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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.09.2015

35 Jahre Oktoberfest-Attentat"Ein Einzeltäter, das kann nicht stimmen"

Daniel Harrich im Gespräch mit Ute Welty

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Mit Tüchern zugedeckte Todesopfer liegen neben Blutlachen am Tatort des nächtlichen Anschlages auf dem Münchner Oktoberfest am 26.9.1980.  (picture-alliance / dpa / Istvan Bajzat)
Zum Attentat auf das Oktoberfest 1980 wird wieder ermittelt. (picture-alliance / dpa / Istvan Bajzat)

13 Tote, hunderte Verletzte: 1980 explodierte eine Bombe auf dem Münchner Oktoberfest. Ob ein Einzeltäter oder ein rechtsterroristisches Netzwerk dahinter steckte, untersucht jetzt die Bundesanwaltschaft. Regisseur Daniel Harrich hofft, dass die Ermittler ihren Job besser machen als ihre Vorgänger.

Regisseur Daniel Harrich hält die These, dass der Terroranschlag auf das Münchener Oktoberfest im Jahr 1980 die Tat eines verwirrten Einzeltäters war für faktisch unmöglich und hofft, dass die neuen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft diese bisherige offizielle Variante widerlegen können.

"Das Spannende an der Geschichte ist, dass die Ermittler (...) schon damals selbst nicht an die Einzeltäterthese geglaubt haben", sagte Harrich, der aktuell an einer Fortsetzung seines dokumentarischen Spielfilms "Der blinde Fleck" über das Oktoberfest-Attentat arbeitet.

Damals wie heute wollte niemand Rechtsterrorismus in Deutschland wahrhaben

Dass bei den Ermittlungen eine mögliche Rolle rechtsterroristischer Netzwerke zu früh ausgeblendet  und stattdessen an der Einzeltäterthese festgehalten wurde, führte Harrich auf  ein "systematisches Wegschauen"  zurück, "das entweder aus politischem Schutzdenken in Bayern kam", oder aus einem "Selbstschutzverhalten". Man habe "damals wie heute genauso wenig Rechtsterrorismus in Deutschland haben wollen - und Wegschauen ist ein Schutzmechanismus. Wenn man wegschaut, hat man etwas nicht, und das gilt eben auch für den Rechtsterrorismus," sagte der Regisseur, der 2014 mit "Der blinde Fleck", einem Spielfilm über die langen hartnäckigen Recherchen des Journalisten und Sachbuchautors Ulrich Chaussy über das Oktoberfest-Attentat vom 26.9. 1980 dem Generalbundesanwalt den Anstoß gab, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Die neue Spurensuche sei auch der Anlass für die zweite investigativen Dokumentation zu den Hintergründen des Attentats, die am 15. Oktober im Bayrischen Fernsehen gezeigt werde.

Ein Einzeltäter - "das kann nicht stimmen, das ist faktisch unmöglich"

Harrich zeigte sich allerdings skeptisch, dass sich tatsächlich nach 35 Jahren doch noch Licht in die Aufklärung des Oktoberfest-Attentats bringen lässt: "Viele Spuren, die damals vorlagen sind heute nicht mehr verwendbar." Er hoffe aber, dass die neuen Ermittlungen dazu führten, die bisherige offizielle Variante zu widerlegen: Dass der Attentäter, der rechtsradikalen Studenten Gundolf Köhler, ein früherer Anhänger der paramilitärischen rechtsextremistischen "Wehrsportgruppe Hoffmann", eben nicht, wie von den Ermittlern angenommen, "alles allein geplant und durchgeführt hat". Er hoffe, dass die neuen Ermitttler "den Job, den ihre Vorgänger miserabel, wenn nicht skandalös strafbar, dreckig und falsch bewerkstelligt haben, hier im positiven Sinn gut machen", um am Ende festzustellen: "Das stimmt nicht, das kann nicht stimmen, das ist faktisch nicht möglich, und das wäre an sich schon mal ein ganz große Schritt für die Angehörigen und die Opfer dieses Attentats."

Recherche zur Rolle des damaligen bayrischen Staatsschutzchefs Hans Langemann

Als "einmalig und skandalös" bezeichnete Harrich die Aktion des damaligen Leiters der Abteilung Staatschutz in Bayern, Hans Langemann. "Ob er direkt von Strauß gesteuert, angewiesen wurde oder nicht, das ist noch im Rahmen unserer aktuellen Recherchen (...). Andersrum gesehen, die große Frage, die es zu beantworten gilt, ist: Von welcher Ebene wurde angewiesen, weil das vertuscht wurde, dass hier ganz klar agiert wurde, um diese Verbindungen, ich sage mal, das Unterschätzen, im mindesten Sinne, des Rechtsterrorismus durch die politische und staatsorganische, also die ermittlungstechnische und Präventivebene des Staatsschutzes – das ist ganz klar und das liegt auf der Hand, das ist absolut nachweisbar, die haben versagt und haben, um sich selber und die politische Ebene drüber zu schützen, vertuscht und gedeckelt."

