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Freitag, 20.09.2019
 
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Die Reportage | Beitrag vom 01.09.2019

30 Jahre "Station 17"Wenn Inklusion rockt

Von Axel Schröder

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Für Freistil So, 01.09.2019 Die Pop-Inklusion Die Band Station 17 wird 30 Von Joachim Palutzki Regie: Susanne KringsRedaktion: Klaus Pilger Produktion: Dlf 2019 (Deutschlandradio / Simon Hegenberg)
Die Mitglieder des Bandprojektes "Station 17" von 2019. (Deutschlandradio / Simon Hegenberg)

Sie wollten raus aus der geschlossenen Wohngruppe, wurden zu einem Vorzeigeprojekt für die Inklusion und machen noch immer das, was sie am besten können: Musik. Die Band "Station 17" wird 30 Jahre alt.

"Ja, doch – ich habe schon sehr Lampenfieber. Aber ich werde Druck geben! Ich denke gar nicht darüber nach, ob ich es falsch oder richtig mache. Ich mache es einfach! Ich schaffe das schon."

Siyavash ist Sänger und Percussionist bei "Station 17". Neben ihm auf dem Sofa sitzt sein Bandkollege Sebi und nickt. Eine Hand an seinem buschigen Vollbart. Von den heute neun Bandmitgliedern ist Sebi am längsten dabei. Er ist blind. Hatte von klein auf Orgelunterricht. Und Synthesizer spielen geht dann auch, erzählt er.

Die Idee zur Band, in der Menschen mit und ohne Behinderung zusammen spielen, ist Ende der 80er-Jahre entstanden. Und was damals als Experiment begann, entwickelte sich schnell zur professionellen Band "Station 17". Mit mittlerweile elf produzierten Alben. Natürlich funktioniert es, Barrieren und Behinderungen durch Musik zu überwinden, sagt Alex, der Schlagzeuger der Band:

"Wir haben eine gemeinsame Sprache entwickelt und das ist was, was über die Musik sehr gut seinen Ausgangspunkt nehmen kann. Weil Musik ohnehin schon sehr nonverbal kommuniziert und etwas beinhaltet, was unabhängig von der kognitiven Leistung her verstanden werden kann."

Clubauftritt mit Gebärdensprachlerin  

Auf der Bühne winkt ein Bandkollege, die drei müssen los, zum Soundcheck. Oben im Konzertraum ist mittlerweile auch Andreas Dorau angekommen. Im Musikgeschäft seit den frühen 80er-Jahren, unterstützt er "Station 17" immer wieder. Die Hände in den Jackentaschen erklärt Dorau, was ihn an der Zusammenarbeit für das Album "Bravo" so gereizt hat.

"Was ich an dem ganzen Album toll fand, war – für Remixe – dass die Vocals und die Texte total atmosphärisch waren, man relativ wenig machen musste, weil die schon allein so toll und frei waren, dass das sehr assoziativ war. Und das ist, glaube ich, auch das, was ich an der Band grundsätzlich schätze."

Die Bühne in Hildesheim am späten Abend. (Deutschlandradio / Axel Schröder)Dichte Klänge, wummernde Bässe, psychedelischer Pop. Die Musik von `Station 17´ ist tanzbar. (Deutschlandradio / Axel Schröder)

Drei Stunden später ist der Club, das "Übel und Gefährlich", brechend voll. Die Show beginnt. Vorn hält Siyavash, was er vor dem Konzert versprochen hat: Er macht Druck, vergisst sein Lampenfieber. Neben den neun Musikern liefert eine Gebärdensprachlerin eine ganz eigene Performance, übersetzt nicht nur Texte, sondern, mit ihrem ganzen Körper, auch die Musik. Es gibt Gastauftritte von Andreas Dorau, Andreas Spechtel, von Fettes Brot, Stritzi Streuner von Frittenbude und Michael Rother, einem der Kraftwerk-Gründer. Zwei Stunden lang ist der Raum von den dichten "Station 17"-Klängen erfüllt, abwechslungsreich, energiegeladen, ein dicker Klangteppich. Nach dem Konzert wird hinten im Backstage-Raum gefeiert.

