Seit 20:03 Uhr Konzert

Freitag, 15.11.2019
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Rang I | Beitrag vom 02.12.2017

25 Jahre Theaterensemble "Ratten 07"Vom Obdachlosentheater zum obdachlosen Theater

Von Michael Laages

Podcast abonnieren
"Lumpazi Vagabundus" nach Nestroy führt das Obdachlosentheater "Ratten 07" 1997 in der Volksbühne in Berlin auf. Hier bei einer Probe am 9.1. Claudia als "Peppi" und Charly als "Leim" (l.u.r. knieend) und Monster als "Hobelmann (r) sowie andere.  (dpa)
"Lumpazi Vagabundus" nach Nestroy: Aufgeführt vom Ensemble "Ratten 07" 1997. (dpa)

Im Spätherbst 1992 begann nicht nur die Intendanz von Frank Castorf in der Ostberliner Volksbühne. Auch ein Theater im Theater gründete sich – "Ratten 07", ein Ensemble von Obdachlosen. Heute sind nicht mehr alle Schauspieler wohnungslos, dafür fehlt ihnen eine feste Spielstätte.

"Hallöhchen, ich bin Flöhchen", stellt Florya sich vor, die Anfang der 90er-Jahre aus Bad Bentheim nach Berlin gespült wurde:

"8. August 1996 war eine Räumung bei mir, Ende desselben Jahres habe ich bei den Ratten angefangen. Ich hab viel Alkohol getrunken in der Zeit, weiß also nicht mehr alles, aber vieles noch. Mein Hund war oft dabei zu Anfang, der Flox, Flox Perssereka – der hat in den ersten beiden Jahren jedes zweite Stück mitgespielt, irgendwie ergab sich das so."

Vor gut zehn Jahren – und nach zehn Jahren – hat sie aufgehört bei den "Ratten".

Mit der neuen Produktion "Lumpazi Vagabundus" nach Nestroy hat das Obdachlosentheater "Ratten 07" 1997 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Premiere. Hier bei einer Probe Heinz als "Stellaris".  (Zentralbild)Heinz 1997 als "Stellaris" in "Lumpazi Vagabundus" nach Nestroy. (Zentralbild)

Der aktuelle Senior, 80 Jahre alt, war mit ihr gemeinsam ins Team gekommen. 

"Ja, ich bin Heinz, ich bin 1997 zu den Ratten gekommen, meine erste Rolle war ein Staatsrat in Leonce und Lena. Später war ich auf Gott abonniert – Papst bin ich aber nie geworden. Ich komme aus Duisburg, aus dem Pott. Ich hab auf Dachböden geschlafen, im Flur . Das ist schon eine Lebensweise: Ratten ... oft chaotisch, aber interessant, und macht immer wieder Spaß."

Ziemlich neu dagegen ist Christian:

"Ich hatte vorher schon mal Theater gespielt, dann war ich Erzieher – und dann war ich gar nix mehr. Wir haben eine Künstlergruppe, da male ich und mache Skulpturen, dann bin ich im Radio beim Hörspiel, dann hab ich eine Band – und dann hab ich die Ratten."

Und auch die aktuelle Chefin ist noch recht neu. Uta Kala war Bühnenbildnerin …

"Ich hab jetzt innerhalb dieser fünf Jahre auch noch eine Ausbildung zur Theaterpädagogin gemacht, weil –das sag ich ganz ehrlich - aus dem Staatstheater- und Stadttheater-Bereich waren meine sozialen Kompetenzen auch nicht so ausgeprägt."

Hunni, Sysiphus Graubarth und Jürgen "der Schlachter"

Die ursprünglichen "Ratten" sind oft schon lange tot: Hunni, bürgerlich: Uwe Hundertmark aus Celle, ein richtiger Berber mit starken Bewusstsein fürs Frei-Sein auf der Straße. Oder Wolfgang Sysiphus Graubarth, der so hieß, weil dieser graue Bart ihn unverwechselbar machte. Jürgen "der Schlachter" war –angeblich – bei der Fremdenlegion gewesen – und ist auch schon lange tot. Rolfi strickte bunte Mützen, Jumbo war der einzige, der in die Bürgerlichkeit hinüber wechselte.

