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Tonart | Beitrag vom 25.07.2019

50 Jahre BootlegsPiraterie, Fantum, Besessenheit

Von Laf Überland

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Bob Dylan spielt am 1. September 1969 auf dem Isle of Wight Festival. (imago images / United Archives International)
Bob Dylan 1969 auf dem Isle of Wight Festival: Seine Songs waren auf dem ersten nennenswerten Bootleg, der im selben Jahr die Fans erfreute. (imago images / United Archives International)

Bootlegs: So hießen früher meist heimlich aufgenommene Mitschnitte von Rock- und Pop-Konzerten. Von der Plattenindustrie wurden sie mit Raubkopien gleichgesetzt. Was die Sache für echte Fans natürlich noch interessanter machte.

Irgendwann im Juli 1969 tauchte, einfach so, das erste nennenswerte Bootleg überhaupt auf, das Aufnahmen von Bob Dylan vom April 1967 enthielt. Da hatte der große Prophet der Gegenkultur, angeblich, einen schweren Motorradunfall gehabt, sich jedenfalls aus dem Musikgeschäft zurückgezogen. Aber natürlich trieb es ihn auch weiterhin, Stücke zu schreiben und Musik zu spielen. Also jammte er regelmäßig mit seiner Band "The Band" im Keller eines Hauses in der Nähe von Woodstock, und dabei nahmen sie das auf, was heute als The Basement Tapes allgemein bekannt ist.

Damals aber blieben die Bänder unter Verschluss. Nur 14 Stücke wurden anderen Künstlern angeboten und dafür, auf einer nicht für den Verkauf bestimmten Platte, an deren Verlage geschickt. Und so gerieten diese Aufnahmen auch in die Hände von zwei Dylan-Fans, die fanden: Na, das müssen alle hören! Also pressten sie die Demoplatte nach, fügten noch ein paar Liveaufnahmen von 1961 dazu und steckten die Vinylscheiben in weiße Hüllen. Und weil sie ja nicht offen drauf schreiben konnten, was drin steckte, nannten sie das einfach "die große weiße Wundertüte": The Great White Wonder.

Die Zeit war reif

Die Zeit war reif für derartige Maßnahmen! Zwar waren schon in den 50er- und 60er-Jahren gern Jazz- und Blues-Musiker in kleinen Clubs aufgenommen und auf Platten gepresst worden. Aber erst, als Musik zur Massenbewegung wurde durch die Rockkultur und als Fans nach jeder musikalischen Äußerung ihrer Idole lechzten, wurden Bootlegs eine gefragte Errungenschaft: vor allem die Konzertmitschnitte, denn als solche ausgewiesene Livealben von Rockbands gab es bis dahin eher nicht.

Das Foto zeigt die Band "The Greatful Dead" in früheren Tagen - von der Gruppe gibt es tausende Bootlegs, weil sie ihren Fans in jedem Konzert Gelegenheit gab, dieses mitzuschneiden. (imago images / ZUMA Press)Die Greatful Dead in früheren Tagen: Von der Band gibt es tausende Bootlegs, weil sie ihren Fans in jedem Konzert Gelegenheit gab, dieses mitzuschneiden. (imago images / ZUMA Press)

Manche Bands wie Grateful Dead fanden das Bootlegging klasse und räumten in ihren Konzerten sogar Areale im Publikum frei, wo ungestört aufgenommen werden konnte. Danach sollten die Fans die Aufnahmen untereinander tauschen. Die meisten Bands oder ihre Plattenfirmen aber kriminalisierten das Mitschneiden, und die Bands bekamen auf den Hüllen natürlich lustige Decknamen.

Die Stones hießen zum Beispiel gern Greatest Group On Earth. Die Fans mussten sich schon ein bisschen Mühe geben, um rauszufinden, wie die Mitschnitte ihrer Helden überhaupt aufzufinden waren: vielleicht bei Festivals und auf Großstadtflohmärkten oder unterm Ladentisch, wenn man den Plattenladenmenschen sehr gut kannte, oder in der ländlichen Teestube, die auch frequentiert wurde, um sich mit Räucherstäbchen oder Dope einzudecken.

Bootlegs waren ziemlich rar gesät

Jedenfalls waren Bootlegs ziemlich rar gesät. Die durchschnittliche Auflage lag wohl zwischen 1000 und 3000 gepressten Exemplaren. Obwohl die Plattenindustrie Bootlegger strafrechtlich verfolgen ließ, wuchs in den 80er-Jahren die Zahl der Titel ständig an.

Es entstand im Untergrund eine regelrechte Industrie, von den bekannten Bands gab es plötzliche mehrere Hundert illegale Mitschnitte: Und damit wurde auch die Bootleggerei zum puren Geschäft, in dem sich dann einzelne Labels gegenseitig das Material klauten oder existierende Platten unter anderem Titel einfach wieder neu rausbrachten. Und als CDs aufkamen, die jeder Bootlegger zuhause selbst brennen konnte, verschwanden Bootleg-Langspielplatten völlig – stattdessen wurden bis 2005 allein im europäischen Raum rund 1200 verschiedene Bootleg-CDs von Elvis veröffentlicht. So viele dokumentierte Mitschnitte kann es gar nicht geben!

Das Geheimnisvolle, Auratische, das Bootlegs umgab, ist natürlich komplett verschwunden, seit in Konzerten Hunderte von Smartphones Richtung Bühne gehalten werden und etliche dieser Aufnahmen dann ein paar Minuten nach Konzertende bei Youtube auftauchen. Aber für Sammler altmodischer Rockmusik werden nach wie vor aufwändig gestaltete Bootlegs bekannter Künstler aufgelegt - allen voran Bob Dylan, Elvis Presley oder Rolling Stones.

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