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Interview | Beitrag vom 07.11.2019

30 Jahre MauerfallWie wichtig ist Freiheit, Bully Herbig?

Bully Herbig im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Michael (Bully) Herbig, Regisseur und Schauspieler, kommt zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Films (dpa/ Tobias Hase)
"Mir war wichtig, dass man in keine Fettnäpfchen steigt." - "Wessi" Michael Herbig hat sich dem Thema DDR und Flucht vorsichtig genährt. (dpa/ Tobias Hase)

Ein bayerischer Komiker verfilmt eine DDR-Flucht – geht das? Bully Herbig hat es mit „Ballon“ getan, dafür jahrelang recherchiert und manche „Wessi-Frage“ gestellt: Etwa, warum man solch eine Flucht wagt? Heute sagt er: "Die Frage stelle ich nicht mehr.“

Axel Rahmlow: Ein 32 Meter hoher, selbstgebauter Heißluftballon, bis zu zwei Kilometer Flughöhe. In einer Gondel, die gerade mal knapp zwei Quadratmeter groß ist, sitzen zwei Familien. Das sind ein paar Eckdaten einer der spektakulärsten Fluchten aus der DDR. Und das ist tatsächlich passiert. 1979. Letztes Jahr war diese Geschichte auch in den deutschen Kinos.

"Ballon" heißt der Film, und jetzt kommt er in eine zweite Kinorunde anlässlich des 30. Jubiläums des Mauerfalls. In rund 100 Kinos wird er zu sehen sein, jetzt am Wochenende, und der Regisseur Michael "Bully" Herbig, der die Geschichte in die Kinos gebracht hat, ist jetzt bei uns.

Herr Herbig, Sie haben die beiden Familien, die das gemacht haben, für Ihren Film getroffen. Haben Sie nachvollziehen können, warum die ihr Leben riskieren für ihre Freiheit?

Herbig: Das ist ja eine längere Geschichte. Ich habe mich allein mit der Story schon einige Jahre beschäftigt. Ich war damals elf, als das passiert ist, und konnte das politisch nicht zuordnen, habe das aber unheimlich aufregend und spannend gefunden, als ich später die erste Verfilmung gesehen hatte in den 80ern. Und mir war eben wichtig, dass die beiden Familien mit im Boot sind, dass man sozusagen sich da Beratung holt, in keine Fettnäpfchen steigt – gerade ich als Westdeutscher, der jetzt eine Geschichte erzählt, die über zwei ostdeutsche Familien erzählt.

"Ich hab so ganz typische Wessi-Fragen gestellt"

Da war es mir natürlich wichtig, von denen Grünes Licht zu bekommen, dass ich diesen Film auch machen darf. Und ich habe dann Herrn Strelzyk schon vor sechs, sieben Jahren das erste Mal getroffen und ich war angenehm überrascht, wie offen sie waren. Leider ist Peter Strelzyk vor zwei Jahren verstorben, konnte den Film auch nie sehen, aber ich hatte so das letzte große Interview mit ihm führen können. Und ich habe so eine ganz typische Wessi-Frage gestellt.

Gruppenbild von den zwei Familien, die 1979 per Ballon aus der DDR flohen.    (picture alliance / dpa / null / Feldrapp)Die beiden Familien am Tag nach der gelungenen Flucht in den Westen. (picture alliance / dpa / null / Feldrapp)

Ich saß da, und das Gespräch ging los mit der Frage: Warum? Und das würde ich heute gar nicht mehr fragen nach all den Geschichten, die ich gehört habe. Ich habe mich jetzt fünf, sechs Jahre damit intensiv auseinandergesetzt und mir viele Geschichten angehört. Und diese Frage, warum man das riskiert, um in Freiheit leben zu können, diese Frage stelle ich heute gar nicht mehr.

Rahmlow: Warum nicht?

Herbig: Naja, ich kann das auf eine gewisse Art und Weise natürlich nachvollziehen. Ich habe das selber nicht erlebt, ich bin – obwohl ich bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen bin –, doch recht behütet im Westen aufgewachsen. Wir hatten keinen Kontakt zur ehemaligen DDR, weder Freunde noch Verwandte. Für mich war diese Freiheit eine Selbstverständlichkeit.

