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Interview | Beitrag vom 07.06.2019

50 Jahre Grips-Theater in BerlinEinfach, verständlich und bloß nicht unterfordern

Philipp Harpain im Gespräch mit Julius Stucke

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Eingangsschild des Grips-Theaters, aufgenommen am 12.04.2012 in Berlin (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Legendäre Kinder- und Jugendbühne - das Grips-Theater in Berlin (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Das Theater muss die Konkurrenz des Internets nicht fürchten, davon ist Philipp Harpain überzeugt. Der Leiter des Berliner Grips-Theaters bringt Stücke wie "Linie 1" auf die Bühne. Ein weltweiter Erfolg - nicht nur bei Kindern und Jugendlichen.

Das Grips-Theater ist eine Berliner Institution: Es verbindet Generationen. In dieser Spielzeit feiert die Bühne ihr 50-jähriges Bestehen. Gegründet wurde das Theater von Volker Ludwig, seit zwei Jahren wird es von Philipp Harpain geleitet. Beschreiben lässt sich das Grips als politisches Theater für Kinder und Jugendliche, das aber auch für Erwachsene funktioniert.

Mit Stücken wie "Linie 1" verbindet das Grips über Grenzen hinweg. Weltweit wurde und wird "Linie 1" aufgeführt, wie Philipp Harpain im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur sagt. Jüngst wurde das Stück in Athen und Seoul inszeniert – insgesamt gebe es mittlerweile 4000 Aufführungen.

Der Leiter des Grips-Theaters, Philipp Harpain, steht vor dem Eingang seines Theaters und schaut in die Kamera. (Picture Alliance / dpa / Theresa Kottas-Heldenberg)Ort für alle Generationen: Philipp Harpain leitet das traditionsreiche Grips-Theater in Berlin. (Picture Alliance / dpa / Theresa Kottas-Heldenberg)

Das Geheimnis des Grips-Theaters liege darin, dass dem Publikum zugehört werde, ist Harpain überzeugt. Dazu gehöre, genau zu beobachten, "was gerade in den Schulen und auf den Straßen wichtig ist, daraus Rückschlüsse zu ziehen und dies dann auf die Bühne zu bringen". Der Trick sei, möglichst einfach ranzugehen, damit es alle verstehen könnten, erklärt Harpain.

Theater für Kinder – und für Erwachsene

Der Anspruch des Grips-Theater, so Halpain, sei einerseits, tolle Stücke zu machen, die zum Publikum passten. Anderseits müsse auch die Herausforderung gesucht werden. Es gehe darum, Themen und Geschichten auf die Bühne zu bringen, die die Zuschauer herausfordern. "Damit haben wir die besten Erfahrungen gemacht: Nicht zu sagen, unser Publikum schafft das nicht, ist unpolitisch oder begreift die Situation nicht. Sie begreifen so viel. Man unterschätzt Kinder und Jugendlich", so Harpain. Allerdings baue man durchaus mal etwas für Erwachsene ein, worüber Kinder nicht lachen könnten. Wichtig sei zudem, sich mit Fachleuten auszutauschen.

Das Erfolgsstück des Grips schlechthin, "Linie 1", sei zwar aus den 80er-Jahren, es werde aber heute noch immer gern gesehen. Das Musical von Grips-Theatergründer Volker Ludwig wurde 1986 uraufgeführt. Aber noch heute seien Themen wie "Obdachlosigkeit und alles, was wir in der U-Bahn sehen", aktuell, sagt Harpain. Außerdem sei zur Zeit auch die 80er-Musik wieder modern, weswegen viele junge Menschen sich das Stück ansähen.

Das Internet ist keine Konkurrenz

Hinzugekommen sei in der letzten Zeit das Thema der Digitalisierung. Kinder würden heute mit dem Internet aufwachsen und anders damit umgehen als Erwachsene. Doch darin liegen laut Harpain auch Gefahren: So beginne Cybermobbing bereits im Alter von elf Jahren, wie das Grips-Theater von der Polizei bei den Recherchen für das Stück "Alle außer das Einhorn" erfahren habe.

Harpain sagt, er habe keine Angst, dass das Theater durch die Konkurrenz des Internets aus der Zeit falle. Denn die Rückmeldung von Kindern, die das Grips besuchten, sei oft, dass Theater viel besser sei als die digitale Welt. "Wir halten da locker mit", erklärt Harpain. Das Theater reiße noch immer alle mit. "Das Erlebnis von Theater zu haben, mit vielen Reaktionen, ist etwas ganz anderes, als wenn ich Youtube gucke."

Eine Art Selbstversuch von drei Generationen hat sich der Theaterpodcast von Deutschlandfunk Kultur unterzogen und nach der Aktualität des Stücks "Linie 1" gefragt.

(rzr)

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