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Das vollständige Interview im Wortlaut:

Ute Welty: München feiert das 182. Oktoberfest in 205 Jahren, aber in diesem Jahr, und speziell heute, da ist der eine oder andere vielleicht nicht nur fröhlich unterwegs, denn in diesem Jahr und eben heute jährt sich das Oktoberfestattentat vom 26. September 1980. Es ist also genau 35 Jahre her, dass 13 Menschen getötet und mehr als 200 durch eine Rohrbombe verletzt werden.

O-Ton Augenzeugen:Ich kann Ihnen von mir aus sagen, dass ich nur einen Blitz gesehen habe und ich bin dann nach vorne geflogen. / Der ganze Eingang hier, der Boden blutüberströmt, Tote und Schwerverletzte, wohin man schaut.

Ute Welty Augenzeugen vom 26. September 1980, und keiner von ihnen wird jemals vergessen können, was damals geschehen ist. Einer, der nicht vergessen will, ist der Regisseur Daniel Harrich, er hat schon einen Spielfilm über das Oktoberfestattentat gemacht, "Der blinde Fleck", und gerade arbeitet er an einer Fortsetzung. Guten Morgen, Herr Harrich!

Daniel Harrich: Schönen guten Morgen!

Welty: Hauptfiguren Ihres Films waren der Journalist Ulrich Chaussy und der Anwalt Werner Dietrich, die auch im realen Leben zum Oktoberfestattentat umfassend recherchiert haben. Was hat Sie jetzt veranlasst, eine Fortsetzung zu drehen? Welche neuen Erkenntnisse gibt es?

Harrich: Sie hat mit dem Spielfilm "Der blinde Fleck" letztes Jahr mit dazu beigetragen, dass der Generalbundesanwalt, also die höchste juristische Ebene, die wir in unserem Land haben, die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat nach über 34 Jahren wieder aufgenommen hat, das ist am 11. Dezember 2014 so geschehen. Das haben wir uns, als wir den Film gemacht haben, nicht vorstellen können. Als das passiert ist, ist es für uns wie die Schuppen von den Augen gefallen, das war ein ganz besonderer Tag, ein ganz besonderes Erlebnis, und gleichzeitig für uns die Erfahrung, dass wir im dokumentarischen Sinne weitermachen werden. Da muss man einfach auch dem ARD-Sender und hier insbesondere dem BR, dem Bayrischen Rundfunk, danken, die am 15. Oktober wieder, zum zweiten Mal in diesem Jahr, einen Themenabend, einen Schwerpunkt zum Oktoberfestattentat von 1980 bringen, eben mit dem Spielfilm "Der blinde Fleck", gefolgt von jetzt eben der zweiten neuen, investigativen Dokumentation zu den Hintergründen. Da arbeiten wir konstant dran, wir drehen auch heute, am Jahrestag des Attentats wieder mit Werner Dietrich und Ulrich Chaussy und vielen anderen an einer Gedenkveranstaltung, die natürlich dieses Jahr, im 35.Jahr, in einem ganz anderen Licht erscheint. Das ist nicht mehr das Licht des Erinnerns an die Tat, an die kaum mehr einer denkt, sondern das ist die Erinnerung an den schwersten Anschlag in der Geschichte unseres Landes, der mal in Vergessenheit geraten war, aber heute wieder so präsent ist, wie es ihm auch gebührt.

Die Ermittler haben damals schon selbst nicht an die Einzeltäterthese geglaubt

Welty: Nach dem Attentat ist man davon ausgegangen, dass Gundolf Köhler der Täter war, und zwar der einzige Täter, ein junger Mann mit rechtsradikalem Hintergrund, Mitglied der berüchtigten Wehrsportgruppe Hoffmann, der auch ums Leben gekommen ist. Nach dem, was Sie heute wissen, ist diese Theorie vom Einzeltäter noch haltbar?

Harrich: Das Spannende an der ganzen Geschichte ist, dass die Ermittler – und ich kenne mittlerweile doch zahlreiche – damals schon selbst nicht an die Einzeltäterthese geglaubt haben. Das Spannende ist – und das ist die große Frage –, warum haben sie sie dann trotzdem als, ich sage mal, offizielle Version festgesetzt? Lag es daran, dass sie einfach keine anderen Spuren hatten, dass sie nicht weitergekommen sind, wurden sie behindert, oder, wie es den Anschein hatte, gab es ein systematisches Wegschauen, Wegsehen, das entweder aus politischem Schutzdenken in Bayern kam, oder, was das Wahrscheinlichste ist, einfach ein gewisses Selbstschutzverhalten? Wie heute wollte man damals genau so wenig Rechtsterrorismus in Deutschland haben, und wegschauen ist ein Schutzmechanismus, das ist eine Alternative. Wenn man wegschaut, hat man etwas nicht, und das gilt eben auch für den Rechtsterrorismus. Insbesondere im individuellen Bereich, wenn es um die Staatsschützer geht, um die Leute, deren Aufgabe eben ist, den Rechtsterrorismus zu überwachen, und gesellschaftlich brauchen wir uns gar nicht besser darzustellen – auch wir als Medien haben über Jahrzehnte hinweg Dinge nicht gesehen, Dinge nicht gewusst und sich auch irgendwo blenden lassen, ansonsten hätten nach dem Oktoberfestattentat Dinge wie NSU oder noch davor die Asylbewerberheime, die in den 90er-Jahren gebrannt haben, das hätte möglicherweise verhindert werden können beziehungsweise andersrum, man hätte es wenigstens auf dem Schirm haben können. Das war nicht der Fall.