Die Idee zur Gründung von "Station 17" hatte Kay Boysen. Der Punkmusiker arbeitete Ende der 1980er-Jahre als Heilerzieher, unter anderem mit den Bewohnern der "Station 17", einer geschlossenen Wohngruppe auf dem Gelände der Stiftung Alsterdorf im Norden Hamburgs. Boysen sitzt in einem Straßencafé im Hamburger Schanzenviertel, vor sich einen Milchkaffee, erzählt davon, wie er darauf kam, mit den geistig behinderten Bewohnern der "Station 17" Musik zu machen.

Melodiefetzen hinter verschlossenen Türen  

"Das war ein sehr, sehr isolierter Ort. In Konzerte gehen oder der Konsum von Kultur war dort nicht üblich. Es kam niemand auf die Idee, mal mit jemandem rauszugehen in ein Museum oder ein Theater oder ein Konzert. Das, was sozusagen zu den Menschen vordrang war Fernsehen und Radio. Und das, was dort an Geräuschen und Sounds und kulturellen Eindrücken gab, wurde verarbeitet und das geschah überwiegend nachts. Indem die Dinge wiederholt wurden. Man hörte Zitate von irgendwelchen Schlagern, die dann vor sich hin gesummt wurden oder Melodienfetzen, die du dann irgendwann assoziiert hast: Ist das jetzt ein Volksmusikschlager oder: Wo kommt das jetzt gerade her?"

Immer, wenn er Nachtwache hatte, vermischten sich die Geräusche, der Gesang der Behinderten mit seinen eigenen Ideen für neue Musikstücke, sickerten in seinen Schlaf ein.

"Und dann wurde aus den Phantasien einfach der Wunsch, das Ganze mal hörbar zu machen, so dass auch andere Menschen das, was ich mir vorstellte, auch zu hören kriegen."

Also fragte Kai Boysen bei einem Kumpel mit einem Tonstudio nach, bekam die Zusage und fand schnell die ersten Bewohner der "Station 17", die raus wollten aus der Welt der geschlossenen Abteilung.

"Die geschlossene Tür der Wohngruppe ging auf, man ging raus, setzte sich in ein Auto, fuhr irgendwo hin – das war das Tonstudio – dort gab es Kaffee und Kuchen und dann machte man irgendwas miteinander. Dieses Rausgehen, das war sozusagen der eigentliche Antrieb. Nicht: Ich mache jetzt Musik mit Kai Boysen, sondern eher: Ich mache etwas Schönes! Deswegen heißt auch der erste Song, den wir aufgenommen haben "Autofahren". Weil Thorsten Grimm, den wir damals mit eingeladen haben ins Studio, als wir sagten: 'Los, sing doch mal was, lass uns was zusammen singen' – immer nur gesagt hat: 'Autofahn!' 'Und, was interessiert Dich?' 'Autofahn!' 'Und worüber wollen wir singen?' 'Autofahren!' Also hieß der Song: 'Autofahn!'"

1990 bringt die Band das erste Album heraus. Lauter experimentelle Stücke, in denen die Rufe, Sätze, die Geräusche der geistig behinderten Bandmitglieder zusammengemischt werden mit experimenteller Rockmusik.

Hype nach dem zweiten Album 

"Daran hing dann aber auch die Frage: wenn wir es veröffentlichen, müssen wir von vornherein ausschließen, dass uns irgendwelche kommerziellen Interessen unterstellt werden. Und so wurde das Ganze als Benefizprojekt angelegt, wo gesagt wurde: alle Einnahmen sollen der Fortführung dieser Arbeit dienen…"

…und genau so wurde es gemacht, erzählt Kai Boysen. Das erste Album spielt zwar weniger Geld ein als gedacht, aber für die Einrichtung eines ersten Proberaums reicht es. "Station 17" wagt die ersten Konzerte, wird dafür gefeiert. Und das zweite Album begeistert auch die Feuilletons. Das "Zeit Magazin" bringt die "Station 17"-Story, danach die Süddeutsche Zeitung, der Stern. Es entstand, erzählt Kai Boysen im Straßencafé, ein regelrechter Hype um die Band:

"Weil wir Tabus gebrochen hatten, Grenzen überschritten hatten, Einstellungen anders interpretiert haben oder anders Dinge gesehen haben, auch anders gehandelt haben, als das in der pädagogischen, der heilpädagogischen Welt üblich war. Wir haben uns dieser Welt auch nie zugehörig gefühlt, auch wenn ich diesen Beruf damals erlernt habe und auch Sozialpädagogik in der Zwischenzeit studiert hatte, ging es immer um den künstlerischen Ausdruck, um das Individuum und niemals um irgendeine Form von Behandlung, Therapie oder sonst was."

