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Länderreport | Beitrag vom 23.11.2020

50 Jahre Centrum Warenhaus am AlexanderplatzKonsum zur Freude der Werktätigen

Von Thomas Klug

Eine Totale zeigt das Berliner Centrum Warenhaus auf dem Alexanderplatz im Jahr seiner Eröffnung 1970.  (imago / Marco Bertram)
Ein neues Haus für den neuen Konsum in der neuen DDR-Welt: Das Centrum Warenhaus am Berliner Alexanderplatz bei seiner Eröffnung 1970. (imago / Marco Bertram)

Rolltreppen, umfangreiche Sortimente und die größte Lebensmittelabteilung der DDR: Am 25. November 1970 eröffnete das Centrum Warenhaus in Berlin am Alexanderplatz. Als Einkaufsort war es der letzte Schrei, einprägsam auch die wabenartige Aluminiumfassade.

"Überhaupt möchte ich feststellen, dass wir den größten Teil unserer Einkäufe in Berlin machten, weil es dort viel bessere Sachen gab."

So Erich Honecker über seine Einkaufsgewohnheiten – als hätte er jeden Freitagabend brav in der Warteschlange an der Kaufhallenkasse gestanden. Er sagte das, als die gesamte DDR wegen Geschäftsaufgabe den Verkauf schon eingestellt hatte.

Aber mit Berlin hatte Honecker nicht so ganz Unrecht. In Berlin war das Angebot tatsächlich besser als im Rest der DDR. Selbst ein Staats- und Parteichef sagt mal etwas Richtiges. "Berlin galt ja als Schaufenster des Sozialismus. Und dieses Centrum Warenhaus am Alexanderplatz ist bevorzugt versorgt worden."

Eine Farbaufnahme zeigt Kunden am Schaufenster des Centrum Warenhaus auf dem Alexanderplatz in Ostberlin 1985. Hinter dem Schaufenster arrangiert und bestückt eine Mitarbeiterin die Modepuppen. (imago images / Sven Simon Fotoagentur)Kunden am Schaufenster des Centrum Warenhaus am Alexanderplatz 1985. (imago images / Sven Simon Fotoagentur)
Draußen Alexanderplatz. Drinnen die Welt. Die Warenwelt. Draußen Trubel. Drinnen auch irgendwie. Draußen: sitzen, eilen, schlendern. Drinnen ist es so ähnlich.

Draußen sind Menschen mit gut gefüllten Einkaufstaschen. Drinnen werden sie gefüllt, die Einkaufstaschen. Draußen ist Straßenmusik.

Drinnen Kaufhausmusik. Draußen ist Alltag. Drinnen ist Kommerz. Naja, draußen auch ein bisschen.

Und drinnen: Alles, was man für Geld kaufen kann. Alles, was man braucht. Und jede Menge von dem, was man nicht braucht. Der Überfluss kommt überflüssig daher. Das muss man erst einmal schaffen: Einer konsumverwöhnten Gesellschaft Dinge zu verkaufen, die sie eigentlich nicht dringend braucht.

Attraktives Angebot nie in ausreichender Menge

Das Prinzip Verknappung, um die Lust auf eine Ware zu steigern, wird nur selten angewendet. Das war schon einmal anders. Als Online-Shopping noch ein Begriff aus irgendeiner verrückten Zukunft war. Und als mit Kaufhausschließung nur die Frage verbunden war, wer abends die Tür abschließt und am nächsten Morgen wieder öffnet.

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Kaufhaus und Kunden brauchten sich. Lange her. Damals gab es noch kein Prinzip Verknappung, Waren waren einfach knapp. Oder sie waren nicht vorhanden. Anna Kaminsky von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: "Gerade die modernen, die attraktiven Waren wurden nie in ausreichender Menge hergestellt. Das war das eine. Das andere war, dass natürlich die Marktforschung in der DDR nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten funktionierte und natürlich auf die gleichen Probleme kam, die auch der einzelne Bürger immer mitbekam: Es gibt die Waren nicht, die wir brauchen.

