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Konzert / Archiv | Beitrag vom 12.09.2020

450 Jahre Staatskapelle: Busonis Faust-DramaEin Faust ohne Erlösung

Moderation: Stefan Lang

Faust in langen schwarzem Ledermantel und langem schwarzen Haar wird von maskierten Figuren umringt, die drohend die Hände heben. (imago images / BRIGANI-ART)
Faust (Roman Trekel) von quälenden Geistern umgeben. (imago images / BRIGANI-ART)

Die Staatskapelle Berlin feiert in der Lindenoper ihr großes Jubiläum, ihr 450-jähriges Bestehen. Heute findet in der Oper ein Tag der offenen Tür statt, wir senden einen gewichtigen Mitschnitt: Ferruccio Busonis groß angelegte Oper "Doktor Faust".

450 Jahre Staatskapelle Berlin feiert die Lindenoper Berlin in diesem Jahr, konzentriert an diesem Wochenende. Wir senden  deshalb eine große Oper: Ferruccio Busonis "Doktor Faust".

Leider dürfen wir aus rechtlichen Gründen die Oper nicht zum Nachhören zur Verfügung stellen.

Ferruccio Busoni hat ein geradezu visionäres Stück für das Musiktheater im 20. Jahrhundert hinterlassen. Die Oper ist opus magnum, ist Fazit seiner schöpferischen Arbeit - sie ist formales wie schöpferisches Meisterwerk. Den Komponisten interessierte vor allem der künstlerische Charakter der Oper, die Betonung von reinem Spiel, Zauber und Wunderhaftem als zentrale Elemente.

Seitliche Ansicht eines Mannes in gereiftem Alter ohne Bart in Konzertkleidung. (imago images / Leemage)Das Portrait von Ferruccio Busoni entstand um 1920. (imago images / Leemage)

Die Oper sei der Bereich des "Übernatürlichen oder des Unnatürlichen", notierte der Komponist in seinem theoretischen Werk "Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst". Sie solle eine Scheinwelt schaffen, die das Leben entweder in einem Zauberspiegel oder einem Lachspiegel reflektiere. Sie gebe bewusst das, was im wirklichen Leben nicht existent sei. In der Faustoper findet diese Idee seine Umsetzung.

Das Alte - das Neue

In seinem "Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst" hatte Busoni schon 1907 für ein gesundes Maß an Rückbesinnung in der Verschmelzung mit dem Neuen plädiert, Mozart als Gegengewicht zu Wagner gesetzt  und alle Ambitionen auf eine künftige Vollkommenheit gerichtet.

In diesem theoretischen Werk sagte er bereits die elektronische Musik voraus. Musikalisch bleibt er ganz und gar, wenn auch bis an die Grenzen gehend, in den Möglichkeiten der späten Romantik verhaftet. In seinem Faust entwickelt er eine beeindruckende Klangwelt voller simultaner Komponenten: er verband verschiedenen Stile und musikalische Ausdrücke synthetisch miteinander. Barocke Fugenwelten türmen sich - romantische Motivwellen brechen sich daran.

Faust - ohne Goethe

Kosmische Naturvorstellungen reiben sich in seinem Faust - ein gerüttelt Maß an Magie waren ihm wichtig. "Habe ich die übermächtige Aufgabe geleistet?" – hatte sich Busoni fortwährend gefragt.

Busoni war vom Goethe’schen Faust beeindruckt, bezog sich in der Oper aber mehr auf das alte Puppenspiel – ihm war vollends bewusst, sein eigenes Schaffen, seine Person mit dieser Faustfigur korrespondieren zu lassen. Sein Faust vereinte Legende und Märchen, er ist Held der Volkssage mit okkultischen Neigungen, bisweilen Zarathustra aber auch Merlin, Don Juan oder Cagliostro – auch Busonis Musik unterstreicht das – immer polyphon gehalten, anderes mitdenkend und nie so recht festgelegt.

Karges Ende für Doktor Faust

In Busonis Fassung findet Faust nach seinen Eskapaden keine Erlösung. Auch Vergebung wird ihm nicht zuteil. Das Ende bringt auch keine große Höllenfahrt. Faust ist zum lebensmüden Alten geworden. Im letzten Moment trifft er auf eine bettelarme Frau mit totem Kind im Arm. Der Doktor erkennt, dass sie seine Herzogin ist, die er in Parma in ein Liebesabenteuer auf ihrer eigenen Hochzeit verstrickte.

Eine Braut in goldenem Gewand reicht einem schwarz gekleideten Mann ihre Hand und neigt sich ihm zu, während die andere Hand von ihrem ebenfall gold gekleideten Bräutigam gehalten wird. (picture-alliance / dpa / Tim Brakemeier)Faust (Roman Trekel) kann die Herzogin von Parma (Carola Höhn) von ihrem Bräutigam lösen. (picture-alliance / dpa / Tim Brakemeier)

Sie überlässt ihm das Kind - sein Kind. Faust selbst weiß, dass sein Ende naht - er legt das Kind auf den Boden, zeichnet einen magischen Kreis herum – Faust vermacht dem Kind sein Leben und stirbt. Nachtwächter Mephisto findet schließlich zur Nacht lediglich Fausts Leichnam.

Aufnahme der Oper vom Dezember 2007

Ferruccio Busoni 
Doktor Faust. Dichtung für Musik in 2 Vorspielen, einem Zwischenspiel und 3 Hauptbildern
Gesamtaufnahme der von Philipp Jarnach vollendeten Fassung

Doktor Faust - Roman Trekel, Bariton
Wagner, sein Famulus/ Zeremonienmeister – Christof Fischesser, Bass
Mephistopheles – Jürgen Müller, Tenor
Der Herzog von Parma – Stephan Rügamer, Tenor
Die Herzogin von Parma – Carola Höhn, Sopran
Soldat – Mirko Janiska, Bariton

Staatsopernchor Berlin
Staatskapelle Berlin
Leitung: Daniel Barenboim

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