Für Freistil So, 01.09.2019 Die Pop-Inklusion Die Band Station 17 wird 30 Von Joachim Palutzki Produktion: Dlf 2019 Redaktion: KLaus Pilger (Deutschlandradio / Thomas Liehr)Mitglieder des Bandprojektes "Stadion 17" von 2008. (Deutschlandradio / Thomas Liehr)

Und natürlich, lacht Boysen, sind Konzerte wie die zum 30-jährigen Bandjubiläum eine großartige Sache. Etwas, dass ihn, so Boysen, ein klein bisschen stolz macht.

Von der alten Band ist heute niemand mehr dabei. Er selbst ist 2003 bei "Station 17" ausgestiegen, hat das Projekt hinter den Kulissen weiterentwickelt. Die neue, zehnköpfige Band ist heute Teil der von Boysen mit aufgebauten "Barner 16", einem, wie auf der Homepage zu lesen ist, "inklusiven Netzwerk für Kulturproduktionen", benannt nach dem Standort, der Barnerstraße 16 in Hamburg-Altona. Mittlerweile gibt es dort nicht nur sechs Bands, sondern auch Film- und Videoprojekte, Theater-, Tanz-, Performance- und Literaturgruppen und eine Siebdruck-Werkstatt.

Die Hälfte der Band hat eine Behinderung

Immer freitags treffen sich hier die Mitglieder von "Station 17" zur gemeinsamen Bandprobe. Zwei schallgeschützte Räume gibt es, aus denen die Musik bis auf den breiten Flur hinaus schallt.

Gerade wird "Alles für alle" geprobt. Mit Sebastian Stuber, Christian Fleck und Philip Riedel an Keyboards und Synthesizern, mit dem Percussionisten Siyavash Gharibi, mit Marc Huntenburg am Saxophon, Ernesto Schnettler und Nils Kempen an der Gitarre und Hauke Röh am Bass. Und einem neuen Schlagzeuger, der beim nächsten Konzert für Alex Tsitsigias einspringt. Es gibt genauso viele behinderte wie nicht-behinderte Bandmitglieder. Schon in einer Woche steht ein Konzert in Hildesheim an. Und die Stücke sitzen noch längst nicht so wie sie sollen.

Christian Fleck, der künstlerische Leiter der Band, steht hinter seinem Synthesizer. Wie Kai Boysen hat auch Christian Fleck eigentlich zwei Berufe: Er ist Musiker und hat soziale Arbeit studiert. Anfang der Nullerjahre hatte ein Mitglied nach dem anderen die Band verlassen. Vor allem, weil die Arbeit – die Proben für die Konzerte – auf freiwilliger Basis stattfand. Christian Fleck gehörte zu denen, die "Station 17" neues Leben einhauchten, die Musiker castete, die ins Bandkonzept passten.

Soundcheck binnen Minuten: Christian Fleck ist der künstlerische Leiter der Band. (Deutschlandradio / Axel Schröder)Soundcheck binnen Minuten: Christian Fleck ist der künstlerische Leiter der Band. (Deutschlandradio / Axel Schröder)

Mittagspause für die Musiker. Im kleinen Kantinenbereich der "Barner 16" sitzen sie zusammen mit Mitgliedern des Theater-Zweigs, aus der Literatur-Werkstatt, der Performance-Gruppe. Sebi, der Keyboarder von "Station 17" ist schon fertig mit dem Essen. Neben ihm lehnt sein Blindenstock. Sehen kann er nichts. Dafür aber umso besser und sehr genau schräge von sauberen Tönen unterscheiden:

"Ich hatte damals auch schon Schwierigkeiten mit dem absoluten Gehör. Weil ich in der Frühförderung war und dann gab es einige Leute, die konnten dann nicht so gut singen und haben dann ein Geburtstagsständchen gesungen. Und dann gab es irgendwelche Leute, die schief gesungen haben. Ich habe dann tierisch angefangen zu flennen, weil das einfach nur schrecklich war für mich. Es klang halt einfach Scheiße und da hab ich dann einfach nur geflennt."

