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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.01.2021

50 Jahre Frauenstimmrecht in der SchweizDas Wahlrecht kam, die Gleichstellung nicht

Von Stefanie Mueller-Frank

Auf einer Demonstration in Bern stehen Frauen und Männer zusammen, es werden Plakate gehalten, Frauen machen Lärm mit Trillerpfeifen. (picture alliance/dpa/Keystone/Joe Widmer)
Mit einem „Marsch auf Bern“ demonstrierten im März 1969 mehr als 5000 Frauen und Männer für das Frauenstimm- und Wahlrecht. (picture alliance/dpa/Keystone/Joe Widmer)

Erst seit fünf Jahrzehnten dürfen Frauen in der Schweiz wählen – im Kanton Appenzell sogar erst seit drei Jahrzehnten. Zwei Bücher zeigen, warum der Kampf um Gleichstellung so hart war. Und noch lange nicht gewonnen ist.

So bewundernd wir Deutsche oft auf die Schweizer Basisdemokratie schauen, so wenig können wir es fassen, wie jung das Frauenstimmrecht in unserem Nachbarland ist: Gerade mal seit 50 Jahren dürfen die Schweizerinnen wählen und abstimmen gehen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern Europas haben in der Schweiz viele heute lebende Frauen die Einführung des Frauenstimmrechts im Jahr 1971 also noch selbst erlebt oder sogar dafür gekämpft.

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Auch wenn damit für die Hälfte der Bevölkerung die Demokratie erst wirklich begonnen hat, wird die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz bislang nicht offiziell gefeiert oder gewürdigt. Umso zeitgemäßer, dass zwei Sammelbände jetzt das 50. Jubiläum mit Texten, Porträts und Interviews würdigen. 

"Für unsere Mütter und Großmütter"

Der Sammelband "50 Jahre Frauenstimmrecht – 25 Frauen über Demokratie und Gleichberechtigung", herausgegeben von der Publizistin Isabel Rohner und der Journalistin Irène Schäppi im Limmat-Verlag, geht dabei etwas ernsthafter und umfassender vor. Die beiden Herausgeberinnen haben sehr unterschiedliche Frauen im Alter von 18 bis 87 Jahren für ihr Buch ausgewählt: Pionierinnen wie die erste Bundesrätin und die erste Bundesrichterin kommen zu Wort, aber auch eine Unternehmerin, eine Regisseurin, eine Wahlforscherin, eine Diplomatin, eine Clownin, eine Musikerin, eine junge Parlamentarierin oder eine Klimaaktivistin.

Buchcover: "50 Jahre Frauenstimmrecht: 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung" von Isabel Rohner und Irène Schäppi  (Limmat / Deutschlandradio)Oft sind es Details oder Randnotizen im Buch, die einem im Gedächtnis bleiben. (Limmat / Deutschlandradio)
Mal sind die Beiträge mehr historische Würdigungen, mal kritische Bestandsaufnahmen zu aktuellen, frauenrechtlichen Anliegen, auch ein Manifest ist darunter, ein Comic und ein eigens komponierter Song zum Jubiläum. Die Analysen, Porträts und Interviews lesen sich größtenteils spannend und kurzweilig, die einzelnen Beiträge sind trotz vieler Zahlen und zitierter Studien nicht zu fachspezifisch.

Oft sind es Details oder Randnotizen, die einem im Gedächtnis bleiben. Dass in der ganzen Geschichte der Schweizer Eidgenossenschaft zum Beispiel mehr Männer namens Hans Gesetze geschrieben haben als Frauen insgesamt, wie die Nationalrätin Kathrin Bertschy schreibt. Oder dass sich die junge Parlamentarierin Samira Marti noch immer sexistische Sprüche anhören muss, wenn sie als einzige Frau an einer Sitzung teilnimmt. Sie wirft dann mit Stiften, erzählt sie, weil sie keine Lust mehr hat, ihre Zeit mit langen Erklärungen zu verschwenden. 

Der Sonderweg der Schweiz

Aber auch der Blick zurück ist eindrücklich, oft unfassbar. Andrea Maihofer, Professorin für Geschlechterforschung, geht der Frage nach, warum das Frauenstimmrecht in der Schweiz erst 1971 eingeführt wurde. Sie kommt zu dem Schluss, dass diese historische Verspätung auch mit der direkten Demokratie zusammenhängt. Um Frauen das Stimmrecht zu gewähren, war nämlich eine Verfassungsänderung nötig. Dafür wiederum braucht es in der Schweiz auch eine Volksabstimmung.