Und das Institut für Marktforschung legte den Finger auch immer in die Wunde, bekam daraufhin auch einen Maulkorb verpasst und erhielt eine neue Aufgabe, nämlich nicht mehr, die Probleme zu identifizieren, sondern zu einer Kundenerziehung beizutragen. Und die Kundenerziehung sollte so laufen, dass die Menschen dazu motiviert wurden, Ladenhüter oder Dinge, die man aus Versehen zu viel produziert hatte zu erwerben. Sie sollten also animiert werden, die Überproduktion zu kaufen und sich nicht auf die Mangelwaren zu stürzen. Das ist natürlich ein Konzept, das nirgendwo funktioniert."

Es war die Zeit, als das Leben von Kaufhäusern leicht und der Kunde nicht der König war. Die Krone trug das Verkaufspersonal. Der Kunde war der Sand im Getriebe der Planwirtschaft. Jahrzehnte her. Damals brauchte es keinen Glamour, keinen Glitzer. Aber ein bisschen davon konnte ja nicht schaden.

"Meine Damen und Herren, beim Einkauf in unserem Hause möchten wir heute auch unsere Hausschneiderin ansprechen. Unsere Stoffabteilung in der zweiten Etage erwartet Sie mit einem umfangreichen Angebot."

Teenager am Brunnen der Völkerfreundschaft, ein Springbrunnen auf dem Alexanderplatz in Berlin-Mitte, 1984, Berlin, DDR, Deutschland, Europa (Harald Hauswald/OSTKREUZ)Alter Platz ganz neu gestaltet: Zeitgleich zum Bau des Centrum Warenhauses entstand am Alexanderplatz der von Walter Womacka entworfene Brunnen der Völkerfreundschaft. (Harald Hauswald/OSTKREUZ)
Am 25. November 1970 wurde das Centrum Warenhaus in Berlin am Alexanderplatz eröffnet. Die DDR-Presse jubelte, natürlich: "Ein großes Gemeinschaftswerk des sozialistischen Handels, der Bauarbeiter und vieler Helfer ist vollendet." 

Ein Karusseli für Plüschtiere und Puppen

Ein Haus voller Hoffnungen: Die Obrigkeit hoffte, ihr Versorgungsproblem lindern zu können. Und die gemeine Bevölkerung hoffte auf all das, was sonst rar war.

"In der Kinderabteilung war ein Fernsehturm aufgebaut worden. Es gab eine Eisenbahnanlage, die die ganze Zeit in Betrieb war und die die Kleinen angucken konnten. Es war ein Riesenrad aufgebaut worden, in dem Plüschtiere und Puppen Karussell gefahren sind. Es gab eine sehr ansprechende Warenpräsentation. Die Kunden konnten sich auch alles auf diesen Kleiderkarussells selber anschauen." Dr. Anna Kaminsky ist Autorin des Buches: Kaufrausch – die Geschichte der ostdeutschen Versandhäuser.

Im Kaufhaus am Alexanderplatz war sie selbst Kundin: "Es gab große Verkaufsstände. Es war eine sehr helle, sehr offene Atmosphäre und das Kaufhaus war auch mit Künstlerischem, mit Keramiken ausgestattet. Es hatte Rolltreppen, es war auf dem aktuellen Stand der damaligen Technik. Und man fand dort auch sehr umfangreiche Sortimente, angefangen bei Kleidung über technische Geräte, über Haushaltgeräte bis hin zu einer Heimwerkerabteilung, einer Stoffabteilung, Kinderangeboten, Schreibwaren – man fand alles unter einem Dach. Und man fand zusätzlich Dienstleistungsangebote in diesem Centrum Warenhaus.