Für gut eineinhalb Jahrzehnte hatte das Ensemble Platz unter dem Dach der Volksbühne. Das Theater schmückte sich durchaus mit dem Projekt, einzelne "Ratten" spielt in Inszenierungen von Christoph Marthaler und Frank Castorf mit, Herbert Fritsch gastierte als Schauspieler. Oft wurde gestritten gegen die Truppe, aber der Intendanz hat sie immer geschützt. Castorf wusste, was er an den "Ratten" hatte.

"Über Winter habe ich viel in der Volksbühne genächtigt"

Inzwischen gibt es mehrere "Ratten"-Generationen, Flo und Heinz gehören zur mittleren – wie wichtig war es fürs Theater, tatsächlich obdachlos zu sein? Flo sagt:

"Die erste Zeit, wo ich bei den Ratten war, war ich obdachlos, auch über Winter, das war ganz toll, und da hab ich auch viel in der Volksbühne genächtigt oder bei Kumpels oder wo auch immer, aber Volksbühne war viel dabei, also auch eine Zuhause oder so, ganz klar. Aber auch als ich dann eine Wohnung hatte, ging es nicht darum, dass ich sage: Okay, jetzt kauf ich mir einen Fernseher und setz mich davor und lass die Welt Welt sein und mach es mir gemütlich. Da war ich immer noch mit den Punks am Bahnhof oder am Alex oder mit den Ratten auf einer Probe oder so."

Und Uta weiß, dass das Wohn-Problem immer wiederkehren kann im neuen Berlin: "Das heißt nicht: Nur weil der Großteil heute eine Wohnung hat oder nicht obdachlos ist, dass die Bedrohung nicht immanent da ist!"

Dazu passt die Situation des Theaters selbst: "Eine Spielstätte haben wir überhaupt nicht. Deshalb auch die Umbenennung vom Obdachlosentheater ins obdachlose Theater."

 Das Berliner Obdachlosentheater "Ratten 07" spielt "Der Brotladen" von Brecht 1998 in der Berliner Volksbühne. Hier bei der Fotoprobe: Rolf als Bäckermeister Meininger (l) und Monster als Holzhändler Reuter (r).  (dpa )Rolf als Bäckermeister Meininger (l) und Monster als Holzhändler Reuter (r) in "Der Brotladen" von Brecht 1998. (dpa )

Auf dem RAW-Gelände ist nur das Büro, dort werden Anträge an die Kulturbehörde geschrieben, um Produktionsmittel zu ergattern. Denn nur die garantieren Proben- und Spiel-Orte. Einmal pro Woche treffen sich alle.

Am Wahlnachmittag übrigens haben auch sie die "alte Heimat" besetzt, "ihre" Volksbühne. "Mir war es sozusagen ein Fest! Ein Fest für die Ratten, nochmal an diesem Ort spielen zu können."

Zwei Stücke sind derzeit geplant – eins zur deutschen Revolution von 1918, Arbeitstitel: "Der große Kladderadatsch", und eine freie Fantasie über Daniel Defoe und die utopische Piraten-Republik auf Madagaskar. Piraten und Utopie – beides passt gut zu "Ratten 07" im 25. Jahr.      

Mehr zum Thema

Nach der Räumung der Volksbühne - Sechs Tage gelebte Utopie?
(Deutschlandfunk Kultur, Rang I, 30.09.2017)

Theater-Besetzung in Berlin - "Es scheint doch vor allem eine politische Aktion zu sein"
(Deutschlandfunk Kultur, Rang I, 23.09.2017)

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

Netz-IkonenWenn Protestbilder viral gehen
Die Aktivistin Leshia Evans stellt sich im Juli 2016 der Polizei entgegen. In Baton Rouge, im US-Bundesstaat Louisiana, war es zu heftigen Protesten gegen Polizeigewalt gegen Afroamerikaner gekommen. (World Press Photo/AP Photo/Jonathan Bachmann/Thomson Reuters)

Bilder spielen für Protestbewegungen eine zentrale Rolle. Über sie können Botschaften transportiert werden und besonders ikonische Fotos können mehr Aufmerksamkeit für ein Thema wecken. Wie hat sich diese Dynamik im Netz-Zeitalter verändert?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur