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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.09.2005

"360 Grad Irak"

Radio-Kulturprogramm für den Irak

Von Aishe Malekshahi

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Ein Iraker hört Radio (AP Archiv)
Ein Iraker hört Radio (AP Archiv)

Ein Radio-Kulturprogramm für den Irak zu konzipieren, setzt Wagemut voraus. Den beweisen die beiden Initiatorinnen, die in Berlin die Kultursendung "360 Grad Irak" planen. Um die Sicherheit der Korrespondenten zu garantieren, wird aus der jordanischen Hauptstadt Amman gesendet. Finanzielle Unterstützung erhält der Sender vom Auswärtigen Amt.

Ein Radio-Kulturprogramm für den Irak zu konzipieren, für ein Land, das bei uns nur mit Negativ-Schlagzeilen über religiöse Übergriffe, Autobomben, Mordanschlägen wahrgenommen wird – setzt Risikofreude und Wagemut voraus. Oder man schafft sich Bedingungen, die sich über diesen alltäglichen Terror hinwegsetzen. Die Initiatorinnen Anja Wollenberg und Alia Rayyan haben in Berlin monatelang die Kultursendung "360 Grad Irak" geplant, ein journalistisches Netzwerk aufgebaut und sich in Jordanien mit den zukünftigen Korrespondenten getroffen. Gesendet wird ebenfalls aus der jordanischen Hauptstadt Amman. Die Islamwissenschaftlerin Alia Rayyan:

" Wir sind nicht vernarrt in die Sicherheit, aber die Sicherheit unserer Korrespondenten steht an erster Stelle. Amman haben wir deswegen ausgewählt, weil wir näher dran sind: Von Amman aus kann man in alle möglichen Länder reisen, es ist logistisch ein guter Ort. Man kann sowohl nach Syrien fahren, man kann Leute aus dem Irak einladen, man kann auch nach Ramallah fahren, wenn man möchte. Amman, das scheint ein neuer Knotenpunkt zu sein."

Das haschemitische Königreich ist zwar kein demokratischer Musterort – dennoch – für arabische Verhältnisse – liberaler als so manch anderer Nachbarstaat des Irak. Die Initiatorinnen jedenfalls hat es nicht davon abgeschreckt an ihrem Programm "360 Grad Irak" weiter zu arbeiten und beim Auswärtigen Amt vorstellig zu werden. Schließlich setzt das Außenministerium auf den Dialog mit der Islamischen Welt und förderte schon zuvor deutsch-irakische Radioprojekte wie zum Beispiel Radio Niqash.

" In Amman machen wir zurzeit ein Radioprogramm zur Verfassung. Das quasi alle Facetten und Meinungen, Positionen, Akteure in der ganzen Verfassungsdebatte zu Wort kommen lässt ..."

… erzählt die Psychologin und Projektleiterin Anja Wollenberg. 30 irakische Journalisten liefern täglich Audio-Berichte, mp3-Files nach Amman. Kommuniziert wird via E-Mail und Chat, denn telefonisch sind die Korrespondenten schlecht zu erreichen. Ihre Themen:

" Die berichten über alle Aspekte der laufenden Diskussion über die Stellung der Frau in der neuen Verfassung, über die Stellung der Religion, über die gesamte Förderalismusdebatte, die Rolle der Zivilgesellschaft im Prozess waren Aspekte, die behandelt werden."

Bislang sind die deutsch-irakischen Radioprojekte bei der irakischen Bevölkerung gut angekommen, weil sie die Unabhängigkeit des Programms von politischen oder religiösen Interessengruppen zu schätzen wissen. Auch deshalb finanziert das Auswärtige Amt das Projekt mit mehr als 100.000 Euro und als Projektträger konnte die Friedrich Ebert-Stiftung gewonnen werden. Das sind gute Startbedingungen für ein Programm, so Anja Wollenberg – das zwar den Irak als Fokus hat, dennoch sich einen Rundblick auf die ganze Region erlaubt.

" "360 Grad Irak" beginnt mit einer Reise von zwei irakischen Künstlern, die alle Länder besuchen die Nachbarn des Iraks sind bzw. die Hauptstädte dieser Länder. Und sie werden aus diesen Hauptstädten über den Stand zeitgenössischer Kultur vor Ort berichten für ein Radioprogramm. Das ist sozusagen eine Quelle der Beiträge aus dem wir ein Radioprogramm machen werden. Die zweite Quelle sind Korrespondenten in diesen Städten, die wir beschäftigen. "

Die erste Reise wird die irakischen Schriftsteller, deren Namen aus Sicherheitsgründen nicht bekannt gegeben werden – nach Teheran führen. Hier werden sie die iranische Kinolandschaft erkunden und Filmemacher treffen. Schließlich haben Regisseure wie Abbas Kiarostami oder Mohsen Makhmalbaf mit ihren Spielfilmen demonstriert, wie man gesellschaftliche Missstände, staatliche Repressionen anprangern kann und trotzdem als Künstler im In-und Ausland Anerkennung und Ruhm findet. In Teheran werden die beiden auch auf ihren Kollegen Zorab Majabi treffen. Der Chefredakteur des Internetmagazin "Tehran Avenue" wird in den kommenden drei Monaten für "360 Grad Irak" regelmäßig über kulturelle Trends und über die iranische Kunst-Avantgarde berichten. Anja Wollenberg über die weiteren Stationen:

" Dann fahren wir nach Amman, von Amman geht es nach Istanbul und Ankara, dann geht es zurück nach Damaskus, dann werden die beiden Iraker nach Bagdad zurückfahren und eine Pause einlegen bzw. aus Bagdad berichten und dann geht es los nach Beirut und Kairo."

Die Reise der beiden irakischen Schriftsteller dient der Vernetzung arabischer Kulturschaffender in ihrer Region – und so ist es auch nicht abwegig, dass aus ehemaligen Feinden, Freunde und sogar Arbeitskollegen werden. Die Audio-Beiträge laufen in Amman zusammen, hier sitzt der palästinensische Chefredakteur Najwan Darwish, der gemeinsam mit Anja Wollenberg und Alia Rayyan die 30-minütige Kultursendung "360 Grad Irak" zusammenstellen wird. Bisher hat man einen Partner in Bagdad, der die Sendung ausstrahlen wird– aber Rayyan und Wollenberg sind mit weiteren lokalen Sendern im Gespräch. Über die Perspektive des ehrgeizigen Programms sagt Najwan Darwish:

" Ich hoffe, dass wir nach so einem Programm einfach mehr voneinander wissen. Ich möchte darauf hinweisen, dass viele arabische Staaten sehr isoliert sind. Viele gleichen da – Inseln. Da ist eine große Kluft zwischen Syrien und dem Irak, zwischen Irak und Jordanien, zwischen uns und dem Iran und der Türkei. Dabei haben wir eine gemeinsame Geschichte, ein gemeinsames großes Erbe, eine gemeinsame Kultur und eine gemeinsame Kunst. Es ist so schade, dass wir so wenig – beispielsweise über die iranische Kunst wissen. Dabei sind wir uns geographisch so nah und doch – im Moment so fern."

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