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Tonart | Beitrag vom 16.08.2016

40 Jahre Punk (2)Wie der Punk Großbritannien eroberte

Von Robert Rotifier

Die britische Punkband The Buzzcocks bei einem Konzert in Toronto, Kanada, im Jahr 2015. (imago/ZUMA Press)
Die britische Punkband The Buzzcocks bei einem Konzert in Toronto, Kanada, im Jahr 2015. (imago/ZUMA Press)

Nachdem die Sex Pistols mit der Single "Anarchy in the UK" bekannt wurden, breitete sich das Punk-Virus im gesamten Vereinigten Königreich aus. So sorgte ein Konzert der Sex Pistols in Manchester für einen ganzen Schwung an neuen Bands.

Die runden Jubiläen des Punk wurden noch nie ausgelassen. Im Jahr 2002 etwa feierten die Sex Pistols 25 Jahre ihres Debüt-Albums "Never Mind The Bollocks". Bei der zugehörigen Londoner Pressekonferenz schlüpfte John Lydon wieder einmal in die alte Rolle des Schandmauls Johnny Rotten, beschimpfte dabei aber längst nicht nur die Journalisten:

"Die Sex Pistols waren Punk, der Rest war bloß Punk-Rock und hatte mit uns nichts zu tun. Es gab keine Bewegung und ehrlich gesagt, waren die meisten Punk-Platten nur furchtbar und reine Abzocke. Die Sex Pistols dagegen meinten es."

Johnny Rottens Meinung kann ihm niemand nehmen. Aber Punk war eindeutig mehr als bloß eine Band. Nicht zuletzt war es die Szene rund um den passend zu seinem Fetisch-Sortiment "Sex" genannten Shop von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren an der Londoner King's Road.

Punk waren aber auch die wie Vorboten einer postapokalyptischen Welt durch die versifftesten Clubs von Soho stolpernden Jugendlichen aus den Vorstädten wie Simon Barker, Sue Catwoman oder die spätere Sängerin Siouxsie Sioux.

Von London in das ganze Königreich

Zumindest damals hatten Johnny Rotten und die Sex Pistols nichts daran auszusetzen, dass andere in ihrem Windschatten segelten. Im Gegenteil. "Wir fanden sie sehr zuvorkommend", erinnert sich etwa Pete Shelley von den Buzzcocks. "Sie ließen sich immerhin von uns nach Manchester holen, um da zu spielen."

Die Geschichte der ersten beiden Konzerte, die die Sex Pistols 1976 in Manchester spielten, ist das Paradebeispiel dafür, wie schnell sich Punk von London aus ins ganze Land verbreitete. Die beiden späteren Buzzcocks Pete Shelley und Howard Devoto waren die Initiatoren dieser Konzerte. Sie gingen gemeinsam zur Uni und pflegten die gleichen musikalischen Vorlieben.

Besonders hatte es ihnen eine Proto-Punk-Band der späten Sechziger und frühen Siebziger aus den USA angetan: Iggy Pop & The Stooges.

Pete Shelley: "Der NME brachte eine Konzertkritik der Sex Pistols im Marquee Club. Da stand, dass sie einen Stooges-Song spielten, und Howard und ich mochten die. Am Ende war da außerdem noch ein Zitat: 'Wir stehen nicht auf Musik, wir stehen auf Chaos.' Das lasen wir an einem Donnerstag im NME, und noch am selben Abend fuhren wir nach London, um zu sehen, ob diese Sex Pistols irgendwo spielten."

Ein Gig mit Folgen

Pete und Howard erwischten die Pistols an jenem Abend im Februar '76 bei einem chaotischen Gig in High Wycombe und waren so beeindruckt, dass sie sie im Juni nach Manchester zu einem Konzert einluden. Aus den paar Dutzend Zuschauern in der kleinen Lesser Free Trade Hall sollte sich praktisch die gesamte künftige Punk-, New Wave- und Indie-Szene von Manchester rekrutieren.

Und als die Pistols im Juli wieder zurückkehrten, spielten Pete und Howard mit ihrer eigenen Band Buzzcocks bereits im Vorprogramm.

Pete Shelley: "Das Wichtige war, dass etwas passierte. Als die Sex Pistols sechs Wochen später wiederkamen, brachten sie viele Journalisten aus London mit. Die Buzzcocks spielten, unser erster Gig wurde rezensiert, und andere Leute, wie zum Beispiel die Band, aus der später Joy Division und New Order wurden, waren bei diesem Konzert. Und sie sahen, dass es noch andere Leute gab, die sowas machten. Die Leute waren mindestens so sehr damit beschäftigt, sich das Publikum anzusehen wie die Sex Pistols."

Und diese Perspektive war Johnny Rotten von der Bühne aus nie vergönnt. Kein Wunder, dass er nicht wahrnahm, dass es sie doch ganz eindeutig gab, die Punk-Bewegung.

In der Reihe "40 Jahre Punk" feiern wir vier Jahrzehnte einer künstlerischen Explosion in Musik, Mode und bildender Kunst.

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