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Tonart | Beitrag vom 10.12.2020

40 Jahre "Sandinista!" von The ClashDas "White Album" des Punkrock

Von Marcel Anders

Blick von oben auf die Bühne. The Clash im Vordergrund, im Hintergrund das Publikum. (Gettyimages / Corbis Historical / Roger Ressmeyer)
Keinen Cent haben The Clash bis heute mit "Sandinista!" verdient - die Plattenfirma dagegen umso mehr. Für die Band der Anfang vom Ende. (Gettyimages / Corbis Historical / Roger Ressmeyer)

Mit der Dreifach-LP „Sandinista!“ legten The Clash vor 40 Jahren ein Album wie ein Manifest vor. Politisch durchaus streitbar, beeindruckte es durch musikalische Vielfalt. Damals konnte niemand ahnen, wie folgenreich es werden würde.

"Wenn man den Mund aufmacht, sollte man wissen, wovon man redet", sagt Clash-Sänger Joe Strummer.

"Und als Band fanden wir es toll, dass der Diktator von Nicaragua abgesetzt wurde und die Sandinista das Land übernommen haben. Das war eine Revolution der einfachen Leute. Was wir nicht wussten, war, dass da eine Diktatur durch eine andere ersetzt wurde. Wie in dem Marlon-Brando-Film, wo der Unterdrückte selbst zum Unterdrücker wird. Ich habe so getan, als wäre ich ein Experte, doch ich hatte nicht die geringste Ahnung."

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Das hindert Joe Strummer nicht daran, sich an einen Rundumschlag gegen das geballte Unrecht der späten 70er zu wagen. "Sandinista!" ist eine Abrechnung mit imperialistischen Supermächten, südamerikanischen Diktatoren und dem Ausländerhass in Großbritannien. Eine Solidarisierung mit linken Rebellen und radikalen Weltverbesserern.

Beeindruckende musikalische Vielfalt

Wobei die Band im Falle des gestürzten Somoza-Regimes in Nicaragua auch mal gewaltig danebenliegt – und sich in "Washington Bullets" mit dem US-Militär anlegt.

"Der Song ist eine Abrechnung mit dieser amerikanischen Arroganz, dass wir als Briten uns nicht in ihre Angelegenheit einmischen sollten. Doch genau das tun wir, weil wir der Meinung sind, dass es gesagt werden muss. Zumindest einmal."

Politisch durchaus streitbar, glänzt "Sandinista!" musikalisch mit beeindruckender stilistischer Vielfalt: Da stehen Funk, Jazz und Rockabilly neben Calypso, Walzer und Reggae. Nur rudimentären Punk-Rock sucht man vergebens. Aus gutem Grund, so Strummer.

"Wenn du erwachsen bist, musst du Musik für Erwachsene machen. Und ‚Sandinista!‘ ist ein Album für Leute, die vielleicht nicht glücklich mit ihrem Leben sind, aber das Beste daraus zu machen versuchen. Es ist ein Album für alle, die sich mit dem Leben auseinandersetzen und nicht so tun, als würde nichts passieren. Es ist für intelligente, erwachsene Menschen. Nicht für Kinder."

Anfang vom Ende für The Clash

Doch so ambitioniert The Clash als Musiker sind, so naiv erweisen sie sich als Geschäftsleute: Die Band besteht auf einer Dreifach-LP mit 36 Stücken und 144 Minuten Spielzeit. Ein überambitioniertes Werk mit etlichen Geniestreichen, aber auch Lückenfüllern. Feilgeboten zum Preis einer einzelnen LP, weil man das Prinzip "Value For Money" verfolgt, dafür auf Tantiemen verzichtet und bis zum heutigen Tag keinen Cent erhält - während sich ihre Plattenfirma ein goldenes Näschen verdient.

Für Strummer die große Ernüchterung – für The Clash der Anfang vom Ende. Die Band fällt in den frühen 80ern langsam auseinander, verheddert sich in internen Grabenkämpfen und verliert ihren politischen Biss. Ganz anders "Sandinista!": Das Album gewinnt über die Jahre an Relevanz – und gilt inzwischen als das "White Album" des Punkrock – und Vorbild für Bands wie Calexico oder die Flaming Lips, die dem Idealismus des mittlerweile verstorbenen Joe Strummer folgen.

"Menschen können alles verändern, was sie wollen"

"Wir wurden ständig von Schlaumeier-Journalisten gefragt: ´Denkt ihr Typen wirklich, ihr könntet die Welt verändern? Haltet ihr Schnösel euch für so wichtig?´", erzählte Strummer. "Das haben wir so oft gehört, dass wir es irgendwann geglaubt haben."

Was fatal gewesen sei. "Denn wie heißt so schön: Glaubt an euch selbst! Menschen können alles verändern, was sie wollen. Sie sind es, die ein Land ausmachen. Und sie sollten endlich aufhören, so zu tun, als ob sie keine Macht hätten. Denn die haben sie! Das ist mein Ansatz."

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