Das war für den damaligen Stand eines modernen Einkaufsortes tatsächlich der letzte Schrei. Und es kam hinzu, es gab ein großes Kundenrestaurant in der obersten Etage, das war schon bemerkenswert. Man hatte zum einen eine bemerkenswert große Lebensmittelabteilung. Mit 2000 Quadratmeter war das die größte Lebensmittelabteilung der DDR. Dieses Kaufhaus am Alexanderplatz vereinte, als es eröffnet wurde, den Höchststand von Verkaufskultur und Dienstleistungsangeboten. Auch die optische Gestaltung des Kaufhauses war bemerkenswert und hob sich von anderen, von älteren Häusern sowieso ab. Das stellte den modernen Stand von Einkaufskultur dar."

Willi Stoph und die Befriedigung der Bedürfnisse

"Mit dieser Entwicklung verfolgen wir konsequent den Weg der besseren Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung." Willi Stoph, Ministerpräsident der DDR, erzählte von den großen Erfolgen und den großen Plänen und den großen Möglichkeiten von was auch immer. Er sagte das, was DDR-Funktionäre immer sagten: Alles ist super. Und es wird noch mehr super. Das freilich formulierte er etwas sperriger. Zwischen all dem Lob und der Selbstzufriedenheit gab es Andeutungen, dass vielleicht noch nicht alle grundlegenden Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigt werden können. Kann ja mal passieren.

Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur:
"Das Interessante ist ja, wenn man sich die Protokolle des Politbüros des ZK der SED durchliest, dann haben die sich wirklich mit der Verteilung von Würfelzucker, von Feinstrumpfhosen, mit Lieferengpässen bei Kochtöpfen, also wirklich mit den tausend kleinen Dingen des Alltags auf höchster Ebene befasst. Das sind Fragen, wo man denkt: 'Selbst in einem zentralistisch geführten Staat sollte das oberste Gremium doch was Besseres zu tun haben, als sich über Würfelzucker oder Damenstrumpfhosen den Kopf zu zerbrechen.'"

 "Dennoch sind weitere Anstrengungen nötig, um noch vorhandene Sortimentslücken im Warenangebot zu schließen."

"Wir werden Welthöchststand verkörpern"

Sortimentslücken. In der DDR. Das Wort fällt auf einem Parteitag der Staatspartei SED. Die Engpässe waren zu offensichtlich, um sie ganz verschweigen zu können. Aber dieses Kaufhaus sollte sie beenden. Endgültig. Ein wenig. Das Centrum Warenhaus am Alexanderplatz in Berlin. Ein modernes Haus.

"Und von der Wichtigkeit spielen wir als Warenhaus von der Konzentration her zwar eine wichtige Rolle und werden also auch Welthöchststand verkörpern, aber die anderen Handelseinrichtungen um uns herum werden sich genauso vorbereiten."

Welthöchststand. Ein Wort, gefallen in einer Parteiversammlung des Centrum Warenhauses, gesendet in einer Reportage des DDR-Rundfunks. Jeder Betrieb, jede Einrichtung der DDR hatte ihre eigene SED-Parteigruppe, die sich regelmäßig traf. In einer Reportage über die Parteisekretärin des Centrum Warenhauses Berlin am Alexanderplatz fiel auch das Wort Wettbewerb.

Dort, wo richtiger Wettbewerb, sprich Konkurrenz, stattfand, haben die Kaufhäuser den kleinen Einzelhändlern das Leben schwergemacht. Heute ist das Leben der Kaufhäuser schwer. Das Centrum Warenhaus am Berliner Alexanderplatz wurde zu Galeria Kaufhof, später ergänzt um den Namen Karstadt. Es ist kompliziert. So kompliziert, dass die Firmenzentrale von Kaufhof in Essen gar nicht auf Presseanfragen reagiert. Und das Berliner Haus auch dankend abwinkt. 

Das große Gebäude am Alexanderplatz. Drinnen ist es Kaufhaus ohne Kaufrausch. Und draußen ist es auch kalt.

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