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Fazit | Beitrag vom 09.12.2020

40 Jahre Ensemble ModernLeistungsschau der zeitgenössischen Musik

Stefan Keim im Gespräch mit Andrea Gerk

Mitglieder des Ensemble Modern spielen liegend bei der Uraufführung von Wolfgang Rihms "Jagden und Formen". (dpa / Ensemble Modern / Dominik Mentzos)
Das Ensemble Modern lässt sich auf alle Herausforderungen zeitgenössischer Musik ein - und bewahrt auch seine basisdemokratische Struktur. (dpa / Ensemble Modern / Dominik Mentzos)

Mit 40 Musikminiaturen hat das Ensemble Modern sein 40-jähriges Bestehen in der Frankfurter Alten Oper gefeiert. Laudator Ilija Trojanow rühmte den basisdemokratischen Geist des Ensembles. Der gilt bis heute – für Musiker und Publikum.

Zwei Stunden lang jagt eine Uraufführung die nächste. Alle dauern um die drei Minuten. Das Ensemble Modern hat sich zu seinem 40. Geburtstag 40 neue Stücke gewünscht von Komponistinnen und Komponisten, mit denen es schon zusammengearbeitet hat. Herausgekommen ist ein abwechslungsreiches Mosaik der Stile und Haltungen der zeitgenössischen Musik.

Wildes und fast Unhörbares

Ein Cellist sägt mit dem Bogen am Körper seines Instruments, der Pianist schlägt eine tote Taste an, die auf keine Saite trifft. Aus leisen Geräuschen setzt Mark André sein Stück "rwh3" zusammen, während Fred Frith das 19-köpfige Kammerorchester in einen wilden Westerntaumel jagt. Wie fast alle Stücke ist "Dancing in Place" im gerade zu Ende gehenden Jahr entstanden.

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Ennio Morricone hat vor seinem Tod noch sein Gratulationsstück geschickt: "per i 40 anni" (für die 40 Jahre) ist ein melancholisches, zartes Gewebe. Ganz leise wird George Benjamin in seinem Stück "Stille Nacht", in der er die bekannte Melodie für ein tiefes Streichquartett ohne Violinen gesetzt hat. Danach wirkt der Beitrag des sonst für seine Stücke am Rande der Unhörbarkeit bekannten Salvatore Sciarrino fast schon laut.

Konzert-Gebote vom Laudator

Die Festrede hält der Schriftsteller Ilija Trojanow, passend zum Anlass auch in literarische Miniaturen aufgeteilt. Zu Beginn instruiert er das Onlinepublikum mit den "10 Konzertgeboten in Zeiten von Corona":

"Sie dürfen während des Konzertes nicht seufzen, die Zeitung nicht ohne Handschuhe lesen, punktierte, synkopierte oder triolische Rhythmen auf einer vor ihnen sitzenden Glatze mit nicht desinfizierten Fingern trommeln."

Später rühmt Trojanow den basisdemokratischen Geist, in dem das Ensemble Modern 1980 entstand. Ein Geist, der stets auch das Publikum einbezieht: "Was Sie heute Abend hören, hängt von Ihnen ab."

Eine Probenszene des Stückes "Schwarz auf Weiß" von Heiner Goebbels. Auf einer Bühne wehen weiße Tücher, davor spielen mehrere Musiker. (Christian Schafferer)Das Ensemble Modern bei einer Probe zu "Schwarz auf Weiß" von Heiner Goebbels. (Christian Schafferer)

Es war eine Menge zu hören. Trojanow berichtet von Komponisten, die in ihren Partituren nicht die Instrumente vermerkten, sondern die Vornamen der Musikerinnen und Musiker, die die Noten spielen sollten. Dann hört man im Stück "Ein Weihnachtslied" von Peter Eötvös, dass Dirigent Ingo Metzmacher die Namen einzeln in die Aufführung ruft.

Gratulationsmusik mit Schreien und Schweigen

Es ist ein sehr persönlicher Abend, ein hochkonzentriertes Programm, das vom Ensemble Modern alles abverlangt. Es gibt übermütige und witzige Gratulationen, das lebensnahe, packende Stück "Daisy, Daisy" von Brigitta Muntendorf, in dem geschrien und gesprochen wird. Und das gesungene "DGAM" von Samir Odeh-Tamimi, das als Playback läuft. Das Ensemble Modern setzt sich Masken auf und schweigt im Stehen, in einer coronatauglichen Performance.

Am Schluss des Konzerts ist eine Überraschung angekündigt. Ein paar wenige große Gegenwartskomponisten fehlten im Programm. Ich hatte auf Wolfgang Rihm getippt. Doch der Abend endete mit einem fulminanten "Marche fatale" des 85-jährigen Helmut Lachenmann. Das großartige Jubiläum eines einzigartigen Ensembles ist noch auf deren Webseite als Stream zu sehen und außerdem als Doppel-CD erschienen.

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