ab. 1976 der Schweizer Emil Steinberger. 2016 der Wiener Thomas Maurer. Der würdigt, wie Straßenbahnschaffner einstmals Haltung bewahrten, obwohl auch in Österreich Fahrkartenautomaten im Rahmen des technologischen Fortschritts möglich schienen.

Maurer: "Trotz dieses praktisch permanenten Wegrationalisierungsdrucks haben die trotzdem net so unterwürfig mit so ‘nem nachgemachten kalifornischen Tetanus-Grinsen irgendwie permanent kundenorientierten Individualservice, ja - die haben Koarten g’zwickt, Punkt. Des war ihr Job, ja! Und net do  deppert dienstleiten. ‚Nächster Halt Julius-Tandler-Platz, kann ich Ihnen vor dem Aussteigen noch einen Latte to go aufschreiben?‘ Wo san mer?"

Mir san im Unterhaus, und dort wird Mauerer Mitte Februar als Solist und Ensemblemitglied der "Staatskünstler" als "sprachgewandte Speerspitze des politischen Kabaretts in Österreich" ausgezeichnet. Er treffe stets die wunden und wesentlichen Punkte, begründet die Jury. Preisverleihung: demnächst in diesem Theater.

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