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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.07.2018

40 Jahre künstliche Befruchtung "Die heterosexuelle Kleinfamilie ist eigentlich ein Unding"

Kirsten Achtelik im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Im Biologischen Labor des Zentrums für Reproduktionsmedizin an der Universitätsfrauenklinik in Leipzig ist eine 200-fache Vergrößerungen der Befruchtung einer Eizelle zu sehen, aufgenommen am 17.03.2011. (picture-alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Eine 200-fache Vergrößerungen der Befruchtung einer Eizelle am Zentrum für Reproduktionsmedizin in Leipzig (picture-alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)

Mehr als acht Millionen Menschen gibt es weltweit, die nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung geboren wurden. Der Erfinder der In-vitro-Fertilisation, Robert Edwards, erhielt dafür den Nobelpreis. Den Begriff Familie müsse man deshalb neu denken, meint die Soziologin Kirsten Achtelik.

In diesen Tagen wird die Britin Louise Brown 40 Jahre alt - sie ist das erste "Retortenbaby", also der erste Mensch, der in vitro gezeugt wurde. Ihre Geburt war eine medizinische Sensation - und gesellschaftlich äußerst umstritten. Doch die Befürchtungen, dass wegen präziser elterlicher Vorstellungen von ihrem zukünftigen Kind "Designerbabys" hergestellt würden, habe sie nie geteilt, sagt Kirsten Achtelik, Soziologin, Buchautorin und Mitarbeiterin des Gen-ethischen Netzwerks.

"Wir wissen ja viel zu wenig darüber, wie Genetik funktioniert, wie sich die verschieden Faktoren miteinander kombinieren und welche Eigenschaften daraus entstehen, als das da tatsächlich Einfluss darauf genommen werden kann."

Unterschiedliche Preise für Eizellen 

Es gebe aber natürlich "Match-Making", wenn man zum Beispiel darauf achte, dass der genetische Vater dem sozialen Vater ähnlich sehe. Und das funktioniere auch halbwegs. Auch seien Eizellen von schönen, sportlichen und hochintelligenten Frauen in der USA teurer als andere. Es sei aber nicht bewiesen, dass das dann auch zu schöneren, sportlicheren und intelligenteren Kindern führe, so Achtelik.

Die Erwartungen an Kinder seien generell gestiegen, auch die Erwartungen der Eltern an sich selber, weil ja vorgeburtlich schon viel unternommen werde, um ein "optimales Ergebnis" zu erreichen; dies sei durchaus durch die In-vitro-Fertilisation zwar einerseits verstärkt worden, andererseits, glaube sie, sei der Kinderwunsch so stark, dass es dann oft egal sei, was für ein Kind es wird, solange es endlich da ist. Es gebe hierzu aber keine Studien.

Strenges deutsches Embryonenschutzgesetz

In Deutschland sei es für alleinstehende Frauen schwierig, Samenzellen zu bekommen, ebenso für lesbische Paare, es sei zwar nicht verboten, aber eine Grauzone, da es nicht alle Samenbanken machten und es werde von den Krankenkassen nicht finanziert, sagt Achtelik.

Deswegen gebe es eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen, die ins europäische Ausland ausweiche. Zudem verbiete das deutsche Embryonenschutzgesetz vieles, das in anderen Ländern legal sei. Es sei zwar ein altes Gesetz mit einer falschen Begründung, so Achtelik, aber: "Dass Eizellabgabe und die sogenannte Leihmutterschaft weiterhin verboten sind, finde ich richtig, weil das mit noch problematischeren Dynamiken verbunden wäre, wenn man das legalisiert."

Die heterosexuelle Kleinfamilie überlastet alle

Achtelik spricht sich dafür aus, den Kindern ihre Herkunft nicht zu verschweigen, genauso wie adoptierten Kindern. Das müsse nicht zu großen Brüchen führen, wenn das Verhältnis zu den sozialen Eltern gut sei. Den Begriff Familie müsste man angesichts der heutigen Möglichkeiten Leben zu erzeugen und verschiedene Lebensmodelle zu ermöglichen anders definieren als bisher über die klassische Kleinfamilie. Dazu müsse man aber vielmehr über die soziale Elternschaft reden.

"Wir müssen gesellschaftlich darüber reden, dass die heterosexuelle Kleinfamilie eigentlich ein Unding ist, das alle Beteiligten total überlastet und überhaupt nicht mehr zeitgemäß ist, und dass wir ganz andere Formen von Miteinanderleben ausprobieren müssten, um glücklichere Menschen zu werden."

(jar)

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