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Tonart | Beitrag vom 25.10.2016

25 Jahre Bohren & der Club of GoreDie langsamste Musik der Welt

Von Ina Plodroch

Saxofonist Christoph Clöser von der Mülheimer Band Bohren & der Club of Gore bei einem Auftritt 2013 (imago/UIG)
Saxofonist Christoph Clöser von der Mülheimer Band Bohren & der Club of Gore bei einem Auftritt 2013 (imago/UIG)

Ihre Musik ist so schleppend langsam, dass eine kaum zu ertragende Spannung entsteht: Seit 25 Jahren produziert die Mülheimer Band Bohren & der Club of Gore ihren Gegenentwurf zu Punk, Metal und Jazz. Ihr Musikstil "Horror-Jazz" hat eine ziemlich profane Vorgeschichte.

Bohren & der Club of Gore aus Mülheim an der Ruhr. Ihre Musik, gepresst auf acht Alben, klingt wie der Soundtrack zur Tristesse der Stadt. Oder wie die Antwort auf die digitale Schnelllebigkeit. Aber dafür ist diese Musik zu alt, und mit Mülheim hat sie auch nichts zu tun. Auch wenn die Geschichte hier beginnt.

"1987 war das. Da war ich 17. Ende unserer Schulzeit. Zu der Zeit haben wir uns Rappelkiste oder so genannt",

... erzählt Morten Gass. Gründungsmitglied von Bohren & der Club of Gore, während er in einem x-beliebigen Café in der Mülheimer Innenstadt sitzt. Gegenüber das Pfandleihhaus, daneben eine Bank. Dort spielten sie ihr erstes Konzert. Laut und schnell.

"Das war eher noch so Hardcore-Punk gewesen, zu mehr waren wir da nicht fähig gewesen. Die Band Bohren & der Club of Gore haben wir wirklich 1992 gegründet und uns so benannt. Wir wollten keinen Punk, Hardcore oder Metall mehr machen, sondern was anderes, was eigenes."

Gass scheint zu warten, bis der Ton verklingt, ehe er erneut den Finger auf die Taste des Klaviers drückt. Ein Ausweg. Denn:

"Erstmal waren wir an unseren Instrumenten nicht besonders gesegnet, sage ich mal. Wir haben halt gedacht: Langsam spielen ist einfacher. Nach einem Jahr ist uns aufgefallen: Man muss doch etwas präziser spielen, als wir uns das dachten."

Hören wollte das in den Punk- und Hardcore-Läden im Ruhrgebiet Anfang der 90er niemand. Aber das Nischen-Publikum zwischen Jazz, Metall und Film-Noir-Soundtrack-Liebhabern fand sich.

"Eigentlich, erst nachdem wir das Saxofon hatten. Vielleicht auch wegen Sade, natürlich. Wir waren und sind noch große Sade-Fans und klar, da wollte man ja auch eines haben. Nur kannte keiner von uns das Instrument."

Aber Christoph Clöser, ein Bekannter der Band, hatte es an der Kölner Musikhochschule studiert und kam 1997 dazu. Auch er hatte - wie die Band einige Jahre zuvor - keine Lust mehr auf künstlerischen Mainstream:

"Ich hatte die Nase voll vom dem Gedudel, alles was auf dem Saxofon gespielt wurde, auch im Jazz, das war mir zu irgendwie zu viel und zu lang gespielt."

Clöser spielt das Saxophon, als wolle er den Gesang ersetzen und den Typen am Tresen vertonen, der da schon seit Stunden jammert.

Seit 25 Jahren halten sie die Langeweile am Leben

Bohren & der Club of Gore ist also ein großer Gegenentwurf zum Punk und Metal, aber auch zum Jazz. Und wird dennoch Metall- oder Horror-Jazz genannt.

Clöser: "Jazz ist jetzt so ein Wort."

Gass: "Es hat was von Jazz. In gewisser Weise ja, wir haben ja das Schlagzeug mit Besen gespielt wo wir dann meinten, dass wäre dann Jazz."

Clöser: "Ja und dann Kontrabass, aber das wird nicht automatisch Jazz. Wir haben eine Songstruktur, die man nachvollziehen kann und die wir immer reproduzieren. Wir machen Songs. Also Pop. Oder wie immer man das nennen mag. Das unterscheidet uns."

Tatsächlich. Denn so konsequent langsam und mit dem Mut zur Stille mitten im Song spielt kaum eine Band ihre Musik. Das ist herausfordernd, düster – weckt aber Bilder im Kopf von der einsamen Stadt, verregnet so als hätte alles keinen Sinn mehr; aber immerhin mit Humor, wie auf dem letzten Album "Piano Nights".

Gass: "Weil das alles Schlagernamen waren. Aus irgendwelchen Schlagern. 'Ganz leise kommt die Nacht' ist so ein Ding. Unrasiert auch, ist von Freddy Quinn. Ich finde das auch schön, poetisch irgendwie."

Seit über 25 Jahren halten sie die Langweile am Leben. Obwohl oder gerade weil die Band in ihrem Alltag gar keine allzu große Rolle spielt. Morten Gass sagt: "Other Bands play, Bohren bore", Bohren langweilen. Was natürlich auch kokett ist, denn so langweilig wie Fahrstuhlmusik sind ihre Songs längst nicht. Sondern so schleppend langsam, dass eine kaum zu ertragende Spannung entsteht. Horror-Jazz eben. Und auch wenn klanglich nichts mehr vom Metal übrig geblieben ist, die Haltung hält die Band seit Jahren zusammen, meint Clöser.

"Wie die Instrumente aus dem Jazz kommen, ist die Einstellung so eine Konsequenz - man zieht sein Ding durch."

In Zukunft nur noch zu dritt. Christoph Clöser aus Köln, Morten Gass und Robin Rodenberg aus Mülheim. Bei dem Tempo ist ans Aufhören wohl nie zu denken.

Tonart

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