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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.11.2016

40 Jahre FrauenhausEin Schutzraum, der immer noch gebraucht wird

Nadja Lehmann im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Eine niedergeschlagene Frau lehnt ihren Kopf auf einen Koffer (imago / Westend61)
Frauenhäuser bieten Gewaltopfern auch heute noch schnelle, unbürokratische Hilfe (imago / Westend61)

Am 1. November 1976 wurde in West-Berlin das erste deutsche Frauenhaus gegründet. Trotz allen gesellschaftlichen Veränderungen braucht man Frauenhäuser bis heute, betont Nadja Lehmann. Gerade für Migrantinnen und Geflüchtete seien sie "sehr, sehr wichtig".

Als 1976 in West-Berlin das erste Frauenhaus gegründet wurde, gab es seitens der Politik noch kaum Bewusstsein für das Problem häuslicher Gewalt. Das hat sich längst geändert. Dennoch sind auch heute, 40 Jahre danach, Frauenhäuser nicht überflüssig geworden, betont Nadja Lehmann, Geschäftsführerin der Interkulturellen Initiative e.V. in Berlin.

"Für Frauen, die einfach ganz schnell irgendwo weg müssen, zum Beispiel aus einer Flüchtlingsunterkunft, sind Frauenhäuser bis heute einfach sehr, sehr wichtig."

Migrantinnen nicht per se besonders von Gewalt betroffen

Der Anteil von Migrantinnen in Frauenhäusern sei schon immer sehr hoch gewesen. Das sage aber nichts darüber aus, dass Migrantinnen per se häufiger von häuslicher Gewalt betroffen seien, betont Lehmann. "Sondern das hat etwas damit zu tun, dass der Zugang praktisch so einfach ist." So könne man zumindest in den Großstädten in ein Frauenhaus gehen, ohne vorab eine Klärung seines Aufenthaltsstatus gemacht zu haben.


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Jede vierte Frau, so sagen es die Statistiken, erleidet mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt. Oft sind davon nicht nur die Mütter, sondern auch deren Kinder betroffen und in extremen Fällen, also wenn es gar nicht mehr geht, können sich misshandelte Frauen in ein Frauenhaus retten.

Das erste autonome Frauenhaus der Bundesrepublik wurde heute vor 40 Jahren, am 1. November 1976 also, in Westberlin gegründet. Nadja Lehmann, sie ist heute Geschäftsführerin der Interkulturellen Initiative e.V., kennt dieses erste Frauenhaus gut, sie hat dort nämlich auch mal gearbeitet. Schönen guten Morgen!

Nadja Lehmann: Ja, guten Morgen!

Früher war es oft Zufall, ob eine Frau Hilfe fand

von Billerbeck: Wenn wir an diese Zeit, 1976, zurückdenken, und wenn Sie das tun, das war ja die Zeit des Erstarkens der Frauenbewegung. Wie schwierig war es, so einen Schutzraum für misshandelte Frauen, eben ein erstes Frauenhaus zu gründen und aufzubauen?

Lehmann: Ja, ich denke, das war einfach unvergleichbar schwieriger als die heutige Situation, wenn man heute ein Frauenhaus gründet. Es ist schon wesentlich gesellschaftlich akzeptierter, dass es Frauenhäuser gibt, dass es sie geben muss.

Und damals war das natürlich eine ganz andere Situation, weil es eigentlich bis dato gar keine Orte gab, wo Frauen, die eben von häuslicher Gewalt betroffen waren, die misshandelt wurden, die Gewalt erlebt haben durch ihre Männer oder Partner, hingehen konnten, mit ihren Kindern eben auch gemeinsam, und sozusagen darauf angewiesen waren, dass sie privat oder von Einzelpersonen Unterstützung bekommen haben. Aber es gab eben keine Angebote, wo Frauen sich einfach jederzeit hinwenden konnten, sondern es war sozusagen dem Zufall überlassen, ob sie Unterstützung bekamen.

Eine Mann droht einer Frau mit der Faust. (picture alliance / dpa)Eine Mann droht einer Frau mit der Faust. (picture alliance / dpa)

von Billerbeck: Hat das auch damit zu tun, dass häusliche Gewalt, Gewalt in der Familie durch Männer oder Partner ein Tabuthema war?