Welty: Ihr Film geht ja davon aus, dass bei den Ermittlungen manipuliert wurde, dass der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß auch in dieser Angelegenheit tätig war. Auf der anderen Seite hat Ihr Film dazu geführt, dass Beweismittel zugänglich wurden, die als vernichtet galten – ist die bayrische Politik heute eine andere als vor 35 Jahren?

Harrich: Ich würde auch gar nicht mal davon ausgehen, und ich habe auch keine Beweise dafür, dass irgendwie seitens Herrn Strauß irgendwie Einfluss auf die Ermittlungen genommen wurde ...

Welty: Er wird zitiert in dem Film mit dem Satz, "Jetzt lassen Sie sich was einfallen".

Harrich: Wenn Sie das als Einflussnahme sehen, dann muss man sagen, wird wahnsinnig viel Einfluss auf Ermittlungen seitens der Politik auch in unserem demokratischen System genommen, aber das ist keine einmalige Situation. Was einmalig und skandalös war, ist die Reaktion und die Aktion des damaligen Staatsschutzschefs in Bayern, Langemann. Ob er direkt von Strauß gesteuert, angewiesen wurde oder nicht, das ist noch im Rahmen unserer aktuellen Recherchen und bei hoffentlich auch der Ermittlungen der Bundesanwälte, die wirklich sich des Falls sehr aktiv und mit vollem Herzen – so scheint es auf jeden Fall – angenommen haben. Andersrum gesehen, die große Frage, die es zu beantworten gilt, ist, von welcher Ebene wurde angewiesen, weil das vertuscht wurde, dass hier ganz klar agiert wurde, um diese Verbindungen, ich sage mal, das Unterschätzen, im mindesten Sinne, des Rechtsterrorismus durch die politische und staatsorganische, also die ermittlungstechnische und Präventivebene des Staatsschutzes – das ist ganz klar und das liegt auf der Hand, das ist absolut nachweisbar, die haben versagt und haben, um sich selber und die politische Ebene drüber zu schützen, vertuscht und gedeckelt.

Viele Spuren sind nicht mehr verwendbar

Welty: Glauben Sie, dass das Oktoberfestattentat jemals vollständig aufgeklärt sein wird?

Harrich: Ich denke, die Hoffnung aufzugeben, wäre ein Fehler. Gleichzeitig muss man aber realistisch sagen, die Ermittlungen wurden nach 34 Jahren wieder aufgenommen, wir sind jetzt am 26. September 2015, also genau 35 Jahre nach dem Attentat. Viele Spuren, die damals vorlagen, sind heute nicht mehr verwendbar. Viele Hinweise, die damals vielleicht geholfen hätten, irgendwie Klärung dem Fall beizubringen, die sind heute nicht mehr aktuell. Es ist schwierig. Ich denke, Hoffnung aufgeben ist falsch, ich glaube aber, dass absolut richtig ist, immer weiter daran zu erinnern, immer weiter nachzuforschen, und jetzt im guten Glauben an die Bundesanwaltschaft – und anders kann ich das in dem Moment auch gar nicht formulieren –, in der Hoffnung, dass sie den Job, den ihre Vorgänger miserabel, wenn nicht skandalös strafbar, dreckig und falsch bewerkstelligt haben, hier im guten, positiven Sinne gut machen, jeden Stein umdrehen, jeder Spur nachgehen und am Ende möglicherweise wenigstens eines feststellen – und ich glaube, das kann man nicht mehr von der Hand weisen –, die offizielle Variante, der Einzeltäter Gundolf Köhler, der das ganze allein geplant und durchgeführt haben soll, das stimmt nicht, das kann nicht stimmen, das ist faktisch nicht möglich, und das wäre an sich schon mal ein ganz großer Schritt für die Angehörigen und Opfer dieses Attentats.

Welty: Regisseur Daniel Harrich über den Stoff, aus dem die Alpträume sind – er arbeitet an einem zweiten Film über das Oktoberfestattentat. Herr Harrich, ich danke hier für das Gespräch in "Studio 9", das wir aufgezeichnet haben!

Harrich: Vielen herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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