Die Aufnahmen der beiden letzten Alben, "Blick" und "Ausblick", erzählt Sebi, seien großartig gewesen. Im "Wattensound"-Tonstudio in Niebüll hatte die Band drei Wochen lang zusammen mit anderen Musikern neue Songs entwickelt. Mit Andreas Dorau, mit Ulrich Schnauss oder Andreas Spechtl.

"Und da haben wir eigentlich nicht mal eine Tonart abgesprochen. Jemand hat einfach eine Atmosphäre gemacht und dann haben sich die anderen draufgesetzt. Und das hat eigentlich immer gepasst. Und das ging teilweise echt ein, zwei Stunden lang eine Session. Und dann wurden halt die besten Sachen nachher rauseditiert, rausgeschnitten."

Ernesto muss Akkorde länger üben 

Der Rest der Band sitzt draußen im sonnigen Hof, raucht selbstgedrehte Zigaretten, trinkt eiskalte Cola. Mit dabei ist auch Ernesto Schnettler, Gitarrist bei "Station 17" und ein guter Freund von Sebi. Auch er trägt Käppi, Brille, T-Shirt. Sebi hatte ihn überhaupt erst auf die Idee gebracht, mitzumachen. 

"Du bist Ernesto?"

"Ja, ich bin Ernesto!"

"Und Du hast eine Behinderung? Ich hätte jetzt überhaupt keine Idee, was für eine."

"Eine Lernschwäche, sag ich mal. Deswegen übe ich so lange, wenn neue Sachen kommen. Und brauche dann auch etwas länger als die anderen. Sebi ist da ein bisschen schneller als ich, weil er auch ein besseres Gehör hat. Noten kann ich gar nicht. Ich präge mir die Melodie ein. Fingersätze lerne ich. Ich muss viel üben. Auch Akkorde, freie Akkorde. Wander-Akkorde nennen wir die. Ja – funktioniert…!"

Christian Fleck nickt rüber. Die Proben gehen weiter, die beiden wieder rein.

Kay Boysen, der "Station 17"-Gründer, wirkt wie einer, der den Erfolg der Gruppe, die Wiedergeburt nach dem Auseinanderfallen der ersten Bandformation immer noch nicht ganz fassen kann. Das aus einer fixen Idee im Halbschlaf etwas entstehen konnte, das so viel kreativen Raum für Behinderte schafft. Kümmert sich die Gesellschaft, kümmert sich der Staat heute besser um Menschen mit Behinderung als vor 30 Jahren? Gibt es für behinderte Menschen heute mehr Möglichkeiten, ihre Chancen und Talente zu nutzen?

Teilhabe umsetzen – dauert lange 

"Die Situation, in der Menschen mit Behinderung heute leben, ist überhaupt nicht vergleichbar mit der, wie ich vorgefunden habe in den frühen 80er-Jahren. Wenn man sich die Gesetze anguckt, könnte man eigentlich denken, alles ist super. Aber oftmals ist das Geld nicht da für das, was der Gesetzgeber fordert. Es ist ein langer Prozess bis diese Teilhabe komplett umgesetzt wird. Da geht’s los mit Ausbildung, da geht es los mit Schule, da geht es los mit ganz, ganz vielen Aspekten."

Und immer noch, erzählt Kay Boysen, gibt es riesengroße Unterschiede zwischen Behinderteneinrichtungen auf dem Land und solchen in größeren Städten, zwischen einem rudimentären und einem guten Angebot für körperlich oder geistig Behinderte. Dazu kommt: Die Bandmitglieder von "Station 17" mit Handicap dürfen nur maximal 232 Euro verdienen, die anderen, wie der künstlerische Leiter Christian Fleck, bekommen Tariflöhne. Für die sie nicht nur Musik machen, sondern auch die Bandarbeit, die Musikstunden, den Gesangsunterricht organisieren oder das Equipment in Schuss halten.