Lehmann: Ja, bis dahin auf jeden Fall, bis heute immer noch. Es gibt ja immer noch Menschen, die nicht nachvollziehen können, dass so was wirklich ein Problem ist, was viele Frauen betrifft, und nicht nur ganz bestimmte Gruppen von Frauen, sondern dass sozusagen alle Frauen in allen gesellschaftlichen Schichten davon betroffen sein können.

Und das war zu der Zeit natürlich noch unvorstellbarer und war sozusagen nur möglich, weil eben durch die Frauenbewegung überhaupt Frauen sich über solche Themen austauschten und es eben auch eine politische Situation gab, wo das überhaupt thematisiert werden konnte und veröffentlicht werden konnte. Und es war natürlich ganz wesentlich dafür, dass Frauen überhaupt wussten, dass es einen Ort gibt, wo sie hingehen können und wo sie Unterstützung bekommen.

Erweiterter Gewaltbegriff ab den 1980er-Jahren

von Billerbeck: Nun haben Sie ja viele Jahre Erfahrung in der Frauenhaus-Arbeit, haben auch wissenschaftlich darüber geforscht. Wie haben sich denn die Frauenhäuser seitdem entwickelt?

Lehmann: Ja, ich denke, das ist sehr schwer sozusagen, das für alle Frauenhäuser zu sagen. Aber natürlich gab es ja praktisch eine Anfangsentwicklung, dass die Vereine zum Beispiel hießen "Frauen helfen Frauen". Also, es ging eben sozusagen, es kam eben… Von Frauen für Frauen sind diese Projekte entstanden, Frauenhäuser. Und dann gab es eine Entwicklung eben in den 80er-Jahren vor allen Dingen auch, wo der Gewaltbegriff auch erweitert wurde.

Sie haben das ja auch in der Anmoderation angesprochen, dass eben auch Kinder natürlich davon betroffen sind, auf eine andere Art und Weise, und dass eben auch darüber gesprochen wurde natürlich, wie Kinder unterstützt werden können in den Frauenhäusern, dass es sozusagen eine Veränderung gab, auch was den Gewaltbegriff anbelangte, also, dass eben zum Beispiel eben natürlich auch Frauen gewalttätig sein können gegenüber ihren Kindern. 

Dass es nicht darum geht, dass Frauen nur Opfer sind, sondern dass sie eben auch Beteiligte sein können. Es gab eine Diskussion über Mittäterschaft und auch in den 90er-Jahren dann eben gab es die Diskussion über Rassismus auch in den Frauenhäusern unter Frauen, die diese Entwicklung der Frauenhäuser auch ganz stark geprägt hat bis heute.

von Billerbeck: Wenn wir über die Probleme in der Gegenwart reden, die Frauenhäuser betreffend, dann kommen wir ja nicht daran vorbei, dass nach Deutschland Pi mal Daumen 900.000 Flüchtlinge gekommen sind, zwar mehrheitlich Männer, aber eben auch Frauen. Und wir wissen, dass darunter auch sehr junge, auch zwangsverheiratete Frauen und Mädchen sind. Wie ist denn die Lage von Migrantinnen und geflüchteten Frauen, wie Sie sie erleben?

Lehmann: Ja, ich denke, das kann man natürlich nicht so über einen … Also, wir haben die Diskussion auch schon in den 90er-Jahren gehabt, da gab es ja auch schon viel Bewegung …

von Billerbeck: Durch den Jugoslawien-Krieg zum Beispiel.

Lehmann: Genau. Gab es viele Fra… Also, es gibt unterschiedliche Gruppen, die dann immer jeweils auch in den Frauenhäusern präsent sind. Und das hängt einfach damit zusammen, dass die Frauenhäuser eben sehr unbürokratisch arbeiten, dass sie eben keine Voraussetzung erfüllen zumindest in den Großstädten, also, dass man in die Frauenhäuser auch gehen kann ohne eine Klärung seines Aufenthaltsstatus schon vorher vorab gemacht zu haben, weil es eben eine Pauschalfinanzierung gibt.

Und deswegen sind diese Projekte bis heute eben auch sehr wichtig, für Frauen, die einfach ganz schnell weg müssen zum Beispiel aus einer Flüchtlingsunterkunft, sind Frauenhäuser bis heute einfach sehr, sehr wichtig. Aber eben auch natürlich in anderen gesellschaftlichen Bereichen ist dieser unbürokratische Zugang, denke ich mir, das ganz Wichtige an den Frauenhäusern bis heute.