Der Wunsch nach Freiheit

Aber wenn man diese Geschichten so hört, gerade die Familie Wetzel oder Strelzyk, denen ging es ja eigentlich oberflächlich, auf den ersten Blick gar nicht so schlecht. Die hatten ein Auto, die hatten auch ein Häuschen. Aber irgendwann ist das alles nicht mehr relevant, sondern irgendwann ist der Drang und der Wunsch so groß nach Freiheit und nach Selbstbestimmung – sagen können, was man will, was man denkt – dass man alles aufs Spiel setzt, um das endlich erreichen zu können.

Rahmlow: Jetzt haben Sie gerade gesagt, dass Sie als Wessi nicht in Fettnäpfchen treten wollen. Hatten Sie das Gefühl, dass da eine reelle Gefahr besteht?

Herbig: Na klar! Jetzt habe ich natürlich in den letzten, sagen wir mal, 15 oder 20 Jahren meine Brötchen hauptsächlich mit Komödie verdient und habe im Grunde hauptsächlich Comedy gemacht. Und jetzt kommt da jemand daher, und die Gefahr, dass jemand, gerade jemand, der damals im Osten Deutschlands aufgewachsen ist, sagen könnte, ja, jetzt kommt der Herbig daher und der will uns jetzt … Jetzt kommt der Komiker aus Bayern, der will uns jetzt erzählen, wie die DDR funktioniert hat.

Der Komiker aus Bayern erzählt von der DDR

Da wollte ich eben überhaupt kein Risiko eingehen, deswegen war das gut, dass man so sechs, sieben Jahre Vorbereitungszeit hatte, dass man Berater hatte, dass man viele Gespräche geführt hat. Ich bin sogar am Ende noch, als das Drehbuch soweit war, dass man es eigentlich drehen kann, bin ich noch mal mit Leander Haußmann – der auch selber Drehbuchautor ist, Theaterregisseur, Filmemacher, der den Osten ja sehr gut kennt, weil er nicht nur dort aufgewachsen ist, sondern auch die Themen schon inszeniert hat – mit ihm bin ich noch mal zwei Wochen dieses Buch durchgegangen, damit der Film die richtige Tonalität hat.

Wir haben Teammitglieder gehabt, die diese Welt noch kannten oder kennen, auch vor der Kamera. Gerade Thomas Kretschmann, der ja den Oberstleutnant spielt, den Stasi-Mann, der ja selbst eine Fluchtgeschichte hat. Das war für mich ganz wichtig, dass wir da so eine DNA drin haben. Das, gepaart mit jemandem wie mir, der den Blick von außen darauf hat, der sich das so erarbeitet, das fand ich eine spannende Mischung.

Rahmlow: 30 Jahre nach dem Mauerfall oder knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall hatten Sie schon noch das Gefühl, ich muss da extrem vorsichtig sein.

Das Thema des Films: Verantwortung

Herbig: Das ist ein ganz sensibles Thema, klar. Ich glaube, dass das auch damit zu tun hat, dass eine Menge Leute in Ostdeutschland immer noch das Gefühl haben, wahrscheinlich auch zu Recht, dass sie übergangen wurden; dass die Geschichten jetzt, die man über Deutschland erzählt, immer aus so einer westlichen Perspektive erzählt werden. Und deswegen habe ich schon versucht, das sehr sensibel und eher konzentriert auf die Familien zu erzählen und gar nicht so sehr mir ein Urteil zu erlauben. Da geht es um zwei Familien, die nichts anderes wollen, als in Freiheit leben. Das war am Ende das Thema des Films: Verantwortung.

Foto von einem Heißluftballon, der in einer Hecke hängt. (picture alliance / dpa / null / DB)Historisches Pressefoto: der Heißluftballon an der Landestelle, in Naila (Bayern). (picture alliance / dpa / null / DB)

Rahmlow: Wie ist denn dann Ihr Verständnis über die ehemalige DDR gewachsen in diesem langen Prozess, auch vor dem Hintergrund, dass Sie sagen, Sie wollten da unvoreingenommen rangehen und Sie wollten da auch vor allem nicht überheblich an dieses Thema herangehen?