"Der Verdienst in den Werkstätten liegt deutlich unter dem, was der Mindestlohn ist. Es geht ja darum, dass Werkstätten wirtschaftlich sein müssen. Und wenn jetzt alle Werkstätten plötzlich den Mindestlohn bezahlen, dann funktioniert das ganze System nicht mehr. Weil die Werkstätten nur noch das machen, was Geld bringt und alle nur noch Gärtnerbetriebe machen."

Die "Station 17"-Mitglieder werden in jedem Fall später auch eine Rente kriegen. Das sei immerhin schon mal was, sagt Boysen. Am Ende zählt natürlich auch, dass ein Kulturbetrieb wie die "Barner 16" behinderten Menschen Freiräume eröffnen kann, die sie in den meisten anderen Einrichtungen nicht haben. Dass auf der Bühne, bei Konzerten die Grenzen zwischen Behinderung und Nicht-Behinderung verschwimmen. – Kay Boysen ist froh, dass er von Anfang an dabei war. Auch nach anderthalb Stunden Interview sprudeln die Erinnerung, die Anekdoten der Bandgeschichte nur so aus ihm heraus: Die Einladung in den Backstage-Bereich beim Depeche Mode-Konzert in Hamburg, zusammen mit lauter VIPSs oder die Überraschungen, mit denen die Band bei Live-Auftritten klarkommen musste.

Gelebtes Experiment vor Publikum

"Wir wussten nie, was die behinderten Musiker in dieser Band quasi als nächstes tun. Sie konnten aufhören, sie konnten von der Bühne gehen, sie konnten sich streiten, sie konnten wahnsinnige Dinge tun, mit denen wir gerade nicht gerechnet haben. Sich ausziehen zum Beispiel. Oder von der Bühne gehen und Frauen anbaggern. Oder eben sozusagen plötzlich ein anderes Instrument nehmen als sie es am Tag vorher gemacht haben. Oder einfach sozusagen Sachen wie: Jetzt bin ich so laut, dass alle anderen still sein müssen, weil nichts mehr geht. Und dieses Experiment, das wir auf der Bühne vollzogen, das fand vor Publikum statt. Das heißt, wir ließen uns dabei zugucken, wie wir auch scheiterten, wie wir unsicher wurden und wie wir miteinander umgingen."

Saxophonist Mark lässt auf sich warten. Ansonsten packt im Hof der "Barner 16" die ganze Band mit an, verstaut Gitarrenkoffer, Verstärker, Mikrofonständer, unzählige Blechkisten voller Equipment in den Transporter der "Barner". Hauke , Bassist bei "Station 17" und der Hamburger Band "Schrottgrenze", steht kopfschüttelnd hinten an der Ladefläche, schaut erst in den vollen Kofferraum, dann auf die Kisten, die noch rein müssen.

Die einen steigen in den Wagen mit dem Equipment, der Rest in den größeren Bus. Aber noch kann es nicht losgehen. Die Musikanlage ist ausgefallen, eine Sicherung durchgebrannt. Und weil eine Konzerttour ohne Musik gar nicht geht, wird erst noch ein kleiner Ghettoblaster organisiert. Mit einer guten Stunde Verspätung geht es los. Durch den Hamburger Stadtverkehr, über die Autobahn 7, in Richtung Hildesheim.

Die Band in einem Tourbus auf dem Weg zum Auftritt.  (Deutschlandradio / Axel Schröder)"Station 17" auf Tour – hier auf der A 7 von Hamburg nach Hildesheim. (Deutschlandradio / Axel Schröder)

Christian Fleck, der künstlerische Leiter der Band, lehnt mit dem Baseball-Käppi an der Seitenscheibe, schaut raus auf das Grün der vorbeiziehenden Lüneburger Heide unter strahlend blauem Himmel.