Und natürlich ist es auch so, dass der Anteil von Migrantinnen – das war auch schon die Diskussion in den 90er-Jahren – sehr hoch war, was aber nichts darüber aussagt, dass Migrantinnen mehr von Gewalt betroffen sind per se, sondern das hat einfach was damit zu tun, dass der Zugang praktisch so einfach ist, in ein Frauenhaus zu gehen, und dass das natürlich für Frauen sehr wichtig ist in so einer Notsituation.

Keine Konkurrenz zwischen Ämtern und Frauenhäusern

von Billerbeck: Kollidieren die Frauenhäuser in ihrer unbürokratischen Aufnahme – Sie haben es ja eben gesagt, dass da eben auch Migrantinnen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus kommen können – dann mit den Behörden, die sagen: Haltet euch da raus?

Lehmann: Nein, ich denke, das ist schon akzeptiert, dass es diese Plätze geben muss, diese Schutzplätze. Und ich denke, wir haben auch einen deutlich höheren Bedarf, als wir jetzt im Moment anbieten können in Berlin. Also, die Frauenhäuser sind ja …

Es ist nicht immer selbstverständlich, dass man aufgenommen werden kann, dass es freie Plätze gibt. Es gibt zwar mittlerweile viele Projekte, die sozusagen zusätzliche Angebote machen wie Zufluchtswohnungen zum Beispiel, aber es ist eben so, dass wir auch einen Bedarf haben, einen höheren Bedarf haben an unbürokratischen Frauenhausplätzen, also an diesen Plätzen … Die muss es einfach weiterhin geben.

Mehr Geld und mehr therapeutische Angebote gebraucht

von Billerbeck: Können Sie denn in den Frauenhäusern all die Aufgaben noch stemmen? Und woran fehlt es vor allem, damit Sie Ihre Arbeit auch in Zukunft machen können?

Lehmann: Na, ich denke, wir brauchen auf jeden Fall einen Ausbau der Plätze, gerade in solchen Situationen, wo eben viele Frauen geflüchtet sozusagen auch hier in Berlin meinetwegen sind und die Möglichkeit haben müssen, dass sie, auch wenn sie in einer Flüchtlingsunterkunft, in einer Turnhalle oder wo auch immer sind, dass sie dort aufgenommen werden können. Das ist eben auch so ein Schwerpunkt unseres Projektes, aber auch der anderen Frauenhäuser, die nehmen natürlich auch geflüchtete Frauen auf. Weil, wir sind ja ein Projekt, was sich überwiegend an gewaltbetroffene Migrantinnen und ihre Kinder richtet, aber letztendlich diese Plätze natürlich in allen Frauenhäusern benötigt werden.

Und wir brauchen einfach sozusagen natürlich das, was wir auch schon seit 20, 30, 40 Jahren brauchen: Wir brauchen eine vernünftige Bezahlung von Arbeitsplätzen, weil es eben auch eine sehr belastende Arbeit ist, also eine tarifgerechte Bezahlung. Und wir brauchen natürlich einfach die Möglichkeiten, eine Frau, die in so einer Situation zu uns kommt, auch zum Beispiel nachts zu betreuen und zu begleiten und zu unterstützen. Und wir brauchen natürlich, was wir immer sagen, Geld.

Aber es geht auch um eine Differenzierung des Angebots, das passiert aber auch in Berlin, wir haben auch zusätzliche Angebote bekommen. Also, wir haben zum Beispiel eben jetzt auch therapeutische Angebote in geringem Umfang, können wir jetzt als Projekt anbieten, und es gibt eben andere Projekte wie … Zum Beispiel haben wir jetzt ein neues Projekt – jetzt gehe ich schon in die Gegenwart – von Trägerwohnungen, wo wir praktisch für geflüchtete Frauen und ihre Kinder Unterstützung anbieten können.

von Billerbeck: Und dafür brauchen Sie ganz sicher Hilfe und auch Spenden. Nadja Lehmann war das, Geschäftsführerin der Interkulturellen Initiative e.V., über ihre Erfahrungen seit der Gründung des ersten autonomen Frauenhauses vor 40 Jahren und die Lage der Frauenhäuser heute. Ich danke Ihnen!

Lehmann: Ja, danke auch!

von Billerbeck: Und gegen 8:40 Uhr spreche ich mit meiner Kollegin Gudula Geuther aus dem Hauptstadtstudio über den Versuch, Kinderehen in Deutschland zu verbieten, die ja eben auch im Gespräch vorkamen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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