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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.02.2015

25 Jahre Währungsunion "Das führte dann zum wirklichen Untergang der DDR"

Edgar Most im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Dresdner Familie tauschte am 01.07.1990 in einer Sparkasse in Dresden Ostmark gegen D-Mark. Am 01. Juli 1990 trat die Währungsunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR in Kraft.  (picture alliance / dpa / Foto: Ulrich Hässler)
Diese Dresdner Familie tauschte Ostmark gegen D-Mark. Die Währungsunion wurde von Bundeskanzler Helmut Kohl am 6. Februar 1990 angekündigt. (picture alliance / dpa / Foto: Ulrich Hässler)

Auch 25 Jahre nach der deutschen Währungsunion hält der letzte Vizepräsident der Staatsbank der DDR, Edgar Most, die damaligen Entscheidungen der Regierung von Helmut Kohl für eine "Katastrophe". Der habe einfach Hals über Kopf entschieden.

Die Politik sei vor 25 Jahren übermächtig gewesen, sagte der letzte Vizepräsident der Staatsbank der DDR Edgar Most im Deutschlandradio Kultur. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) habe nichts gefragt, sondern einfach nur entschieden. Es habe damals gemeinsame Gespräche gegeben, wie man zu einer einheitlichen Währung kommen könne, aber "nicht so Hals über Kopf". Kohl und seine Leute aus dem Finanzministerium, Thilo Sarrazin und Horst Köhler, hätten dann Dinge auf den Tisch gelegt, die niemals richtig berechnet worden seien.

Das Vermögen der DDR spielte keine Rolle

"Die Werte der DDR spielten überhaupt keine Rolle", sagte Most. "Das führte dann zum wirklichen Untergang der DDR." Erst durch diese Entscheidungen sei der Staat marode geworden. "Das muss man einfach nochmal in Erinnerung rufen." Natürlich habe es große Probleme in der Wirtschaft der DDR gegeben, aber das habe nichts damit zu tun, dass der Staat pleite gewesen sei. "Das Vermögen der DDR war noch ein Vielfaches  von den Schulden der DDR", sagte Most. Über die Schulden sei später nicht mehr geredet worden, weil sie schnell beglichen worden seien.

Niedriger Umrechnungssatz führte zu Bankrott

Most sagte, er habe damals nicht den Eindruck gewonnen, dass Fachleute wie der damalige Unterhändler von Kohl, Hans Tietmeyer,  überhaupt bereit gewesen seien, sich dieser Sichtweise anzunähern. "Und dann kam eben dieser Umrechnungssatz, der eins zu zwei war, zum Teil  eins zu eins und das bedeutete den wirklichen Bankrott der DDR", sagte er.

 


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Am 6. Februar, also vor genau 25 Jahren, hatte Helmut Kohl die Währungsunion angekündigt, gut drei Monate später wurde ein entsprechender Vertrag unterzeichnet und am 1. Juli 1990 trat sie dann in Kraft. Damals war Edgar Most Vizepräsident der Staatsbank der DDR, später wurde er Mitbegründer der Deutschen Kreditbank und arbeitete dann bis vor ungefähr zehn Jahren in führenden Positionen bei der Deutschen Bank. Schönen guten Morgen, Herr Most!

Edgar Most: Schönen guten Morgen!

Kassel: Ich unterstelle einfach mal, dass auch Ihnen bei diesen alten Tönen und bei der Erinnerung ein gewisser Schauer über den Rücken läuft. Aber ist es bei Ihnen ein Schauer des Grauens?

Most: Bei mir ein Schauer des Grauens. Denn mit diesen Entscheidungen, die Karl Otto Pöhl ja nicht wollte – er wollte das etwas, na ja, ich sage mal, überdenken alles, und dann erst die anderen Prozesse durchführen –, war das, was Helmut Kohl verkündet hat und man dann auch durchgezogen hat, im Prinzip eine Katastrophe, die bis zum heutigen Tage wirkt.

Der Staat wurde erst durch die Entscheidungen marode

Kassel: Aber wie konnte es denn sein, dass sich damals die jeweiligen Staatsbanken in Ost und West, die Experten einig waren und trotzdem nichts verhindern konnten?

Most: Ja, weil die Politik übermächtig war. Die hat gar nicht mehr gefragt, einfach nur entschieden. Also, ich war ja in den Gesprächen, die Karl Otto Pöhl nach seinem Präsidenten in der Staatsbank der DDR durchführte, mit Herrn Horst Kaminsky, war ich ja zugegen und habe mit ihm auch über bestimmte Themen gesprochen, da war das alles noch sehr weit. Auch die Gedankenwelt war noch sehr weit. Wir haben gesagt, wir haben nichts dagegen, wir müssen überlegen, wie wir zur einheitlichen Währung kommen, aber nicht so Hals über Kopf.

Und Herr Kohl und seine Leute aus dem Finanzministerium, Sarrazin und Köhler, die haben ja dann eigentlich was auf den Tisch gelegt, was nie richtig berechnet war. Also, die Werte der DDR spielten überhaupt keine Rolle. Und das führte dann zum wirklichen Untergang der DDR. Es wurde ja immer gesagt, dieser marode Staat, der ist erst durch diese Entscheidungen marode geworden. Das muss man einfach noch mal in Erinnerung rufen.

Kassel: Aber andererseits, wenn Sie das behaupten, es gab ja schon am 30. Oktober 1989 eine Analyse des Chefs der Plankommission beim Ministerrat der DDR.

Most: Ja, da habe ich ja mit dran gewirkt ...

Kassel: Ja, aber war nicht das Fazit dieser Analyse, dass schon damals die DDR kurz vor der Pleite stand?

