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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.11.2017

50 Jahre Herztransplantation"Das Herz ist eine Pumpe"

Bruno Reichart im Gespräch mit Dieter Kassel

Transplantationsmediziner entnehmen einem Verstorbenen das Herz.  (dpa / Bernd Wüstneck)
Transplantationsmediziner entnehmen einem Verstorbenen das Herz. Künftig könnten Tiere als Spender in Frage kommen, zum Beispiel Schweine. (dpa / Bernd Wüstneck)

Am 3. Dezember 1967 transplantierte der Chirurg Christiaan Barnard in Südafrika erstmals erfolgreich ein menschliches Herz. Der deutsche Herzchirurg Bruno Reichart arbeitete später mit Barnard zusammen. Er erinnert an ihn - und spricht über den magischen Moment, wenn ein Herz zu schlagen anfängt.

Bruno Reichart hatte selbst Anfang der 80er Jahre in München zahlreiche erfolgreiche Herztransplantationen durchgeführt. 1983 dann schrieb er Medizingeschichte: Ihm gelang die erste Herz-Lungen-Transplantation. Ein Jahr später ging er zu Christiaan Barnard nach Südafrika. Über den berühmten Chirurgen sagt er:

"Er war eine sehr schillernde Persönlichkeit, ein Mensch mit zwei Gesichtern. Er war ein intelligenter Pragmatiker, Chirurg, der Dinge bewegen konnte und gemacht hat, die funktionierten. Andererseits war er natürlich ein irrer Egomane."

Barnard war ein "Schmalspurwissenschaftler"

Barnard habe keinen Patienten verlieren wollen: "Die sollten alle überleben. Das lag aber an seinem Ego. Für ihn bedeutete der Verlust eines Patienten eine persönliche Niederlage." Im übrigen sei Barnard eher ein "Schmalspurwissenschaftler" gewesen, so Reichart: "Er war halt ein Chirurg." 

   

Der Herzspezialist Bruno Reichart (imago / Astrid Schmidhuber)Der Herzspezialist Bruno Reichart (imago / Astrid Schmidhuber)
Auf die Frage "Wo sitzt für Sie die Seele eines Menschen?", antwortet Bruno Reichart im Buch "Herzensangelegenheiten":

"Für mich im Gehirn, ganz klar. Im Herzen sitzt sie jedenfalls nicht, egal, wie viele schöne Geschichten, Gedichte und Lieder dies vermuten lassen."

Reichart selbst erinnert sich noch gut an die erste Herztransplantation in den USA zu Studienzeiten. Darauf habe er sich fast zwei Jahre vorbereitet:  

"Da durfte ich das Herz in einer Eisbox von San Diego nach Stanford befördern im Learjet - und da erinnere ich mich, dass der Moment, in dem das Herz zu schlagen angefangen hat, ganz allein - dass das magisch war."

Bei seiner ersten Herztransplantation 1981 in München sei es genauso gewesen - die Spannung und die Frage: Schlägt das Herz oder nicht?

"Aber das Herz ist eine Pumpe und die braucht Sauerstoff und Blut und wenn man dem Herzen bisschen Zeit lässt, dann fängt es ganz allein, ohne Zutun, erst langsam, dann schneller, immer kräftiger zu schlagen an. Das ist schon toll."

Schweine müssen genmodifiziert werden

Und die Zukunft der Herztransplantation? Reichart zufolge ist es schon jetzt möglich, ein tierisches Herz in einen Menschen zu verpflanzen, die so genannte Xenotransplantation: "Bevorzugt nimmt man Schweine, die allerdings dann genmodifiziert werden müssen." Vor 90 Millionen jahren habe es "nichts Besseres als Schweine auf dieser Welt" gegeben: "Das war eine Weiterentwicklung vom Menschen. Wir stammen gewissermaßen irgendwann auch mal von den Schweinen ab."

Über die Bereitschaft zum Organspenden in Deutschland sagt Reichart, dass 80 Prozent der Menschen, die mit einem Todesfall konfrontiert seien, zustimmen würden. Allerdings müssten die Krankenhäuser effektiver gemacht werden. Da seien die Bundesärztekammer und die Deutsche Gesellschaft für Transplantation gefordert. (bth)  

 

Eckdaten - Von der ersten Herztransplantation bis zur Xenotransplantation:

In der Nacht auf den 3. Dezember 1967 schrieb der südafrikanische Chirurg Christiaan Banard Medizingeschichte. Banard gelang es, dem damals 54-jährigen Louis Washkansky das Herz eines 25-jährigen Unfallopfers zu transplantieren. Der Patient überlebte 18 Tage.

Nach dem weltweiten Jubel trat zunächst Ernüchterung ein. Es dauerte einige Jahre und viele Rückschläge, bis die Herztransplantation zu einem sicheren Behandlungsverfahren von schwerstkranken Patienten weiterentwickelt wurde.

Erst 1981 konnten Ärzte am Deutschen Herzzentrum in München den Durchbruch schaffen. Sie führten die erste Herztransplantation durch , bei der der Patient auch wirklich mit dem verpflanzten Herzen leben konnte.

Schon zwei Jahre später gelang dem Herzchirurgen Bruno Reichart die erste Herz-Lungen-Transplantation in Deutschland. Er übernahm Mitte der 80er-Jahre die Nachfolge von Christiaan Banard in Kapstadt und erzielte in den schwierigen Zeiten des Apartheidregimes weitere große Fortschritte in der Herzchirurgie.

Allein in Deutschland werden jährlich ungefähr 300 Herzen transplantiert. Trotz der Verbesserung von alternativen besseren Behandlungsmöglichkeiten von Herzkrankheiten, reicht das bei weitem nicht aus. Die Spendenbereitschaft – auch beim Herzen – ist rückläufig.

Unter anderem deshalb wird seit geraumer Zeit auf dem Gebiet der sogenannten Xenotransplantation, der Verpflanzung von Geweben und Organen zwischen unterschiedlichen Arten, geforscht. Dahinter steht die Vision, eines Tages Organe etwa von Schweinen in den menschlichen Körper zu verpflanzen. Seit Jahren forscht und arbeitet der Transplantationsmediziner Reichart – obwohl im Ruhestand – an diesem Projekt. (vw)

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