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Musikfeuilleton | Beitrag vom 16.08.2019

50 Jahre Kammermusikfestival KuhmoNostalgische Klänge aus der Taiga

Von Hildburg Heider

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(Stefan Bremer)
Mit seinem Fahrrad fährt ein Cellist in Kuhmo zur Probe. (Stefan Bremer)

Das Internationale Kammermusikfestival im finnischen Kuhmo hat klein angefangen: Mit 800 Besuchern und Musikern, die mit ihren Instrumenten kilometerweit durch Moor und Wald liefen. Inzwischen gehört das Kammermusikfestival zu den größten Europas.

Musikfreunde mögen schon von diesem Ort gehört haben, weit oben in Nordeuropa, 600 Kilometer nordöstlich von Helsinki. Nach einem rapiden Bevölkerungsschwund in den letzten Jahrzehnten leben dort noch 8.000 Einwohner auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie Tokyo. "In Kuhmo ist alles anders" – unter diesem Motto wirbt ein Prospekt mit Braunbären und Waldrentieren, Blaubeerpiroggen, dem Weihnachtsmann - und natürlich mit dem Internationalen Kammermusikfestival, einem der größten Europas, das in diesem Jahr zum 50. Mal stattfand.

Mit Konzerten in der Turnhalle fing alles an

Der Gründer des Festivals, der Cellist Seppo Kimanen, kam 1949 in Helsinki zur Welt und verbrachte oft den Sommer mit seinem Vater beim Angeln in der Nähe von Kuhmo. Als Teenager verschrieb er sich ganz der Musik. Im April 1970 schreibt Seppo Kimanen von seinem Studienort Detmold aus an die Honoratioren der Stadt Kuhmo und bittet um Unterstützung bei der Gründung eines Kammermusikfestivals. Seppo Kimanen bringt aus Mitteleuropa ein Dutzend Musiker mit. Von der Stadt Kuhmo erhält er 700 Finnmark Startkapital, das entspricht 160 Euro. Seine Mitstreiter verzichten auf ihre Gagen.

Das Café des modernen Konzertsaals in Kuhmo. (Hildburg Heider)Das Café des modernen Konzertsaals in Kuhmo. (Hildburg Heider)

Im ersten Festspieljahr kamen insgesamt 800 Besucher. Musiziert wurde in der Kirche, in der Turnhalle und in der Bauernstube. Von Anfang an fand parallel zum Festival ein Musikcamp für zahlende Studenten statt, das dem Festival ein finanzielles Polster verschaffen sollte. Es startete mit 23 Teilnehmern.

Der finnische Dramaturg Juhani Koivisto nennt als einschneidendes Ereignis der 1970er-Jahre den Neubau der Kontio-Grundschule direkt am Lammas-See. Ein Glücksfall in Akustik und Atmosphäre! Dicht gedrängt lauschten die Zuhörer in der Turnhalle auf orangefarbenen Plastikstühlen den Perlen der Kammermusik. 1974 bot das Festival als absolutes Novum in Finnland: Kammermusikabende unter dem Motto "Chamber music feaver", ein buntes Programm mit abwechselnd ernsten und spaßigen Stücken, die dem Genre neues Publikum gewannen.

Durchs Moor zum Konzert

Die Zuhörerin Fevronia Orfanos erinnert sich an die Zeit, da die Musiker mit ihren Instrumenten für ihr Konzert huckepack kilometerweit bis zu entlegenen Dörfern marschierten, über Holzplanken, durch Moor und Wald, vorbei an gespenstischen Birkengerippen und rot-runden Moosbeerenbüscheln.

(Stefan Bremer) Kuhmo Kammermusikfestival 1982 - Konzert in der Bauernstube (Stefan Bremer)

Als Kirche und Turnhalle den Zustrom von Konzertbesuchern nicht mehr fassen konnten, wurde im Jahr 1993 das Kunstzentrum Kuhmo eingeweiht. Der bildschöne weiße Bau neben der Schule - genannt Kuhmo-Talo - wurde zum Herzstück des Kammermusikfestivals.

Der Vater des Festivals Seppo Kimanen hatte für jedes Jahr ein Thema bestimmt, um das die Konzerte kreisten. Damals eine Revolution in der Festspielplanung, meint der Chronist der Festspiele, Juhani Koivisto. Kimanens Nachfolger ist der rumänische Bratschist Vladimir Mendelssohn. Seit 2006 ist er verantwortlich für das Programm des Kuhmo-Festivals.

Kuhmo-Festivalleiter und Bratscher Vladimir Mendelssohn (Website Kuhmofestival)Kuhmo-Festivalleiter und Bratscher Vladimir Mendelssohn (Website Kuhmofestival)

Die Quelle seiner Einfälle scheint unerschöpflich, mal meditativ und tiefernst, dann wieder frech verspielt. Das Kuhmo-Modell hat längst Nachahmer in Rußland, Japan, Deutschland und - im Falle von Gidon Kremer - auch im österreichischen Lockenhaus gefunden.

Im Jahr 2019 bietet er in über 70 Konzerten einen Querschnitt der Musikgeschichte und streut dazwischen Werke der Gegenwart. 8000 Zuschauer kamen und kauften über 35.000 Tickets. Der unscheinbare Ort am Rand Europas hat es ins internationale Rampenlicht geschafft und dabei seine Natürlichkeit bewahrt. Das Kuhmo-Festival setzt Maßstäbe für ein leidenschaftliches Musizieren auf höchstem Niveau. 

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