Die Schweizer Männer aber stimmten im Jahr 1959 mit klarer Mehrheit gegen die Einführung eines nationalen Frauenwahlrechts und Frauenstimmrechts. Es waren also die männlichen Bürger, die ihre Macht nicht teilen wollten und deshalb ihren Müttern, Schwestern, Ehefrauen und Töchtern die demokratischen Rechte verwehrten. Erst bei einer weiteren Volksabstimmung im Jahr 1971 kam es zu einer Annahme.

Die Frauen im Kanton Appenzell-Innerrhoden mussten sogar noch 20 Jahre länger warten, bis sie wählen gehen durften. Die Publizistin Isabel Rohner schildert, wie stolz man hier bis heute auf die Landsgemeinde ist, die älteste und einfachste Form der direkten Demokratie, bei der sich die stimmberechtigten Bürger auf dem Gemeindeplatz versammeln und per Hand oder mit dem Säbel abstimmen.

Insgesamt drei Mal – 1973, 1982 und 1990 – erteilten die Männer im Appenzell dem Frauenstimmrecht eine Absage. Bis das Bundesgericht in Lausanne einschritt, das Ergebnis für verfassungswidrig erklärte und die Appenzeller dazu verpflichtete, auch Frauen zu Wahlen und Abstimmungen zuzulassen.

Isabel Rohner und Irène Schäppi: "50 Jahre Frauenstimmrecht"
Limmat Verlag, 2020
34 Euro, 256 Seiten

Protokolle aus dem Alltag

Die Beiträge im Sammelband "Gruß aus der Küche – Texte zum Frausein", herausgegeben von den Journalistinnen Heidi Kronenberg und Rita Jost im Rotpunktverlag, kommen literarischer, humorvoller, oft auch persönlicher oder kämpferischer daher. Es sind mehrere Protokolle aus dem Alltag darunter, auch fiktive, utopische Geschichten, ein Gedicht und ein Brief.

Wie sag ich meinen Enkelinnen, dass es in der Schweiz noch kein Stimmrecht gab, als ich so alt war wie sie jetzt, fragt sich die Journalistin Lotta Suter. Zwei andere Großmütter im Band solidarisieren sich ganz praktisch und stricken rosa Pussyhats für ihre demonstrierenden Enkelinnen. Und die Texterin Christine Loriol fordert alle Nichtwählerinnen unter ihren Leserinnen auf, sie anzurufen und gemeinsam die Abstimmungsunterlagen anzuschauen.

Der Kampf gegen Ungerechtigkeit ist unbequem

Schwer verdaulich ist die Bilanz, die Simona Isler und Anja Peter auf den Tisch legen. Die beiden Historikerinnen, Mütter und Hausfrauen rechnen vor, dass Frauen in der Schweiz pro Jahr über hundert Milliarden Franken (also ungefähr 110 Milliarden Euro) weniger verdienen als Männer, und dass ihre Renten um 40 Prozent niedriger sind – bei gleich vielen Arbeitsstunden.

Buchcover: "Gruß aus der Küche: Texte zum Frauenstimmrecht" von Heidi Kronenberg und Rita Jost  (Rotpunktverlag / Deutschlandradio)Die bisherige Bilanz von 50 Jahre Frauenwahlrecht in der Schweiz ist mitunter schwer verdaulich. (Rotpunktverlag / Deutschlandradio)
Sie fordern gleiche Löhne und Renten sowie anständige Arbeitsbedingungen. Vor allem aber Geld und Zeit für all jene Arbeit, die vor allem Frauen noch immer gratis verrichten: im Haushalt, bei der Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen. Was sollen wir mit dem Stimm- und Wahlrecht, fragen die beiden Autorinnen, wenn wir vor lauter Arbeit keine Zeit mehr haben für Politik?

In Deutschland müssen wir uns zwar nicht regelmäßig in Abstimmungsunterlagen zu allen möglichen politischen Themen einlesen, sind aber ansonsten mit ähnlichen Widersprüchen in Sachen Lohnungleichheit, Frauenquote oder unbezahlter Care-Arbeit konfrontiert. Da ist es gut, dass einen die beiden Bücher aus der Schweiz daran erinnern, wie unbequem und unappetitlich es werden kann, wenn man gegen Ungerechtigkeit kämpft. Weil es meistens bedeutet, dass jemand anders Macht oder Privilegien abgeben muss.

Heidi Kronenberg und Rita Jost: "Gruß aus der Küche – Texte zum Frausein"
Illustrationen von Nora Ryser
Rotpunktverlag, 2020
22 Euro, 224 Seiten

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