Most: Ja, aber man muss ja immer sehen, wofür solche Aufträge ausgelöst werden. Und damals hatte ja Egon Krenz die Macht übernommen. Und für den sollte nüchtern und ganz realistisch mal aufgezeigt werden, wo wir stehen und wie man das ändern kann. Ich habe auch danach noch oft mit Egon Krenz gesprochen. Also, im Prinzip kann man das nicht als Maßstab nehmen, was da aufgeschrieben ist. Ich war selber dabei, wir haben selber mitgearbeitet, die Staatsbank, und insofern weiß ich genau, mit welchem Ziel das alles formuliert wurde.

Natürlich gab es Probleme, das ist ja nie bestritten worden. Wir hatten interne Probleme in der Wirtschaft, in der Verteilungsstruktur, weil Honecker damals die Akkumulation zurückgefahren hat und die Konsumption nach oben geschoben hat in der Verteilungsstruktur. Das führte zu großen Problemen in der Wirtschaft. Aber das hat nichts damit zu tun, dass die DDR pleite war. Das Vermögen der DDR war noch ein Vielfaches von den Schulden der DDR. Über die Schulden der DDR hat ja auch später in den Jahren gar keiner mehr geredet, die waren relativ schnell beglichen.

Kommt die Mark, bleiben wir!

Kassel: Was aber doch damals überall zu sehen war und was viele Politiker dazu gebracht hat zu sagen, wir können gar nicht warten, waren diese Plakate, auf denen stand: Kommt die D-Mark, bleiben wir! Und das stand vor dem Hintergrund, dass viele eben da nicht mehr blieben.

Most: Ja, haben wir ja nichts dagegen, man hätte ja die D-Mark bringen können. Auch das ist ja bei uns intern diskutiert worden und dazu gab es ja auch Bereitschaft im Osten. Aber die Frage, wie, mit welchen Umrechnungssätzen, mit welchen Zielen, das war eine ganz andere Problematik. Und das war ...

Kassel: Der Kurs war dann eins zu zwei. Welchen Kurs hätten Sie denn damals gewollt?

Most: Der Kurs, ich hätte der Bevölkerung diese Fakten gelassen. Wir hatten ja noch etwa 17 Milliarden Spareinlagen, das war nicht das Thema. Aber die Wirtschaft, die ist ja schon ganz anders innerhalb der DDR umgerechnet worden. Wir hatten ja, 70 Prozent unseres Vermögens ist jedes Jahr gewachsen durch Export und Import. Und der wiederum 70 Prozent über den Transferrubel, also RGW-Abrechnungen. Und der stand damals eins zu 4,49. Also hätte man zumindest diesen ganzen Teil umrechnen müssen in der Wirtschaft zu eins zu vier oder eins zu fünf. Und das  ganze nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet, also die Dollar-Abrechnungen, die standen ... Im Prinzip gab es da eine interne Regelung, wie die D-Mark zum Dollar stand, das waren 4,4, und die wurden noch multipliziert mit einem Richtungskoeffizienten. Und dieser Richtungskoeffizient, der lag bei 1,8/1,9, der wurde jedes Jahr neu festgelegt. Das lief unter geheime Verschlusssache, aber die Betriebe, die damit zu tun hatten, wussten das.

Gespräch mit Helmut Kohl in Bonn

Kassel: Hatten Sie eigentlich damals, vor 25 Jahren, auch mal Gelegenheit, mit Helmut Kohl selber zu darüber zu sprechen?

Most: Ja, ich habe selber mit ihm gesprochen und ich war ja dann auch eingeladen als Chef der Deutschen Kreditbank am 20. April zum Deutschen Bankentag in Bonn in die Beethovenhalle. Da hat er direkt neben mir gesessen, vier Stunden. Und ich habe in dieser Zeit die Bilanz der Staatsbank mitgenommen. Das war ja eigentlich verboten, die mit nach dem Westen zu nehmen, aber ich habe die einfach mitgenommen, weil ich mit dem Auto gefahren bin und nicht mit dem Zug und nicht mit dem Flugzeug. Und als ich mit ihm da saß, habe ich ihm die überreicht und habe gesagt, Herr Kohl, hier steht die Wahrheit drin, alles andere ist Unfug, was irgendwo aufgeschrieben ist, Statistik und Schürer-Papier und, und, und. Und mit diesen Zahlen müssen Sie anders umgehen. Und das bedeutet für mich, wir brauchen einen Umrechnungssatz für die Wirtschaft, der bei eins zu sieben, eins zu acht liegt. Und dann wird das Vermögen erst mal der Wirtschaft real und realistisch dargestellt. Dann erst kann man ...

Kassel: Und was hat Helmut Kohl gesagt?

Most: ... die Treuhand beauftragen, die Privatisierung durchzuführen.

Kassel: Was hat Helmut Kohl gesagt damals, zu Ihnen?

Most: Er hat gesagt, davon versteht er nichts. Er hat dann den Herrn Tietmeyer mit an den Tisch geholt, dann haben wir mit Tietmeyer noch gesprochen, der sagte, wer soll denn die Schulden tragen. Da habe ich gesagt, die ersten Schulden sind immer die geringsten, das wird am Ende nur teurer, wenn Sie nichts machen! Darüber haben wir wirklich intensiv gesprochen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sowohl die Fachleute wie Tietmeyer überhaupt bereit waren, sich diesen Gedanken anzunähern. Und dann kam eben dieser Umrechnungssatz, der eins zu zwei war und zum Teil eins zu eins. Und das bedeutete den wirklichen Bankrott der DDR. Nicht vorher.

Kassel: Herzlichen Dank, Edgar Most war das, er war damals vor 25 Jahren Vizepräsident der Staatsbank der DDR, als die Währungsunion kam und die D-Mark zu einem Wechselkurs von eins zu zwei in den Osten brachte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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