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Tonart | Beitrag vom 03.04.2018

50 Jahre "2001 – Odyssee im Weltraum"Walzer im 3/4-Takt statt Filmmusik aus Hollywood

Von Vincent Neumann

Szene aus dem Science-Fiction Kultfilm "2001 - Odyssee im Weltraum" von Stanley Kubrick (picture-alliance / dpa / Fotoreport MGM)
Warum sollte er weniger gute, neu geschriebene Musik benutzen, wenn es schon eine Auswahl an großartiger Orchestermusik gebe, kommentierte Stanley Kubrick in einem Interview. (picture-alliance / dpa / Fotoreport MGM)

Klassiker wie der Walzerkönig von Strauss statt Filmmusik von Alex North: Stanley Kubricks Entscheidung war sehr umstritten. Doch der Erfolg von "2001 – Odyssee im Weltraum" gab ihm Recht – und sein Umgang mit Musik beeinflusste wichtige Filmemacher nach ihm.

Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit beim Historien-Drama "Spartacus" einige Jahre zuvor war es erneut Alex North, der von Stanley Kubrick mit dem Soundtrack für sein neues Werk beauftragt wurde. Und doch dauerte es rund 25 Jahre, bis diese Klänge zu "2001 – Odyssee im Weltraum" erstmals komplett eingespielt und veröffentlicht wurden. Was war passiert?

Der Sonnenaufgang über der prähistorischen Erde zu den Klängen von Richard Strauss‘ "Also sprach Zarathustra" – eine bewusste Entscheidung des Regisseurs gegen die fast schon abgeschlossene Arbeit des Filmkomponisten Alex North. Denn – so erklärte es Kubrick in einem Interview – warum sollte er weniger gute, neu geschriebene Musik benutzen, wenn es doch schon eine solche Auswahl an großartiger Orchestermusik gebe?

3/4-Takt zum "tanzenden" Raumschiff

Ob Richard Strauss, Aram Khatchaturian, György Ligeti oder der Walzerkönig Johann Strauss – der punktuelle Einsatz dieser markanten, kontrastreichen und teils sehr bekannten Klänge war zweifellos ein Geniestreich von Stanley Kubrick. Der Sonnenaufgang oder später das im 3/4-Takt "tanzende" Raumschiff gehören gerade durch die starke Präsenz der Musik zu den berühmtesten Szenen der Filmgeschichte, die in den folgenden Jahrzehnten viele Nachahmer finden sollten. So verbinden wohl bis heute viele Filmfans mit Richard Wagners Walkürenritt weniger dessen Oper, sondern vielmehr die berühmte Helikopter-Szene aus Francis Ford Coppolas Vietnam-Drama "Apocalypse Now".

Aber gleichzeitig verdeutlicht der Umgang von Stanley Kubrick mit seinem ursprünglich engagierten Komponisten Alex North, der erst bei der Premiere von "2001 – Odyssee im Weltraum" erfuhr, dass für seine Kompositionen im Film kein Platz mehr gewesen war, eines der Hauptprobleme zwischen Regisseuren und Produzenten auf der einen und Filmkomponisten auf der anderen Seite. Denn immer wieder verlieben sich die Verantwortlichen allzu sehr in ihre eigene Vorauswahl an sogenannter "Temp Music", also für Test-Zwecke während der Produktion provisorisch unterlegte Musikstücke.

"A director can get very used that piece of music over a period of months."

… sagt Hollywood-Komponist James Newton Howard. Nach Monaten, in denen sich ein Regisseur an eine solche "Temp Music" gewöhnt habe, sei es schwer, ihm diese konkrete Vorstellung wieder auszutreiben.

"So when the composer comes along and tries to replace it, he or she can’t get it out of their heads and they keep going back to the other one."

So stellte sich Alex North die berühmte Szene aus "2001" vor, die tänzerische Annäherung von Raumschiff und sich drehender Raumstation. Doch wie schon bei der Eröffnungssequenz des Films erwiesen sich auch hier die klanglichen Ideen von Stanley Kubrick als zu konkret: In seinem Kopf hatte sich als Untermalung für die Bilder bereits Johann Strauss‘ "An der schönen blauen Donau" eingenistet.

Kubricks Musikauswahl kommentierte das Filmgeschehen

So umstritten Kubricks Entscheidung seinerzeit war (Filmmusik-Legende Bernard Herrmann nannte sie den "Gipfel der Vulgarität") – das Ergebnis und der Erfolg von "2001 – Odyssee im Weltraum" gaben ihn im Nachhinein Recht. Ob der Film mit der Musik von Alex North – so gut sie auch ist – die gleiche Durchschlagskraft entwickelt hätte, darf zumindest bezweifelt werden. Wie auch einige Jahre später bei "A Clockwork Orange" setzte der Regisseur bekannte Kompositionen vor allem dazu ein, um seine eigenen Vorstellungen vom Zusammenspiel zwischen Bild und Musik möglichst präzise umsetzen zu können, das Filmgeschehen durch seine Musikauswahl selbst zu kommentieren statt zu emotionalisieren.

Dass er damit sowohl den Komponisten der abgelehnten Scores als auch denen der tatsächlich verwendeten Werke, die wie im Fall von György Ligeti nicht einmal um Erlaubnis gefragt wurden, vor den Kopf stieß, das nahm er in Kauf. Stanley Kubrick ging nicht als besonders guter Teamspieler in die Annalen ein – wohl aber als kreativer Kopf eines der bemerkenswertesten Gesamtkunstwerke der Filmgeschichte. Sein Mut und seine eigenwillige Herangehensweise ermöglichten einen neuen Umgang mit Musik, als Teil der filmischen Erzählstruktur – und ebneten so den Weg für eine neue Generation von Filmemachern wie Wes Anderson oder Quentin Tarantino.

Tonart

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