Herbig: Ich hatte schon den Eindruck, dass das bis dato zumindest bei mir eine relativ oberflächliche Betrachtung war, denn, wie gesagt, für mich hat sich ja nichts verändert seit der Wiedervereinigung. Ich fand es toll, ich fand das großartig, ich fand gerade 1990 ein tolles Jahr, da sind wir auch noch Fußballweltmeister geworden, da herrschte so eine Aufbruchsstimmung. Es war alles optimistisch, alles positiv. Und ich habe das so mitgenommen in meinem Leben, habe mich – wie gesagt – gar nicht so sehr damit auseinandergesetzt, auch wenn ich mit anderen Filmen davor, mit meinen Komödien, im Osten war.

Erfüllte und enttäuschte Hoffnungen

Ich fand das toll, wie sich da Dinge entwickelt haben. Aber ich habe natürlich nicht die Details gesehen. Und ich kann mir überhaupt kein Urteil erlauben, wie sich das angefühlt hat. Ich kann nicht sagen, hätte ich auch gemacht, hätte ich anders gemacht. Ich war nie in der Situation. Aber ich habe so das Gefühl, dass das alles natürlich auch Einzelschicksale sind, und viel immer mit einer Erwartungshaltung zu tun hat. Nehmen wir mal den Günter Wetzel, das war ein Familienvater von diesen beiden Familien, die in dem Ballon geflohen sind, der hat seine Chance genutzt. Der hat sich ein Leben aufgebaut mit Selbstbestimmung, der hat seine Träume erfüllt.

Aber ich glaube, es gibt auch eine Menge Leute, die sind mit einer anderen Erwartungshaltung, ich möchte noch nicht mal sagen mit einer falschen, sondern einfach schlichtweg mit einer anderen Hoffnung, mit einer anderen Erwartungshaltung in diese Wiedervereinigung reingegangen und sind womöglich enttäuscht worden. Deswegen kann man das nicht alles so pauschalisieren, finde ich.

"Eine Komödie über die Wiedervereinigung?" - "Tolle Idee"

Rahmlow: "Ballon" ist ja ein Thriller oder ein Drama, je nachdem, wie man das jetzt bezeichnen will. Sie haben jetzt gerade auch schon gesagt, bekannt geworden sind Sie natürlich vor allem durch Ihre Komödien. Haben Sie den Eindruck, dass man 30 Jahre nach dem Mauerfall eine Komödie machen könnte über das Thema Wiedervereinigung, in der sich alle Seiten, Ost wie West, wiederfinden könnten und über die man gemeinsam lachen könnte?

Herbig: Ich glaube schon, dass das geht. Das ist übrigens eine tolle Idee, vielen Dank dafür!

Rahmlow: Gerne!

Herbig: Ich denke mal drüber nach. Also, das kann ich mir gut vorstellen, wenn man da sensibel mit umgeht und vielleicht muss man so ein Drehbuch dann auch … Das könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, das mit Leander Haußmann zu entwickeln: Dann treffen da so zwei Welten aufeinander, die Lust hätten, etwas zu gestalten, was die Leute unterhält.

Ich habe ja eh die Meinung, dass man auch solche Themen … Wir haben es gerade angesprochen, es ist ein Thriller, und das soll gar nicht zynisch klingen, deswegen war mir auch immer ganz, ganz wichtig, dass "Ballon" unterhält auf eine gewisse Art und Weise. Es nützt ja nichts, wenn du einen Film machst, und das ist alles sehr verkopft, und dann gucken sich das 50.000 Leute an. Mit "Ballon" war mir ganz, ganz wichtig, die Masse zu erreichen.

Ganz toll fand ich – wir hatten viele Schulvorstellungen bisher, das geht auch noch weiter die nächsten Wochen – zu sehen, wie eine junge Generation diesen Film empfindet. Und es gab dann auch die eine oder andere Vorführung, wo ich am Ende des Films noch zur Verfügung stand, wir haben uns unterhalten, es gab Frage-Antwort-Spielchen.

Ich fand toll, was da für Fragen gestellt worden – und dass die Schüler dann auch nach Hause gegangen sind und mit ihren Eltern darüber diskutiert haben. Ich finde, wenn ein Film sowas macht und wenn er so Geschichte spürbar macht und nachvollziehbar macht, dann ist das ein toller Nebeneffekt. Das war nicht meine Priorität, aber dass das passiert, fand ich ganz toll.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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