"Ich würde mir wünschen, dass der inklusive Kontext irgendwie weiter wächst! Dass es diese Stigmatisierung gar nicht mehr gibt. Ist das jetzt nur interessant, weil wir eine inklusive Band sind? Oder ist das interessant, weil wir gute Musik machen? Werden wir gefeiert dafür, dass da Menschen mit Down-Syndrom auf der Bühne stehen oder werden wir dafür gefeiert, dass es gute Musik ist und vielleicht auch die Grenzen dabei verschwimmen. Wer ist denn da jetzt behindert von denen, die da auf der Bühne stehen und wer nicht? Wenn ich mir ein Konzert von uns von ziemlich weit hinten anschauen würde bei einem Festival, ist das, glaube ich, auch nicht so klar, wer da jetzt ein Handicap hat und wer nicht."

Marc kriegt die Krise

Drei Stunden dauert die Fahrt. Dann parkt der Transporter neben einem Maisfeld, sechs Kilometer von Hildesheim entfernt. Nicht in der Stadt, sondern auf dem Kulturcampus der Domäne Marienburg, im riesigen Garten eines alten Ritterguts, findet das Open Air statt. Im weitläufigen Hof bieten Stände Essen und Trinken, das Durchschnittalter der Gäste: etwa 50 Jahre. Die Besucher sitzen in der prallen Sonne, trinken Radler oder Bier, stehen Schlange an den Buden. Christian Fleck staunt:

"Das ist das geilste Festival ever – die Leute, Falafel, Burger, Crazy Chicken, Limo. Sieht aber wirklich alles sehr lecker aus."

Gleich mehrere kleine Bühnen sind aufgebaut. In einer zeigt ein Kinderorchester, was es auf der Geige kann. Gleich daneben, im ersten Stock ist der neonbeleuchtete Cateringbereich für die Künstler des Festivals eingerichtet. Auf dem schon halb abgeräumten Buffet: angetrocknete Bagel, Äpfel und Birnen. Dazu gibt es lauwarme Säfte aus Plastikflaschen und Leitungswasser mit Minzblättern. Bassist Hauke Röh und die anderen zucken mit den Schultern. Man kann nicht alles haben.

"Jetzt machen wir das, was wir am allerbesten können. Nämlich abwarten, bis wir den Soundcheck machen können. Aber solange genießen wir das Catering. Die tollen Hummus-Bagels."

Ausruhen vor dem Auftritt: Die Band sitzt auf Bänken und stärkt sich im Park.  (Deutschlandradio / Axel Schröder)Ausruhen vor dem Auftritt: Die Band stärkt sich im Park. (Deutschlandradio / Axel Schröder)

Auch der Soundcheck hat sich verschoben und muss kurz vor dem Auftritt gelingen. Die Band hat noch vier Stunden Zeit und von draußen schallt eine Violinenversion von "Hänschen Klein" durchs Fenster. Saxophonist Marc ist das alles zu viel. Er kriegt die Krise. Das Gesicht in den Händen vergraben, aufgestützt auf einen der kahlen Tische, sagt er jetzt gar nichts mehr. Schmeißt einen Becher um.

Es ist eine dieser Überraschungen, von denen Band-Gründer Kay Boysen erzählt hat. Mit der alle anderen irgendwie umgehen müssen. Heute lassen sie ihren Bandkollegen einfach schmollen, erkunden unterdessen das Gelände, den weiten Garten die Hauptbühne, auf der sie nachher spielen werden. Unter uralten hohen Eichen. In dreieinhalb Stunden.

"Malerisch! Sehr großzügig. So hätte ich das gar nicht erwartet. Ich dachte, wir kommen an einem Campus an. Aber das hier ist ja der Kulturcampus. Ist auch ziemlich weit draußen. Auf jeden Fall freue ich mich, wenn ich mir das hier so ansehe. Sieht wirklich großzügig aus."

Hauke ist dennoch skeptisch. Immerhin müssen in einen großzügigen Garten auch viele Konzertbesucher kommen, damit überhaupt Stimmung aufkommen kann. Und bisher sind die Bierbänke im hinteren Teil nicht mal zur Hälfte besetzt. Hier und da sitzen die Menschen auf dem Rasen, ruhen sich aus, unterhalten sich zu den Live-Klängen einer chinesischen Guzheng.

Ein Drittel des Publikums ist schon weg  

Zwei Stunden vor dem Auftritt ist Marc wieder der Alte, kommt runter in den Garten. Eine Stunde, bevor es endlich losgeht, schleppen alle Bandmitglieder von "Station 17" die Instrumentenkoffer und Blechkisten mit dem Equipment neben die Bühne. Und endlich hört die Vorband auf zu spielen. Es ist dunkel geworden, die Rasenfläche vor der Bühne voll mit tanzenden, vor allem jungen Menschen.

