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Tonart | Beitrag vom 25.04.2019

50 Jahre BundesjugendorchesterBegeisterung für das gemeinsame Musizieren

Von Elisabeth Hahn

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Das Bundesjugendorchester (Bundesjugendorchester/ Selina Pfruener)
Motiviert, engagiert und voller Leidenschaft: das Bundesjugendorchester. (Bundesjugendorchester/ Selina Pfruener)

Mit einem großen "Fest der Ehemaligen" feiert das Bundesjugendorchester heute Abend in Köln sein 50-jähriges Jubiläum. Elisabeth Hahn schaut auf die Geschichte des Ensembles.

Sie sind sie das Aushängeschild für den musikalischen Nachwuchs unseres Landes. In jedem Jahr widmen sich rund 150 Teenager dem Orchesterspiel. Und das auf höchstem Niveau. In Köln begeht das Bundesjugendorchester heute mit seinen Ehemaligen den runden Geburtstag. Orchesterdirektor Sönke Lentz:

"Wenn wir vom Jahr 68/69/70 reden, dann war das tatsächlich fast eine revolutionäre Tat, ein Orchester in der Form zu gründen".

Das Orchester und die 68er 

Revolutionär oder eher reaktionär? Wohlwollend wird dieses nationale Jugendorchester jedenfalls nicht von allen aufgenommen – in einer Zeit, in der sich die 68-er Bewegung eigentlich für einen gesellschaftlichen Aufbruch und gegen veraltete und elitäre Strukturen einsetzt. Die Idee für ein bundesweites Jugendorchester kommt dem Musikpädagogen Peter Koch bei einem Kongress in den USA. Dort hört er zum ersten Mal ein großes internationales Jugendorchester.

"Da dachte ich: Ist das doch ein Jammer, wir haben in Deutschland nur unsere kleinen Schulorchester, die sind ja gut. Aber auf dem Lande die begabten Schüler, die kommen zu nichts, wir können keine großen Werke aufführen."

Entgegen aller Kritik und nach ersten Schwierigkeiten gelingt es Koch tatsächlich, seine Vision in die Tat umzusetzen. Im Sommer 1969 findet die erste Arbeitsphase des neu gegründeten Bundesjugendorchesters statt. Der damalige Dirigent Volker Wangenheim erinnert sich an die ersten Proben:

"Es entstand sofort, schon von den ersten Tagen an, eine Spontaneität und Begeisterung unter den jungen Menschen, die man im Berufsorchester gegebenerweise gar nicht erreichen kann und vorfindet." 

Diese Begeisterung für das gemeinsame Musizieren hält sich bis heute. Rund 3.500 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 19 Jahren haben in den letzten 50 Jahren teilgenommen.

Ob sie genügend Talent und technische Fertigkeiten auf ihrem Instrument mitbringen, das müssen sie allerdings erst einmal in einem Probespiel beweisen. Dieser hohe Anspruch zahlt sich aus. Von den über 70 Dirigenten haben bereits Herbert von Karajan, Kurt Masur, Gustavo Dudamel oder Kirill Petrenko mit den jungen Leuten musiziert. Seit 2018 ist Sir Simon Rattle Ehrendirigent des Orchesters. Die Berliner Philharmoniker übernahmen 2013 die musikalische Patenschaft.

Musizieren und soziale Kompetenz

Sabine Meyer, Tabea Zimmermann, Christian Tetzlaff – unter den ehemaligen Mitgliedern des Bundesjugendorchesters finden sich auch einige prominente Musikernamen. Laut einer Studie von 2013 wählen 83 Prozent der ehemaligen Mitglieder die professionelle Musikerlaufbahn.

Neben den musikalischen Qualitäten erlernen die Jugendlichen in der Gruppe aber auch soziale Kompetenzen. Der familiäre Zusammenhalt spielt eine große Rolle. Und viele Jugendliche, die sich in der Schule eher in der Außenseiterrolle befinden, erfahren hier Respekt und Anerkennung. Auf soziales Engagement und das Interesse für verschiedene Kulturen wird dabei besonderes Augenmerk gerichtet.

Als offizielles "Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland" schlüpfen die Jugendlichen in die Rolle der kulturellen Botschafter ihres Landes. Eine Verantwortung, die für die Nachwuchsmusiker durchaus herausfordernd sein kann, sagt Orchesterdirektor Sönke Lentz:

"Aber es ist eigentlich genau das, was die Jugendlichen wollen. Denn sie haben selber einen wahnsinnig hohen Anspruch an sich und es ist eigentlich eher ein Ansporn, den die Jugendlichen verspüren. Und gerade natürlich, wenn wir im Ausland unterwegs sind wie jetzt im Sommer in Südafrika oder in der Vergangenheit in Indien oder China oder wo wir waren - dann ist das natürlich auch ein Aushängeschild und für die Jugendlichen, auch eine besondere Auszeichnung."

Probleme und Perspektiven

Trotz steigender Bewerberzahlen und einer großen Nachfrage von Konzertveranstaltern, muss sich das Orchester auch mit Herausforderungen außerhalb der Musik auseinandersetzen. So hat zum Beispiel die Stadt Bonn als wichtiger Geldgeber ihre Zuschüsse drastisch gekürzt. Sorgen macht sich Sönke Lentz aber vor allem über die Entwicklung im Schulsystem.

Durch die Forderung nach deutlich mehr Stoff in immer weniger Zeit befürchtet Orchesterdirektor Sönke Lentz, "dass immer mehr Hochbegabte nicht die Chance bekommen, ihr Instrument adäquat so zu lernen und so nach vorne zu bringen, wie sie das vielleicht selber wollen. Da sehe ich durchaus einen Problempunkt, der uns vielleicht in einigen Jahren einholen wird, wo uns dann die Basis verloren geht und dann eben die Spitze auch wegbricht."

Seit 50 Jahren leistet das Bundesjugendorchester musikalische Spitzenförderung, die in die Breite hineinwirkt und damit auch jüngeren Musiker in städtischen und regionalen Orchestern als Ansporn dienen kann. Simon Rattle sieht in diesem Orchester unsere Zukunft. Und die ist motiviert, engagiert und voller Leidenschaft. Wenn das kein Grund zur Hoffnung ist.

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