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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 28.09.2020

30 Jahre Deutsche EinheitSo gut ging es den Deutschen noch nie

Ein Kommentar mit Gesang von Wolf Biermann

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Wolf Biermann sitzt mit Gitarre vor einem Mikrofon. (picture-alliance / dpa / KPA)
Wolf Biermann in den 1970er-Jahren: Der Stacheldraht zwischen den beiden deutschen Staaten ging immer mitten durch mein Herz, erinnert er sich heute. (picture-alliance / dpa / KPA)

Ist zusammengewachsen, was zusammengehört? Der Musiker Wolf Biermann ist froh, wie schnell das trotz all des Trennenden gelungen ist: Wir leben 30 Jahre nach der Wiedervereinigung in einer starken Demokratie, die es zu verteidigen gilt, meint er.

"Mein Vaterland, mein Vaterland
Hat eine Hand aus Feuer
Hat eine Hand aus Schnee
Und wenn wir uns umarmen
Dann tut das Herz mir weh
Ich hab gesehn zwei Menschen stehn
Die hielten sich umfangen
Am Brandenburger Tor
Es waren zwei Königskinder
Das Lied geht durch mein Ohr"

(Auszug "Mein Vaterland, mein Vaterland", Album "VEB Biermann", 1988)

Dieses kleine Lied zeigt, was ich als junger Mann kurz nach dem Bau der Mauer fühlte und dachte. Als ein jüdisches Kommunistenkind in der Nazizeit aufgewachsen, war ich mit 16 Jahren, allein gegen den Strom der Millionen Flüchtlinge, im Jahre 1953 rüber in die DDR gegangen.

Die Teilung - ein Stacheldraht durchs Herz

Der Stacheldraht zwischen den beiden deutschen Staaten ging immer mitten durch mein Herz. Die Trennung unseres Vaterlandes tat mir weh. Und ich sprach über diesen Schmerz in meinen Liedern und Gedichten, als von einer Wiedervereinigung weder in Ost noch im Westen groß die Rede war.

Sie fragen mich, ob in den 30 Jahren - seit der Wiedervereinigung - endlich zusammenwuchs, was zusammengehört?

Solch eine große deutsche Gretchenfrage provoziert erst mal meine kleine Gegenfrage: Wieso eigentlich "zusammengehört"? Wer und was gehören im wiedervereinigten Deutschland dermaßen apodiktisch zusammen? Ost-West? Etwa reich-arm? Etwa links-rechts? Freie Bürger und gelernte Untertanen?

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Wenn ich das Trennende bedenke, ist es für unser Volk fast ein unverdientes Glück und ein Wunder, dass die geprügelten DDR-Bürger aus zwei deutschen Diktaturen - und die nach den Hitler-Zeiten in die Freiheit der Demokratie geprügelten Bundesbürger - in nur 30 Jahren zu einem demokratischen Land zusammengewachsen sind.

Unser Philosoph Hegel prägte ein wahres Wort: "Das Notwendige setzt sich immer zufällig durch." Ich war mir sicher, dass die Mauer länger hält als ich. Aber dann ist die Wiedervereinigung trotz alledem Wahrheit geworden.

Eine Gegenwart mit radikal neuen Probleme

Und wir verdanken diese historische Notwendigkeit des Hegelschen Weltgeistes dem Zufall, dass Gorbatschows Reformen zur Wiederbelebung der Sowjetunion dermaßen radikal misslangen, dass der ganze kommunistische Ostblock dabei zusammenbrach. Und also haben auch wir Deutsche nach der bleiernen Zeit des Kalten Krieges endlich mal entsprechend radikal neue Probleme und erfreulichere Ärgernisse.

Bei solchen Umbrüchen funktioniert es im Leben der Völker genauso wie für die einzelnen Menschen: Gerade die Probleme, die man aktuell bewältigen muss, erscheinen einem immer als die Allergrößten.

Weil meine Profession es aber erfordert, unsere prekäre deutsche Geschichte lebendig zu vergegenwärtigen und auch im Gedächtnis meines Gemüts zu behalten, kann ich ganz gut vergleichen. Und darf also behaupten: So gut, wie es den Deutschen nach der Wiedervereinigung ergeht, ging es ihnen noch niemals!

Starke Demokratie, die es zu verteidigen gilt

Trotz dieser und jener Widrigkeiten beim Zusammenwachsen und nationalistischen Fratzen zeigt Deutschland der Welt endlich wieder: "Das freundliche Gesicht der Vernunft" - und das ist den humanen Traditionen unserer tausendjährigen Geschichte angemessen.

Wir genießen eine starke Demokratie, die es zu verteidigen gilt. Ein Narrenparadies wird es nie geben. Schrecklich unvollkommen nämlich wird jede demokratische Gesellschaft immer wieder sein. Immer wieder müssen wir unlösbare Probleme lösen. Kurz und klar: Ich bin heilfroh darüber, dass wir Deutschen dermaßen gut in erstaunlich kurzer Zeit zusammengewachsen sind.

Als die Mauer endlich gefallen war, schrieb ich mir ein Lied, das treffender als allerhand Argumente auf den Punkt bringt, was der alte Biermann heute denkt und fühlt:

"Um Deutschland ist mir gar nicht bang
Die Einheit geht schon ihren Gang
unterm Milliardenregen
Wir werden schön verschieden nass
Weh tut die Freiheit und macht Spaß
ein Fluch ist sie, ein Segen
Heimweh nach früher hab ich keins
nach alten Kümmernissen
Deutschland, Deutschland ist wieder eins
nur ich bin noch zerrissen"

(Auszug aus "Um Deutschland ist mir gar nicht bang" "Paar eckige Rund'n drehn", Wolf Biermann & Pamela Biermann und das ZentralQuartett, 2016)

Ist in Deutschland 30 Jahre nach der Wiedervereinigung zusammengewachsen, was zusammengehört? Das hat Deutschlandfunk Kultur ganz unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler, Autorinnen und Autoren gefragt. In den Tagen vor dem 3. Oktober sind ihre Kommentare im Politischen Feuilleton zu hören und zu lesen.

Montag 28.9.: Wolf Biermann, Musiker und Dichter
Dienstag, 29.9.: Annette Simon, Psychoanalytikerin, Tochter von Christa Wolf
Mittwoch 30.9.:Ingo Schulze, Schriftsteller
Donnerstag, 1.10.: Jana Hensel, Autorin und Journalistin
Freitag, 2.10.: Markus Ziener, Publizist

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