Es folgt: ein großes Feuerwerk. Zehn Minuten lang. Während auf der Bühne der Soundcheck in rasendem Tempo läuft.

Ein gutes Drittel des Publikums macht sich auf den Heimweg. Als es endlich losgeht, sind noch rund 300 Besucher da, verteilt über den ganzen, großen Garten: Ganz vorn am Keyboard steht Sebi. Übernimmt die Begrüßung, das Einheizen.

"Wir sind ‚Station 17‘ aus Hamburg und wir freuen uns sehr, hier zu sein! Wir haben ein paar alte und neue Songs mitgebracht. Und der nächste Song heißt ‚Urlaub‘. Passend zum Wetter! Habt Ihr Bock auf Urlaub? Ich höre Euch nicht! Habt Ihr Bock auf Urlaub? – Yeah!"

Alle sind in Aktion. Siyavash trommelt tanzend hinter den Bongos, Christian Flecks ganzer Körper zuckt im Takt der Musik, Hauke Röh wippt mit der Bassgitarre. Langsam wird das Publikum neugierig, kommt näher, fängt an zu tanzen.

Die Musiker der Band "Station 17" stehen auf einer Bühne.  (Deutschlandradio / Axel Schröder)Headliner um Mitternacht: „Station 17“ auf der Bühne in Hildesheim. (Deutschlandradio / Axel Schröder)

Die Band spielt "Regenbogen". Den Song, den sie zusammen mit der Hamburger HipHop-Band "Fettes Brot" aufgenommen haben. Dann einen, der mit Andreas Dorau entstanden ist. Aber vor allem: die eigenen Kompositionen.

Weit nach Mitternacht sind die Männer auf der Bühne erschöpft und glücklich. Und die Konzertbesucher begeistert.

"Ich fand es schon beeindruckend, wie die auch Freude daran hatten und die Leute hier auch so mitgegangen sind! Die sind richtig mitgegangen. Bei dem Keyboarder hat man das fast gar nicht gemerkt, dass er blind ist. Ich war nur am Anfang hier und da habe ich das gesehen, dass ihn jemand da hin geführt hatte."

Vorn auf der Bühne legt ein DJ-Team auf. Unten wird getanzt. Mittendrin auch Saxophonist Marc. Er wiegt im Takt mit einer Unbekannten, umarmt und küsst sie. Zehn Meter schüttelt Christian Fleck den Kopf. Alle Instrumente sind schon verstaut. Sebi und Gitarrist Ernesto stehen schon am Transporter, warten auf Marc und die anderen.

Glücklich und erschöpft um halb zwei Uhr morgens 

"Wir teilen uns ein Zimmer auf Tour. Stimmt’s Sebi? Wir teilen uns ein Zimmer, weil ich Kollege und Kumpel bin. Und helfe ihm dann so auf Tour. Ich sage ihm, wo was ist und dann kriegt er das auch hin. Und auch beim Frühstück immer. Dann mache ich ihm einen Kaffee klar und dann schmiere ich ihm ein Brötchen. Das ist cool immer."

Sebi nickt. Er ist sehr zufrieden mit dem Abend, trotz der kleinen Fehler, die niemand bemerkt hat.

"War ganz gut! Ich habe zwar zwei kleine Verpatzer gehabt. Bei ‚Halbe Portion Glück‘ hab ich einen Texthänger gehabt. Aber ansonsten würde ich jetzt sagen: Es war ziemlich gut!"

"Und Du siehst vielleicht nicht die Menge, aber Du kriegst das mit, wie sie agieren?"

"Ja, denke ich schon. Irgendwann springt ja er Funke auch über. Und dann ist die Stimmung perfekt."

Endlich kommt auch Marc aus der Dunkelheit. Hat sich verabschiedet von seinem Groupie. Um halb zwei sitzen alle in den beiden Bussen. Es geht ins Hotel nach Hildesheim. Ohne Musik, ziemlich erschöpft und sehr zufrieden mit dem Abend. 

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