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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 07.11.2014

25. JahrestagDer Mauerfall aus jüdischer Sicht

Ein Stimmungsbild aus den Berliner Gemeinden

Von Miron Tenenberg

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Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße, Berlin. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Hatte mehr Platz, war vielen West-Berlinern aber zu weit weg: Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Nach dem Mauerfall mussten auch die jüdischen Gemeinden aus West- und Ost-Berlin wieder zueinander finden. Das lief nicht immer reibungslos. Einige Zeitzeugen erinnern sich.

Trennung und Abschottung - dafür war Berlin mit seiner Mauer 28 Jahre lang bekannt. Doch vor und hinter der scheidenden Mauer ging der Alltag seinen Weg. Auch die Juden der beiden Stadthälften lebten parallel in dieser Stadt. Heinz Galinski, der langjährige Gemeindevorsitzende der West-Berliner Gemeinde, hatte den Vorsitz bereits 1949 inne, als die Mauer noch lange nicht in Sicht war. Während der Teilung Berlins wuchsen zwei eigenständige Gemeinden heran. Dennoch gab es Kontakt zwischen Ost- und West-Berlin.

"Es gab ja innerhalb der großen West-Berliner Jüdischen Gemeinde eine kleine, aber durchsetzungsstarke Gruppe, die regelmäßig von sich aus Kontakt zu der Ost-Berliner Gemeinde gesucht hat. Also Estrongo Nachama kam regelmäßig, aber auch Rabbiner Stein kam zu Veranstaltungen ‑ haben den Kontakt zu uns gesucht und mit uns gefeiert ..."

… erinnert sich Konstantin Münz, der sich selbst als engagiertes Mitglied der damaligen Ost-Berliner Gemeinde bezeichnet.

"Die Ost-Berliner Gemeinde war halt nicht so groß und die Nicht-Kranken und Nicht-Gehbehinderten waren dann die, die als engagiert zählten."

Manfred Friedländer gehörte zu den West-Berlinern, die regelmäßig zu Besuch in die Oranienburger Straße fuhren. Der heute 79-Jährige war damals Gabbai in der Synagoge Pestalozzistraße:

"Wir sind immer mit vollen Autos rübergefahren; und das war ja immer das Schöne, wir kannten die anderen dann schon. Irgendein Auto ist, glaube ich, kaputtgegangen und ich wurde dann gefragt, ob ich mitfahren will und dann habe ich ja gesagt. Einmal bist du bei, dann bist du das nächste Mal auch wieder dabei. Aber es war nicht sehr oft. Also ich war höchstens zehnmal drüben. Höchstens!"

Doch der Mauerfall kündigte sich an. Die Friedliche Revolution nahm seit den Kommunalwahlen im Mai 1989 in der DDR seinen Lauf. Peter Fischer, der ab 1989 Sekretär des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR war, berichtet von einem Gespräch mit dem damaligen Rabbiner aus der Pestalozzistraße, Rabbiner Ernst Stein:

"Ich weiß noch wie das Gespräch war mit Rabbiner Stein: Wir hatten uns unterhalten und er hat mir in seiner sarkastischen Art gesagt, das Ding ist gelaufen, da war die Mauer noch nicht gefallen ‑ da haben Sie aber klar gesagt, das Ding ist gelaufen."

Mit der unvermittelten Öffnung der Mauer standen beide Seiten plötzlich vor großen Aufgaben, wie es Andreas Nachama erklärt. Es hat alle überrascht ...

"… dass da Dinge in Bewegung kamen, von denen wir alle gedacht hätten, in unserer Lebenszeit würden die sich nicht mehr verändern. Und das ist das interessante an dieser Zeit gewesen, dass dann doch in allem Improvisieren und dass Sachen ganz schief oder abstrus gelaufen sind, gar keine Frage!"

Große Aufgaben während der Zeit des Mauerfalls

Andreas Nachama, der von 1997 bis 2001 selbst Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde war, kann heute die Schwierigkeiten während der Zeit des Mauerfalls sehen:

"Die Integration der jüdischen Gemeinde von Ost-Berlin und West-Berlin hat stattgefunden zwischen den Menschen, aber nicht institutionell. Wie wächst das zusammen? Insofern würde ich das als extrem spannende Zeit bezeichnen, aber auch eine, wo man im Rückblick sagt, da hat man an vielen Stellen nicht unbedingt das Falsche gemacht, aber das Richtige nicht gesehen."

Das empfand auch Peter Fischer im Osten der Stadt. Hier, wo die Strukturen zusammenbrachen, politische Gespräche geführt wurden und man dennoch hilflos über die eigene Zukunft entscheiden musste.

"Ich war auch dieser ganzen Situation gegenüber doch gar nicht gewachsen. Ich war sehr neugierig und unsicher."

Für Peter Fischer, damals Parteimitglied der SED, war die Öffnung nicht nur von Glückgefühlen geprägt:

"Man hat immer wieder solche Großkotzigkeiten erlebt, die sehr befremdlich waren. Vor allen Dingen Silvester 1989/90, das war für uns ein ganz schreckliches Ereignis. Es hatte schon auch etwas mit Angst zu tun, was kommt denn jetzt für ein Land hier?"

Es war eine haltlose Zeit. Die Zukunft der beiden Staaten und somit auch der beiden Gemeinden stand noch offen. Das einfache System der Besuche vom Westen in den Osten – Geschenke und Dankbarkeit – genügte nicht mehr, wie Manfred Friedländer sich erinnert:

"Also am Anfang war es sehr schwer. Ich glaube, da hat man sich gegenseitig auf den Füßen gestanden. Das war ja auch nicht sofort eitel Sonnenschein."

Auch Konstantin Münz beschreibt das Durcheinander dieser Zeit:

"Es vereinigten sich eine Gemeinde mit 8000 Mitgliedern mit einer Gemeinde mit 205 Mitgliedern. Natürlich war es für alle West-Berliner der Weg von der Fasanenstraße in die Oranienburger Straße viel weiter als von der Oranienburger Straße zur Fasanenstraße ‑ das geht ja viel schneller. Also aus dieser Sicht wurden Versammlungen immer in Fasanenstraße eingeladen, selbst wenn die Räume da kleiner waren."

Wiedervereinigt als Familie?

Ob sich die beiden Gemeinden nun als Familie wiedergefunden haben, sind sich Peter Fischer und Andreas Nachama immer noch nicht einig:

Nachama: "Der jüdische Kulturverein war ja die Fortführung der Familie würde ich mal sagen."

Fischer: "Nee."

Nachama: "Doch."

Fischer: "Nee."

Nachama: "Doch."

Nachama: "Für einen Außenstehenden, wie mich, war das so."

Fischer: "Ja für Dich, Du bist ja auch hingegangen."

Nachama: "Die Situation, die sich aus West-Berliner Sicht ergab, war, dass sehr viele Dinge in Bewegung gekommen waren."

Dennoch mahnt Rabbiner Stein, die speziell jüdische Sicht auf den 9. November nicht zu vergessen:

"Die Mauer war das letzte große, sichtbare und spürbare Ding, das an das große Unheil erinnert hat, was hier in den vorhergegangen Zeiten der NS-Herrschaft stattgefunden hat. Das war es und wenn heute darüber Ballons aufgestiegen werden lassen, so ist das unerträglich ohne das Andere auch zu erwähnen! Die Mauer hatte eine ganz andere Funktion für mich, sie war ein Zeichen!"

Mehr zum Thema:

Streit entzweit jüdische Gemeinde in Berlin
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 29.06.2013)

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