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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.06.2015

"3000 Euro" am Münchner VolkstheaterDie Erniedrigung der Gestrauchelten

Von Christoph Leibold

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Der Autor Thomas Melle (dpa/picture alliance/Arne Dedert)
Der Autor Thomas Melle (dpa/picture alliance/Arne Dedert)

Mit dem Roman "3000 Euro" über einen arbeitslosen Akademiker und eine alleinerziehende Kassiererin stand Thomas Melle auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ist das der soziale Rand? In der Bühnenfassung hält Regisseurin Brit Bartkowiak den Zuschauern den Spiegel vor.

Anton, arbeitsloser Akademiker, ist in die Obdachlosigkeit gerutscht und hat 3000 Euro Schulden. Denise, alleinerziehende Supermarktkassiererin, wollte ihren spärlichen Lohn mit einem Pornodreh aufbessern. Doch die windige Filmfirma überweist einfach das Honorar von 3000 Euro nicht. Der Kampf um 3000 Euro: für Denise und Anton wird er zum Kampf um die eigene Würde und gegen den Abstieg.

Luise Kinner, neu im Ensemble des Münchner Volkstheaters, spielt Denise mit trotzigem Behauptungswillen. Oliver Möller, Spezialist für Borderline-Typen, ist als Anton etwas zu weit aus der Spur. Seine fiebrige Erregung liegt nah beim Irrsinn. Das konterkariert den Ansatz von Regisseurin Brit Bartkowiak, Denise und Anton eben nicht als pathologische Sonderlinge, sondern als ganz normale (wenn auch ins soziale Abseits gedrängte Menschen) zu zeigen. Bartkowiaks clevere Idee: Die Schauspieler agieren immer wieder mitten im Publikum. Wir Zuschauer sehen uns selbst in einem großen Spiegel an der Bühnenrückwand – und Melles Figuren mitten unter uns. Deren Probleme könnte auch unsere sein.

"Ich will nicht mehr begutachtet werden!"

Thomas Melles Bühnenbearbeitung des eigenen Buches verschränkt, wie man das von vielen Romanadaptionen im Theater kennt, Erzählung und Dialoge. Das funktioniert gut, bietet aber nur eine Readers‘ Digest-Fassung. Eine neue Perspektive auf den Stoff eröffnet es genauso wenig wie die Regie von Brit Bartkowiak, die vor allem illustriert. Das aber ansprechend und mit simplen Mitteln handwerklich versiert. Da wird eine zusammengeknüllte Jacke unterm Hemd zum Schwangerschaftsbauch von Antons Ex-Freundin oder wahlweise zur Bierwampe des Vaters von Denise in der Kneipe.

Pascal Fligg und Mara Widmann kümmern sich um sämtliche Nebenfiguren: Freunde und Verwandte von Anton und Denise, Sozialarbeiter, Behördenvertreter, Kneipenbegegnungen. Fligg nimmt sich vor allem einer Reihe von Machos und Klemmis an und bleibt zuweilen im Karikieren und Markieren von Proll-Posen stecken. Bei Widmann indes sind die Berufsbesorgten gut aufgehoben. Der Hang der Gutmenschen zur Besserwisserei geht Anton gehörig auf die Nerven. Und noch mehr an die Nieren. "Ich will nicht mehr begutachtet werden!" – entfährt es ihm ein ums andere Mal.

Das Erniedrigendste an der Armut ist nicht, dass man sich nichts mehr leisten kann. Entwürdigend ist vor allem, wie alle einen bevormunden, ja herablassend behandeln. In der Überheblichkeit von Widmanns Figuren scheint auch die Erleichterung auf, nicht selbst zu den Gestrauchelten zu zählen – gepaart mit der Angst, doch irgendwann aus der Mitte der Gesellschaft an den Rand zu geraten. Auch darin können wir Theaterzuschauer uns selbst erkennen wie in einem Spiegel.

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